Und es begab sich zu der Zeit, da in Deutschlands Hauptstadt der erste Schnee fiel. Die Weihnachtsmärkte waren geöffnet und von überall her durchzog der zarte Duft von Weihnachtsgebäck und heißem Glühwein die Metropole. Allerorts erfreuten die Sangeskünste von Andrea Berg und Rolf Zuckowski die Ohren des geneigten Zuhörers und Heerscharen von Leuchtdioden zierten die Fenster der Einwohner. Es war Weihnachtszeit. Und so geschah es, dass sich Herthas Sportdirektor Michael Preetz zum Propheten empor schwang und verkündete, andere würden sich in der Rückrunde noch über die Hertha wundern. Eine recht risikolose Prognose, denn wundern konnte man sich im vergangenen Jahr über die alte Dame wahrlich genug.

Zuerst versetzte der Hauptstadtclub die gesamte Fußballfachwelt in Erstaunen, als man sich anschickte, nach der Meisterschale zu greifen und dieses Ziel nur denkbar knapp verpasste. Der Verzückung folgte im zweiten Halbjahr dann das blanke Entsetzen, da ein in dieser Weise nie erwarteter Absturz stattfand und der Geist von Tasmania durch die Weiten des Berliner Olympiastadions zog. Nur zwei magere Pünktchen stand die Hertha zur Winterpause besser als der Negativ-Rekordhalter der Bundesligageschichte da. Und so hat Michael Preetz' Prophezeiung ungefähr soviel Inhalt wie die Aussage, dass am 24. Dezember Heiligabend sei. Entweder die Hertha schafft den Klassenerhalt, was aufgrund der desolaten Hinrunde tatsächlich an ein Wunder grenzen dürfte, oder man darf sich weiter über einen Niedergang wundern, für den es in der Bundesligageschichte nur wenige Beispiele gibt. Für aufmerksame Beobachter kam der Verfall nicht völlig unerwartet. Die finanzielle Situation wird schon seit geraumer Zeit als angespannt angesehen. In der Folge konnten nach der verpassten Champions-League-Teilnahme mit Simunic, Voronin und Pantelic gleich drei wichtige Eckpfeiler nicht gehalten werden. Die Suche nach Ersatz gestaltete sich schon deshalb als schwierig, weil im Zuge interner Querelen mit Dieter Hoeneß derjenige seinen Stuhl räumte, welcher eigentlich für die Transferpolitik seines Vereins verantwortlich sein sollte. Sein Abgang in der Sommerpause erfolgte zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Nachfolger Michael Preetz ließ nach Außen hin jegliches Konzept vermissen und reagierte mit Last-Minute-Einkäufen. Letztendlich gelang es der Hertha mit Artur Wichniarek und Florian Kringe lediglich zwei gestandene Bundesligaspieler zu verpflichten. Der Rest der Verpflichtungen bestand aus jungen und unerfahrenen Talenten oder Spielern, welche wenig bis keine Erfahrung im europäischen Fußball vorweisen konnten. Besonders deutlich zeigt sich die verfehlte Transferpolitik in der Offensive. Dem Ausfall des gesamten „ersten Sturms“ wurde lediglich mit der Verpflichtung von Wichniarek begegnet. Diese Verpflichtung stand jedoch von Beginn an unter keinem guten Stern. Von den eigenen Fans angefeindet, brach der polnische Stürmer unter dem Druck, sein erstes erfolgloses Engagement bei der Hertha vergessen zu machen, buchstäblich zusammen. Dieser Misserfolg wurde noch dadurch verstärkt, dass man mit André Lima und Mohamed Chermiti zwei Stürmer aus dem zweiten Glied kurz vor Ende der Transferzeit verlieh. Alternativen waren somit kaum vorhanden. S

So verwundert es nicht, dass bereits vor der Saison kaum einer an die Bestätigung des Vorjahreserfolgs glauben wollte. Eine solch desolate Hinrunde mit 16 Spielen ohne Sieg in Folge und lediglich 6 Punkten hätten jedoch selbst die größten Berufspessimisten nicht erwartet. Gewann man noch am ersten Spieltag überaus glücklich mit 1:0 gegen Hannover 96, setzte spätestens in Mönchengladbach eine Negativspirale ein, die ihresgleichen sucht. Zeitweise geriet sogar der Bundesligarekord mit zehn Niederlagen in Folge in Gefahr, was aber durch ein 0:0 gegen den ebenfalls kriselnden VfL Wolfsburg verhindert werden konnte. Die vergangene Hinrunde ist die zweitschlechteste, die je ein Bundesligateam gespielt hat. Unterboten wird Herthas Leistung lediglich von Tasmania Berlin, die umgerechnet lediglich vier Punkte vorweisen konnten. Interessant dabei ist, dass das drittschlechteste Hinrundenergebnis ebenfalls aus Berlin kommt. In der Saison 74/75 schaffte Tennis Borussia lediglich sieben Punkte.

Was bleibt, ist das Prinzip Hoffnung. Es ist jedoch schon fast irrwitzig, wie man dieses zu begründen versucht. Argumente wie „Hertha gehört in die Bundesliga“ oder „Die Anderen sind auch nicht besser“ schlagen sich letztendlich nicht in der Tabelle nieder. Und ob diese Saison 30 Punkte reichen werden, darf bezweifelt werden. Fakt ist, dass der Abstand zum rettenden Ufer auch nach dem Sieg in Hannover acht Punkte beträgt. Dieses verzweifelte Ringen nach Zuversicht dürfte Gladbacher Fans nicht unbekannt sein. Hertha-Fans sind in diesen Tagen nicht zu beneiden, besonders wenn sie statt Spott nur noch Mitleid ernten. Und doch stirbt auch in Berlin die Hoffnung zuletzt. Dass die Mannschaft das Fußballspielen nicht gänzlich verlernt hat, zeigt das erfolgreiche Bestehen der Gruppenphase in der Europa League. Der 3:0-Erfolg in Hannover hat eine verhaltene Euphorie entfacht und den Glauben an eine Aufholjagd gestärkt. „Wenn nicht gegen Teams wie Gladbach, gegen wen dann?“, ist in der Hauptstadt zu vernehmen. Und auch in der Bundesligahistorie gibt es ein Beispiel für ein unglaubliches Comeback: 1999 lag die Eintracht aus Frankfurt zur Halbzeit mit neun Punkten am Tabellenende. Nach dem 34. Spieltag hatte man den Abstieg mit 39 (!) Punkten abgewendet. Im Fußball ist also (fast) alles möglich.   
 
Der Gegner aus Berlin
 
Im Angriff chronisch verstopft, in der Verteidigung durchlässig, dazwischen Magenverstimmung. Wie nicht anders zu erwarten, traten die zum Teil erheblichen Mängel in allen Mannschaftsteilen auf. Da ist es nicht verwunderlich, dass schon früh der Ruf nach Verstärkungen laut wurde. Erstaunlich war vielmehr, welche Namen in der Öffentlichkeit kursierten. Andrei Voronin, Marko Pantelic oder vielleicht sogar Roy Makaay? Aus welchem Grund sollten diese Stürmer zu einem abgeschlagenen Tabellenletzten wechseln, außer vielleicht für den schnöden Mammon?  Gerade finanziell ist man bei der Hertha bekanntlich nicht auf Rosen gebettet. Es ist schon bemerkenswert, mit welchem Realitätsverlust das Umfeld auf die Krise reagierte. Den Vogel schoss aber der Berliner Ex-CDU-Vorsitzende Frank Steffel ab. Mit einem ausgeklügelten Finanzplan sollten bis Juni 2010 (!) über 20 Millionen Euro beschafft werden, um der Hertha hochkarätige Transfers zu ermöglichen. Der Plan beinhaltete so originelle Ideen wie eine 5-Euro-Spendenrufnummer, Verpflichtung der Sponsoren auf einen 10%-Zuschlag oder den Absatz von 30.000 Rückrundendauerkarten. Inwieweit die vorweihnachtliche Zeit den Teppichhändler in seiner Kreativität berauscht hat, ist nicht bekannt. Mehr Realitätssinn zeigte da die sportliche Führung der Hertha. Mit Theofanis Gekas kam ein Stürmer, der die Bundesliga kennt und bezahlbar sein dürfte. Dass er gefährlich ist, stellte er jüngst in der WM-Qualifikation mit zehn Treffern für die griechische Nationalmannschaft unter Beweis. Inwieweit er mit dem Kolumbianer Adrian Ramos im Sturm harmoniert, muss abgewartet werden. In Hannover waren die Ansätze vielversprechend.
 
Im Mittelfeld möchte Trainer Friedhelm Funkel zukünftig öfter mit einer Raute spielen. Hinter den Spitzen kommt Raffael zum Zug. Der Brasilianer gehörte zu den wenigen Spielern, die in der Hinrunde eine halbwegs ordentliche Leistung zeigten. Diese Position dürfte ihm besser liegen als im Sturm, wo er den Nachweis seiner Gefährlichkeit meist schuldig blieb. Vor der Abwehr hat sich überraschenderweise Fabian Lustenberger festgespielt. Der Schweizer ist für die Position des Sechsers zurzeit die erste Wahl. Im rechten Mittelfeld zeigte der wieder genesene Florian Kringe in Hannover eine ordentliche Leistung und sollte hier die Nase vor Enfant terrible Patrick Ebert haben. Die linke Mittelfeldseite ist vakant. Da sowohl Maximilian Nicu als auch Gojko Kacar angeschlagen sind, spricht hier vieles für Cicero. Neuzugang Levan Kobiashvili kommt hingegen für seine Lieblingsposition nicht in Frage. Der Georgier ist fest für die linke Abwehrseite eingeplant. Sein Pendant auf der rechten Abwehrseite ist Lukasz Piszczek. Der polnische Nationalspieler ist in der Lage, den „feinen Pass“ zu spielen und kann auch offensiv Akzente setzen. Allerdings war er diese Saison auch stärkeren Formschwankungen unterworfen. In der Innenverteidigung ist Kapitän Arne Friedrich gesetzt. Wer neben ihm aufläuft ist noch unklar. Der Tscheche Roman Hubnik, in der Winterpause von Sparta Prag ausgeliehen, droht aufgrund einer Muskelverhärtung auszufallen. In diesem Fall dürfte Steve von Bergen die Position des zweiten Innenverteidigers übernehmen.
Der Schweizer ist das Gegenstück eines filigranen Verteidigers und kann an schlechten Tagen schon mal ein Spiel gegen die Hertha entscheiden.
 
Die Borussia
 
Im Gegensatz zu den Berlinern verfügt die Borussia mittlerweile über eine eingespielte Mannschaft. Dies bescherte dem Verein den Luxus, erstmals seit 1998 ohne Transfers die Winterpause zu verbringen. Spätestens zum Rückrundenauftakt wurden aber zwei Dinge deutlich: Hinter der ersten Elf ist der zweite Anzug dünn gewebt. Auf der anderen Seite verfügt die Borussia über eine gute Nachwuchsarbeit, die immer wieder neue Talente hervorbringt. Mit Michael Bradley, Marco Reus, Raul Bobadilla, Moses Lamidi, Fabian Bäcker und Patrick Hermann standen nicht weniger als sechs Spieler auf dem Platz, die das 23. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Berücksichtigt man zudem, dass Logan Bailly und Tobias Levels ebenfalls noch keine 25 Lenze zählen, bekommt der Begriff "Fohlenelf" wieder einen feinen Klang. Doch Jugend alleine gewinnt noch keine Spiele. Daher ist es umso wichtiger, dass die erfahrenen Kräfte schnell zu ihrer Bestform aus der Hinrunde zurückkehren.

In der Defensive kann Trainer Michael Frontzeck auf seine Bestbesetzung zurückgreifen. Weder in der Verteidigung noch im defensiven Mittelfeld sind Veränderungen zu erwarten. Anders präsentiert sich hingegen die Situation in der Offensive. Während sich Arango und Reus ihrer Nominierung sicher sein dürfen, drückt im Angriff weiterhin der Schuh. An Raul Bobadilla führt aufgrund der dünnen Personaldecke im Sturm kein Weg vorbei – auch wenn der Argentinier jegliche Effizienz vermissen lässt. Das Experiment Moses Lamidi darf man hingegen getrost als gescheitert ansehen. Schnelligkeit alleine reicht eben nicht zur Bundesligatauglichkeit. Wie Frontzeck darauf reagiert, ist offen. Friend ist definitiv nicht einsatzfähig und hinter Colautti steht ein großes Fragezeichen. Für Fabian Bäcker kommt trotz seines Tores eine Berücksichtigung in der Startelf noch zu früh. Es bleibt zu hoffen, dass Oliver Neuville wieder rechtzeitig fit wird. Ist dies nicht der Fall, könnte es zu einer Systemumstellung mit einer Spitze kommen. In diesem Fall würde Bradley seine Rolle offensiver interpretieren und zusätzlich durch Marcel Meeuwis abgedeckt werden. Einer solchen Konstellation war aber schon gegen Freiburg und Dortmund kein Glück beschieden. Aufgrund der Ineffizienz von Bobadillas Spielweise stände zu befürchten, dass ein Offensivspiel nicht mehr stattfinden würde. Gegen Berlins teilweise sehr unsichere Defensive wäre dies eine verschenkte Chance.
 

Aufstellungen
 
Hertha: Drobny – Piszczek, Friedrich, von Bergen, Kobiashvili – Kringe, Lustenberger, Cicero – Raffael – Gekas, Ramos
 
Borussia: Bailly –Levels, Brouwers, Dante, Daems – Marx, Bradley – Arango, Reus – Bobadilla, Neuville
 
 
SEITENWAHL-Prognose
 
Thomas Häcki: Berlin muss gewinnen, Gladbach kann abwarten. Doch gerade das kann Borussia ja bekanntlich nicht. Gelingt es der Mannschaft, die Partie möglichst lange offen zu gestalten, stehen die Chancen auf einen Punktgewinn gut. Geht man gar in Führung, wird sich das dünne Berliner Nervenkostüm bemerkbar machen. Das erste Tor wird den Verlauf der Partie entscheiden. Mönchengladbach gewinnt eine unansehnliche Partie mit 2:1.
 
Mike Lukanz: Der Spielplan barg viele Gefahren und der schlechteste aller möglichen Verläufe tritt ein. Gegen eine gerade in der Anfangsphase wild aufspielende Truppe aus Berlin wacht Borussia zu spät auf und wird das Spiel dann nicht mehr drehen können. Das 3:1 für Hertha wird dem erhofften „Wunder von Berlin“ weiter Nahrung geben und die Borussia wieder mitten in den Abstiegskampf zerren.
 
Christoph Clausen: Borussia trifft zur Unzeit auf wieder erstarkende Berliner und verliert trotz verbesserter Leistung mit 1:2. Die Frage, ob man im Sturm qualitativ ausreichend besetzt ist, um früh aller Abstiegssorgen ledig zu sein, stellt sich auch nach dieser Partie.
 
Michael Heinen: In Berlin wird es ein offenes Match geben, das die Hertha am Ende aber knapp mit 2:1 für sich entscheidet.
 
Christian Spoo:
Borussia ist nach dem unschönen Auftritt gegen Bochum verunsichert. Dieser Rückschlag lässt sich in den Köpfen so mancher Akteure erst einmal nicht mit den möglicherweise übertriebenen Lobeshymnen aus der Winterpauser überein bringen.
Die Hertha hat in Hannover den Glauben an sich selbst wiedergefunden. Borussia findet sich nach der 0:4-Niederlage im Abstiegskampf wieder.
 
Christian Heimanns: Kurz und knapp - 1:0 für Hertha BSC.
 

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