Im Pokal gelang der Saisonauftakt für die Kickers mit einem ungefährdeten 4:0 in Sandhausen. Ob dieses Spiel aber ein Ausblick auf ein gutes neues Jahr ist oder ob man sich in Offenbach erneut auf ein Jahr im Abstiegskampf einstellen darf, soll der heutige SEITENWAHL-Zweitliga-Check prüfen.


Ausgangslage:
Die letzten beiden Offenbacher Jahre waren von erheblicher Unkonstanz bestimmt. Das Jahr 2005 beendete man auf einem Abstiegsrang, ehe die gelungene Rückrunde auf mehr hoffen ließ. Dies setzte sich 2006/07 zunächst in der Vorrunde fort. Doch nachdem der Verein zwischenzeitlich den 6. Platz einnahm, rutschte er nach der Winterpause gewaltig ab und sah zwischenzeitlich wie ein sicherer Absteiger aus. Nach der späten Rettung am letzten Spieltag hat man nun die Konsequenzen gezogen und eine Reihe auslaufender Verträge nicht verlängert. Gleich 14 Spieler verließen Offenbach, 10 neue kamen hinzu. Insbesondere in der Abwehr sah man nach zuletzt 59 Gegentoren akuten Handlungsbedarf. Während in diesem Bereich der Kader nahezu komplett ausgetauscht wurde, vertraut man im Sturm weiter nahezu ausschließlich auf die Tore eines Suat Türker. Die Hoffnung ist groß, dass der neue Kader besser ist als der alte und endlich einmal eine konstant geruhsame Saison im gesicherten Mittelfeld absolviert werden kann.  

Zu- und Abgänge:
Drei der vier Stammspieler aus der bisherigen Viererkette mussten den Verein verlassen. Die erfahrenen Markus Happe und Rüdiger Rehm enttäuschten in der vergangenen Saison maßlos und wurden als nicht mehr gut genug befunden. Bei Matej Miljatovic war man nicht bereit, die Gehaltsvorstellungen zu erfüllen. Dafür investierte man lieber in drei neue Akteure, von denen man sich in der kommenden Saison mehr Stabilität verspricht.  

Moses Sichone
ist hiervon der bekannteste, spielte er doch lange Jahre in Köln und Aachen. Dem sambischen Nationalspieler gelang mit diesen Klubs insgesamt drei Mal der Aufstieg in die 1. Liga, was man sich von ihm in Offenbach aber allerhöchstens erträumt. Sein Spiel zeichnet sich durch beinharte Kompromisslosigkeit aus, ist aber auch durch ständige Fehler geprägt, mit denen er immer wieder in die Diskussion gerät. Trotzdem ist ihm seit 1999 das Kunststück gelungen, immer wieder einen Platz in der Innenverteidigung zu ergattern – und dies sogar in der Bundesliga sowie mit Aachen im UEFA-Cup.  

Ebenso erfahren, kompromisslos, aber souveräner ist hingegen Martin Hysky, der im Vorjahr eine der Stützen bei Rot-Weiß Essen gewesen ist. In den 90ern absolvierte der Tscheche einst noch ein Probetraining bei Borussia, wurde damals aber wieder nach Hause geschickt. Nach diversen Stationen in Osteuropa wechselte der 31jährige 2004 nach Cottbus und hat sich jetzt bereits im dritten Jahr in Folge als solider Zweitligaverteidiger bewährt.
 

Aus Saarbrücken wechselte mit Manuel Hornig eine 24jährige Alternative, die erst im letzten Jahr in der Regionalliga erstmals auf konstant gutem Niveau agierte und somit hinter den beiden Routiniers deutlich zurückstecken muss. Er bietet aber auch für die Position des Linksverteidigers eine Option, wo mit dem Brasilianer Sidney ein Techniker die Außenbahn bereichert. In der 2. Liga kann er auf drei ordentliche Jahre in Osnabrück, Essen und Cottbus zurückblicken. Im Vorjahr misslang ihm aber der Sprung in die 1. Liga. Nachdem er im Saisoneröffnungsspiel des FC Energie im Borussia-Park (0:2) nicht überzeugte, spielte er keine weitere Partie. Auch in der Oberliga-Elf der Lausitzer kam er nur zu 5 Saisoneinsätzen, so dass er sich aktuell um den konditionellen Anschluss an sein neues Team bemüht. Ist dieser geschafft sollte der 27jährige eine Bereicherung für die Elf von Wolfgang Frank darstellen.
 

Im defensiven Mittelfeld sollen Danijel Cimen und Adebowale Ogungbure die Stabilität erhöhen. Der Nigerianer ist technisch stark und extrem passsicher. Traurige Berühmtheit erlangte er in seiner Zeit bei Sachsen Leipzig, als er auf rassistische Schmährufe der Fans in Halle mit dem Hitlergruß reagierte. Im Spiel gegen den VFC Plauen soll ähnliches vorgefallen sein, wenngleich dem 26jährigen hier vorgeworfen wird, u.a. durch Herunterlassen seiner Hose die Fans provoziert zu haben. 

Weniger drastisch wird offensichtlich mit Kindern assyrischer (ugs. aramäisch) Eltern umgegangen, denn um einen solchen handelt es sich beim Ex-Frankfurter Cimen. Bei der Eintracht kam er in 16 Bundesliga-Spielen (u.a. beim 0:2-Saisonausklang 2006 gegen Borussia) zum Einsatz, konnte sich insgesamt aber nicht durchsetzen. Jetzt versucht der einstige U20-Nationalspieler ausgerechnet beim Erzfeind aus Offenbach sein Glück. Er gilt als großes Talent, das aber noch auf seinen Durchbruch wartet. In der vorigen Rückrunde an Braunschweig ausgeliehen, deutete er immerhin an, dass mit ihm zu rechnen ist.
 

Als (vorerst) letzten Neuen konnte Kickers mit Denis Epstein einen Offensivspieler an Land ziehen, der in erster Linie als Ersatz für Judt in Frage kommt. 2005 galt Epstein in Köln bereits vorschnell als neuer Lukas Podolski, nachdem er im zweiten Bundesliga-Spiel seinen ersten Treffer markierte. Dies entpuppte sich aber als Strohfeuer. Weder im Anschluss in Köln noch im Vorjahr bei Rot-Weiß Essen konnte sich der zweikampfschwache Linksaußen durchsetzen.
 

Tor/Abwehr:
Brasilianisch ist bei den Kickers das Tor besetzt. Seit 2000 steht hier César Thier im Tor, der in Santa Cruz da Sul zur Welt kam. Der inzwischen 39jährige Routinier fehlte nur 2005/06 wegen eines Knorpelschadens für ein halbes Jahr und wurde vom Ex-Borussen Sead Ramovic ersetzt. Fast schon sensationell für Thiers hohes Alter dann aber die Rückkehr, bei der der erfahrene Führungsspieler direkt an seine alte Klasse anknüpfen konnte. Im letzten Jahr war seine Leistung aber eher durchschnittlich. Probleme hat der 1,87 Meter große Torhüter beim Herauslaufen. Trotzdem dürfte er als Führungsspieler gesetzt sein, da mit Daniel Endres nur ein 22 Jahre altes Talent aus der eigenen Jugend parat steht.  

Die Viererkette könnte im Großteil aus Neuzugängen bestehen. An Hysky und Sichone sollte in punkto Erfahrung kein Weg vorbeiführen. Der Neuzugang aus Essen wird derzeit aber von einem 21jährigen Talent bedrängt. Niko Bungert hatte sich bereits in der letzten Rückrunde einen Stammplatz in der Innenverteidigung erkämpft, den er zum Pokalspiel in Sandhausen gegenüber Hysky zu behaupten verstand. 
 

Links ist Sidney gesetzt. Sein Ersatz wäre der solide-zuverlässige Bastian Pinske, der im Vorjahr u.a. wegen Leistenproblemen lange ausfiel. Er wäre gleichfalls ein Kandidat für die rechte Seite, wo ihm aber der langjährige Stammspieler Christian Müller vorsteht. Der 23jährige Ur-Offenbacher ist schnell und kann im Verbund mit Mokthari für Offensivgefahr bei Kontern sorgen. Andererseits gilt er oft als schlampiges Genie, was einen größeren Karrieresprung bislang verhinderte.
 

Mittelfeld:
Wenn man Thorsten Judt heute spielen sieht, fragt man sich, warum ein solcher Spieler nicht mehr aus seiner Karriere machen konnte. Neben Türker gehörte der Ex-Düsseldorfer zu den Garanten für den Klassenerhalt. Der mittlerweile 36jährige Oldie schlägt extrem genaue Flanken und ist auf der linken Außenbahn ein seit Jahren zuverlässiger Vorlagengeber. Jeweils 11 Assists steuerte er in den letzten beiden Jahren bei.  

Sein Pendant auf rechts heißt Oualid Mokhtari, der an die Klasse seines Bruder Youssef (MSV Duisburg) nicht heranreicht. So ist der Marokkaner zwar ein technisch starker Dribbler, der aber in seinen Leistungen viel zu unkonstant spielt. Im Vergleich zu Judt sind zudem seine Flanken weit weniger präzise, so dass er zu weit weniger Toren beiträgt. 
 

Blieben noch die beiden Positionen im zentralen, defensiven Mittelfeld, von denen eine Kapitän Thomas Wörle besetzen wird. Während er als zuverlässiger Staubsauger gilt, müssen die beiden weiteren Kandidaten für den zweiten 6er-Posten (Cimen sowie Ogungbure) erst noch ihre Zweitligatauglichkeit unter Beweis stellen.
 


Außenseiterchancen besitzt der bisherige Stammspieler Stephan Sieger, der aber vielleicht für den alternden Keeper Thier eine Alternative wäre. So ersetzte er im Dezember 2005 im DFB-Pokalspiel bei Hansa Rostock im Elfmeterschießen den vom Platz geflogenen Sead Ramovic und hielt die Kickers tatsächlich im Wettbewerb. Etwas wohler als im Tor fühlt er sich trotzdem im zentralen Mittelfeld, wo er im Vergleich zu seinen Konkurrenten offensivstärker ist, dafür aber auch relativ fehlerbehaftet in der Defensive.

 
Die Jungen Alexander Karrer, Benjamin Baier und Maximiian Watzka füllen den Kader im Mittelfeld auf, könnten bei etwaigen Verletzungen aber ihre Chance erhalten.

Sturm:
Im Sturm findet Trainer Frank ein überschaubares Angebot vor. Einzig Suat Türker entspricht hier gehobenen Zweitliga-Ansprüchen und ist im Team absolut unersetzlich. Der Deutsch-Türke ist seit 2003 im Verein und schießt seitdem konstant über 10 Tore pro Saison. Im Vorjahr waren es 14 für den Linksfuß, der von seiner Statur und Spielweise wie eine Mini-Ausgabe von Gerd Müller wirkt. Als Strafraumwühler zeichnen ihn seine gute Technik und sein harter Schuss aus. 

Ihm zur Seite gestellt wird entweder Anastasios Agritis oder Dino Toppmöller, die beide bislang aber noch nicht ihre Zweitligatauglichkeit nachweisen konnten. Der Grieche kam im letzten Winter als Ersatz für Regis Dorn (Rostock) und traf als Joker immerhin dreimal bei nur 7 Kurzeinsätzen. Er gilt eher als schneller, Konterstürmer, der auch auf die Flügel ausweichen kann. Im Vergleich dazu ist der Sohn des georgischen Nationaltrainers Klaus Toppmöller ein typischer Strafraumstürmer, der mit seinen 1,88 Metern speziell nach Standards seine Kopfballstärke einbringen kann. Bei seinen bisherigen Stationen im Profifußball (Saarbrücken, Bochum, Frankfurt, Aue, Offenbach) konnte er sich aber nur selten durchsetzen. Auch in Offenbach spielte er zuletzt eine durchwachsene Saison und kam auf 5 Tore, bei allerdings nur 9 Einsätzen von Beginn an. 

Bei aktueller Besetzung würde neben Türker wohl einer der beiden eingesetzt, je nachdem, ob man den Gegner eher auskontern (Agritis) oder zurückdrängen (Toppmöller) möchte. Sollte der Ex-Kölner Marco Reich noch einen Abnehmer finden und so Geld frei werden, wird aber wahrscheinlich ein weiterer Stürmer verpflichtet. Kaum noch zu rechnen ist zudem mit Sean Dundee, wenngleich der sich nach zahlreichen Verletzungen in den letzten Jahren wieder ans Team herankämpft. Das Tor-Krokodil hatte im Vorjahr einen letzten Anlauf im Profifußball genommen, was in der Hinrunde bei den Kickers scheiterte (14 Spiele als Joker ohne Tor). Zum Winter lieh man ihn daher in die Regionalliga zu den Stuttgarter Kickers aus, wo er aber nur 5 Mal zum Einsatz kam und maßlos enttäuschte. 
 

Taktik:
Wolfgang Frank hat sich auf ein 4-4-2-System festgelegt, bei dem zwei Spieler im defensiven Mittelfeld die Abwehr zu stabilisieren versuchen. Sollten sich im Sturm Probleme ergeben, wäre ein Umschalten auf ein 4-5-1 mit Türker als einziger Spitze sowie Mokthari und Judt in etwas offensiverer Rolle über die Außen denkbar.  

Breite des Kaders:
Der Kader ist in der Defensive ausreichend stark besetzt. Brenzlig könnte es im Sturm werden, wo bei einem Ausfall Dundees nur drei etablierte Spieler vorhanden sind. Auch im Tor verlässt man sich allzu sehr auf die Leistungskonservierung eines 39jährigen.  

Trainer:
Wolfgang Frank begann seine Trainerkarriere bereits in den 80er Jahren in der Schweiz. Seine erste Station in Deutschland führte ihn nach Essen, wo er 1993 beim RWE Jürgen Röber beerbte. Mit dem Einzug ins Pokalfinale 1994 feierte er seinen ersten großen Erfolg, der aber durch einen Lizenzentzug des Vereins arg getrübt wurde. Als man im folgenden Jahr nicht wie gewünscht den Aufstieg schaffte, wurde Frank entlassen. Es folgte ab 1996 seine erfolgreichste Zeit in Mainz, wo er bis ins Jahr 2000 Trainer in der 2. Liga blieb – nur unterbrochen von einem einjährigen Gastspiel bei Austria Wien im Jahr 1997. Nach einem wenig erfolgreichen Auftritt in Duisburg und der Entlassung in Unterhaching 2004, nachdem er den Verein zuvor in die 2. Liga geführt hatte, schien seine Karriere im Profifußball bereits beendet. Bis in die Oberliga musste er mit Sachsen Leipzig hinab, empfahl sich hier aber wiederum für die Stelle in Offenbach, die er seit Januar 2006 einnimmt. Nach einem höchst erfolgreichen Jahr 2006 mit insgesamt 48 Punkten hatte er sich bei den Fans und im Vorstand so viel Kredit erspielt, dass er Anfang 2007 auch eine Serie von nur einem Sieg aus 16 Spielen schadlos überstand.  

Berüchtigt ist Frank für seine esoterische Ader, die einst Jörg Neun zum Karriereende trieb. Wie dies beim MSV Duisburg im Jahr 2000 vonstatten ging, beschrieb Christoph Biermann mit folgenden herrlichen Worten: „
Da übernahm ein neuer Coach, dessen Trainingsbeginn früh um acht Jörg Neun schon arg grenzwertig fand, noch mehr aber, auf einem Bein stehend mit der rechten Hand am linken Ohrläppchen ziehend die Energien zu wecken. Irgendwann wurden er und seine Kollegen von ihrem esoterischen Trainer bei einem Waldlauf dazu aufgefordert, sich jeder einen Baum zu suchen, ihn zu umarmen und seine Kraft zu spüren. Das war für Neun, der in seiner Karriere bestimmt viel Unsinn gemacht hatte, des Guten zu viel. Unter diesen Bedingungen mochte er kein Fußballprofi mehr sein. Bäume umarmen, nicht mit ihm! Er gab seinen Vertrag zurück, hörte mit dem Fußballspielen auf und begann endlich ein Erwachsenenleben.“  

Mögliche Aufstellung:

Thier – Müller, Bungert, Hysky, Sidney – Mokhtari, Wörle, Cimen, Judt – Türker, Toppmöller 

Gesamteindruck/Prognose:

Wie bei so vielen Zweitligisten, die ihren Kader komplett umgekrempelt haben, fällt auch in Offenbach die Prognose extrem schwer. Hinten hat man sich dank Sidney und Hysky gegenüber dem Vorjahr verbessert. Sichone kann dabei eher als Sicherheitsrisiko angesehen werden, wenngleich Vorgänger Happe ebenso für diverse Leichtsinnsfehler gut gewesen ist. In der Offensive ist man zu sehr abhängig von Türker sowie vom nicht jünger werdenden Judt. Fällt einer der beiden über längere Zeit aus, so wird der Klassenerhalt extrem schwierig zu erreichen sein. Bleiben sie fit und in gewohnter Form, erscheint der Klassenerhalt realistisch. Aus dem Abstiegskampf wird man sich aber einmal mehr nicht heraushalten können.

Bisher im Zweitligacheck:

1.FC Kaiserslautern
TSG Hoffenheim
FSV Mainz 05
VfL Osnabrück
Erzgebirge Aue
FC Augsburg
FC St. Pauli
Alemannia Aachen
TuS Koblenz
1.FC Köln

SpVgg Greuther Fürth
FC Carl-Zeiss Jena
1860 München

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