Bayern MünchenZur Halbzeitpause hatten sich im Geiste schon Teile dieses Berichts geformt. Ausdrücke wie „desolat“, „Klassenunterschied“, „zweitligareif“ und „willenlos ins Schicksal ergeben“ hätten darin eine wichtige Rolle gespielt. Querverweise zum Stuttgart-Spiel hätte es reichlich gegeben. Als Überschrift stand „Mutlos, hilflos, leblos“ hoch im Kurs. Als Schiedsrichter Knut Kircher dem Elend eine Pause gönnte und die Borussen unter Pfiffen in die Kabine trotteten, war nichts davon zu erahnen, was sich in den zwanzig Minuten nach der Pause ereignen würde.

Die Mannschaft lebe, hatte Max Eberl in der Woche betont. Davon war in der ersten Hälfte wenig zu sehen, die ersten fünf Minuten vielleicht ausgenommen. Was danach über den Platz schlich, war eine Schar verstörter Gespenster auf der Suche nach einer störungsfreien letzten Ruhestätte. Dass die Borussen zur Pause nicht schon unrettbar zurücklagen, war nur zu geringerem Teil Christofer Heimeroths Verdienst. Vor allem war es dem hilfreichen Aluminium und der Münchner Nachlässigkeit im Verwerten der eigenen Torchancen geschuldet.

 

Nach dem Gladbacher Voodoo-Zauber suchten Journalisten hinterher vergeblich. Michael Frontzeck ließ sich kaum etwas darüber entlocken, was sich in der Pause ereignet hatte. Vielleicht kann man so etwas auch nicht erklären. Jedenfalls kehrte eine völlig verwandelte Gladbacher Mannschaft aufs Spielfeld zurück. Nicht nur personell verändert durch die Einwechslung von Roel Brouwers und Igor de Camargo, sondern vor allem verändert im Auftreten: Zweikämpfe wurden nun gesucht und gewonnen, die Bayern mit Verve schon tief in ihrer eigenen Hälfte attackiert, Bälle beherzt erobert und zielstrebig in die Spitze gespielt, Torchancen nervenstark verwertet. Anhänger der Borussia durften in diesen zwanzig Minuten von jenem lange vergessenen Rauschmittel kosten, um dessen Willen sie diesen Sport lieben, allen Frustrationen zum Trotz.

 

Unter der Woche wurden die Gladbacher Verantwortlichen nicht müde zu betonen, der Schlüssel zur Misere liege in der Serie von Verletzungen und Sperren. Manchmal wurde dabei übertrieben. Wer von acht Ausfällen spricht, zählt offenbar Dorda, Jantschke und Jaurès mit, die man eher als Ergänzungsspieler in Erinnerung hat, ebenso einen Karim Matmour, der seinen Stammplatz letzte Saison nicht ohne Grund verlor. Patrick Herrmann kam in zehn von elf Partien zum Einsatz, Thorben Marx in neun.

 

Der Hinweis auf die Ausfälle taugt zwar nicht als Generalschlüssel. Dass Rückkehrer dennoch manche Türen öffnen können, zeigte sich in der zweiten Halbzeit gegen die Bayern. Roel Brouwers klärte nicht nur in einer wichtigen Szene überragend gegen Gomez. Er wirkte in der Abwehr so stabilisierend, dass nun auch der junge Anderson erheblich besser zurecht kam. Daems konnte wieder auf die linke Seite rücken, wo er sich gegen Altintop viel besser behauptete als zuvor der völlig überforderte Schachten. In der Offensive deutete Igor de Camargo nach seinem unsichtbaren Auftritt von Kaiserslautern an, warum seine Verpflichtung den Gladbachern vier Millionen Euro wert war. Beim Pass auf Marco Reus zum 2:2-Ausgleich hatte der Belgier noch ein wenig Glück. Beeindruckend aber war die Gedankenschnelligkeit, mit der er vor dem 3:2 die Situation erfasste, dadurch vor dem eigentlich besser postierten Demichelis an den Ball kam und schließlich gegen Hans-Jörg Butt die Nerven behielt.

 

Das war es nicht alleine. Die Art, wie Roman Neustädter vor dem 2:2 den Ball eroberte, steht als Sinnbild dafür, wie viel mutiger die Mannschaft nach dem Wechsel auftrat. Vielleicht lernt das Team aus dem Spiel ja, dass „gegen den Ball arbeiten“ kein ängstliches Zurückweichen bedeuten muss, dass man den Gegner in dessen Hälfte unter Druck setzen kann, ohne deshalb hinten die Ordnung zu verlieren. Geschieht das, und kehren Dante und Arango wieder, dann könnte man in der Zukunft auch mehr Zählbares mitnehmen.

 

Dennoch bleibt die Lage hoch brisant, mehr noch als in der Krise der letzten Saison. Die Gladbacher Verantwortlichen verweisen oft und gern darauf, dass man sich damals mit ruhiger Hand aus dem Sumpf heraus zog. Aber: Damals konnte man sich darauf verlassen, dass sich auch die Konkurrenz nur im Schneckentempo bewegte. Hertha BSC hatte zum gleichen Zeitpunkt der Saison vier Punkte, und von Bochum, Köln, Nürnberg und Freiburg keiner mehr als zehn. Man sollte sich lieber nicht darauf verlassen, dass Stuttgart oder Schalke oder beide diesmal die Rolle Herthas als Überraschungsabsteiger einnehmen. Schalke könnte mit dem Sieg gegen St. Pauli schon damit begonnen haben, sich in Regionen vorzuarbeiten, die der Qualität des Kaders angemessener sind. Von den erwarteten Konkurrenten im Abstiegskampf sind nur Köln und Kaiserslautern in Reichweite. St. Pauli ist schon sechs Punkte weg, Hannover neun, Freiburg und Nürnberg elf, Mainz ohnehin unerreichbar.

 

Das wirft die Frage auf, wie viel ruhige Hand man sich diesmal leisten kann. Die Bekenntnisse, man führe keine Trainerdiskussion, sind glaubwürdig. Aber dass man aber auch den Kader im Winter unverändert lassen will, wie Eberl und Frontzeck verschiedentlich ankündigten, verwundert und erschreckt. Sicher: In Gladbach hat man lange zu sehr auf Aktionismus und Panikkäufe gesetzt. Die Personalfluktuation war hoch, die Trefferquote niedrig. Eberl und Frontzeck wollen einen aufgeblähten Kader vermeiden und Platz für den eigenen Nachwuchs lassen. Das ist alles richtig. Aber auch die Besonnenheit lässt sich übertreiben. Die ruhigsten Hände von allen haben die Toten.

 

Die wundersame Verwandlung in der Halbzeitpause gestern sollte nicht darüber hinwegtäuschen: Vor allem in der Viererkette und auch im defensiven Mittelfeld, wo Michael Bradley wieder Fehlpass an Fehlpass reihte, mangelt es an Alternativen, um Sperren, Verletzungen oder Formtiefs überzeugend zu kompensieren. Es wäre fahrlässig, sich darauf zu verlassen, dass man von all dem in der Rückrunde verschont bleibt.

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