Man schrieb den 10. Januar 2007, ein kalter Mittwoch in Deutschland. An diesem Tag hob Borussia zum Winter-Trainingslager nach Portugal ab, um sich auf die schwierige Rückrunde vorzubereiten. Borussia hatte eine schwierige Hinrunde hinter sich gebracht, die hohen Erwartungen, die Umfeld und Fans vor Saisonbeginn stellten, konnten nur zu Beginn erfüllt werden, trotz namhafter Neuzugänge wie dem argentinischen Spielmacher Federico Insua. Mit an Bord natürlich: Trainer Jupp Heynckes, im Gepäck die just an diesem Tag neue Ausgabe der „Sport Bild". Dort prangte in großen Lettern „Gladbach degradiert den großen Heynckes zum Kofferträger", darunter ein Bild, das Heynckes zeigt, wie er einen kleinen Medizinkoffer nach Trainingsende in die Kabine trägt.

 

Eine ebenso dumme wie reißerische Geschichte, die lediglich die Spitze dessen darstellte, was sich in den Wochen und Monaten zuvor zwischen Jupp Heynckes und Teilen der Mönchengladbacher Medien abgespielt hatte. Das Ende ist bekannt, wenige Wochen später trat Heynckes entnervt zurück, Nachfolger Jos Luhukay holte in der Rückrunde noch weniger Punkte, Gladbach stieg zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte sang- und klanglos ab. Die Gründe standen für alle schnell fest: Heynckes kann's einfach nicht mehr, zudem war der Kader vom damaligen Sportdirektor Peter Pander falsch zusammengestellt. So wird der Abstieg 2007 bis in alle Ewigkeit Heynckes' Abstieg sein, die Legenden sind geschrieben und manifestiert. Ein unrühmliches Ende, bei dem alle verloren: Mannschaft, Präsidium, Fans und Medien. Und nicht zuletzt Jupp Heynckes, dem dieses Scheitern sehr zusetzte. Bis zu seiner überraschenden Rückkehr auf die Trainerbank beim FC Bayern München Ende der vergangenen Saison verweigerte Borussias erfolgreichster Torschütze jedes Interview und trat, auch aus privaten und gesundheitlichen Gründen, nicht mehr in der medialen Öffentlichkeit auf.

Und heute? Jupp Heynckes steht mit Bayer 04 Leverkusen an der Tabellenspitze der Bundesliga, die einzige noch ungeschlagene Mannschaft der Bundesliga. Bayer spielt erfrischenden Offensivfußball, Talente wie Toni Kroos und Stefan Kießling spielen die Saison ihres Lebens, im Tor steht Deutschlands bester Torhüter und mit der Verpflichtung Sami Hyypiäs vom FC Liverpool gelang dem Werksclub vor der Saison ein Transfercoup. Das Sportportal „Spox.com" analysiert ausführlich die Taktik der Rheinländer und konstatiert nicht ohne Bewunderung unter anderem die „Raumverknappung in Ballnähe" (die bei Borussia, Hannover oder Mainz von den gleichen Medien oft schlicht „destruktives Defensivspiel" genannt wird). Wer das SEITENWAHL-Interview mit Jupp Heynckes aus dem Sommer 2006 heute liest, wird kaum Parallelen zu dem feststellen, was der 64-Jährige zu Beginn der Saison den Leverkusener Medien erzählte. Der alte Mann kann es nicht mehr?

Ohne Frage, den Leverkusenern ist in dieser Saison vieles, wenn nicht alles zuzutrauen. International ist die Mannschaft nicht vertreten, so kann sie sich im Gegensatz zum FC Bayern oder Werder Bremen voll auf die Bundesliga konzentrieren. Eigentliche Leistungsträger wie Manuel Friedrich, Simon Rolfes oder Patrick Helmes kehren in den Kader zurück. Die in weiten Teilen des Landes diskutierte Frage bleibt, ob Bayer 04 in der Rückrunde den leidlich bekannten Einbruch erleben wird. „Wir werden unseren Weg gehen, auch in der Rückrunde", so Heynckes heute. Wenn er am Ende der Saison die Meisterschale in der Hand hält, sollte er sie bei der „Sport Bild" vorbeibringen - am besten in einem Koffer.

 

Die Aufstellungen

Leverkusen: Adler - Schwaab, M. Friedrich, Hyypiä, Castro - Vidal, Reinartz - Barnetta, Kroos - Kießling, Derdiyok

Borussia: Bailly - Levels, Brouwers, Dante, Jaures - Marx, Bradley - Reus, Arango - Bobadilla, Friend

 

SEITENWAHL-Prognose

Mike Lukanz: Leverkusen ist der Angstgegner schlechthin für Borussia, zudem ist der Werksclub noch ungeschlagen. Daran wird sich auch am Samstag nichts ändern, denn Leverkusen ist in der aktuellen Form eine Nummer zu groß für Borussia - 3:1. Die 21 Punkte unterm Weihnachtsbaum sind dennoch ein tolles Geschenk.

Christoph Clausen
: Agiert die Borussia am Samstag in der Defensive ähnlich konfus wie gegen Hannover, könnte das für das Torverhältnis ausgesprochen unschöne Folgen haben. Findet die Mannschaft aber zur Kompaktheit der Spiele gegen Schalke und in München zurück, so wird sie das Spiel lange offen halten. Am Ende aber sollte die individuelle Klasse der Leverkusener Stürmer dennoch zu mindestens einem Tor reichen. Und da man sich vorne nicht auf Dauer auf Reus, Brouwers und Eigentore des Gegners verlassen kann, unterliegt Borussia leider mit 0:1.

Christian Heimanns: Die Hinrunde ist praktisch abgeschlossen, das Pflichtfreundschaftsspiel in Leverkusen eine rein formale Angelegenheit. Wenn die Defensive wieder geschlossener auftritt, reicht es zu einem 2:1 für Leverkusen.

Christian Spoo
: 21 Punkte - das ist eine formidable Hinrundenausbeute. Das wissen auch die Spieler, und auch wenn man offiziell gerne von dem Etwas spricht, das in Leverkusen zu holen sei, werden sie das auch am Samstag in den Hinterköpfen haben. Bayer dagegen wird sich und den Fans (oder wie man das da nennt) beweisen wollen, dass zwei Unentschieden gegen Abstiegskandidaten noch keine Formkrise bedeuten und sich gegen Borussia zur Herbstmeisterschaft schießen. Heißt nach 90 Minuten: Bayer 4 - Borussia 0. Trotzdem frohe Weihnachten!

Thomas Häcki: Nun also der Tabellenführer. Heimstark und dabei sowohl offensiv wie auch defensiv der Liga-Primus. Vom Papier her ist die Partie eindeutig, auf dem Platz wird sie es nicht. Das 1:1 ist die verdiente Abrundung einer tollen Hinrunde. Chapeau!

Michael Heinen: Borussia verabschiedet sich ehrenvoll in die Winterpause, verliert aber trotzdem mit 1:2.

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