Borussias Fangemeinde scheint zur Zeit in zwei Lager gespalten zu sein. Auf der einen Seite stehen die Vereinstreuen, die nach den unzähligen, langfristig erfolglosen Trainerwechseln in der Vergangenheit froh sind, wie sehr ihr Verein den so genannten „Mechanismen der Branche“ trotzt. Sie verweisen auf die widrigen Umstände (Fehlentscheidungen, Verletzte) und sehen den sympathischen Borussen auf der Trainerbank als Opfer und nicht als Schuldigen der aktuell so trostlosen Situation. Sicher ist in den letzten Monaten vieles falsch gelaufen bei Borussia und natürlich wurden auch Fehler gemacht. Letztlich ist es aber immer noch der erfolgversprechendste Weg, in solch schweren Zeiten die Ruhe zu bewahren, um die Krise nicht mit verzweifeltem Aktionismus noch weiter auszuweiten.


Auf der anderen Seite tummelt sich die mit jeder Niederlage wachsende Menge der Kritiker, denen ein Blick auf die nackten Statistiken genügt, um sämtliche Argumente der Gegenseite lässig zu kontern. Sie haben genügend Munition, um Trainer, Manager und/oder Präsidium zahlreiches Fehlverhalten vorzuhalten. Nichts ist einfacher als Erklärungen zu finden, warum ein Verein mit 45 Gegentoren und 7 Punkten Rückstand abgeschlagen auf Platz 18 der Tabelle liegt. Die öffentliche Kritik von „Initiative Borussia“ oder verdienten Alt-Borussen mögen sie nicht in allen Punkten genauso sehen, sie ist aber in jedem Fall zu verstehen und im Grunde gutzuheißen.

 

Soweit die Schwarz-Weiß-Malerei, die in solch tristen Tagen Hochkonjunktur hat. Der gesunde, grüne Mittelweg wird i.d.R. als langweilig verspottet und ungern wahrgenommen. Doch tatsächlich: Man kann die windige Initiative und einiges an der Kritik von Berti Vogts sehr skeptisch sehen, man kann viele Entwicklungen im Verein gutheißen und trotzdem die Haltung der Verantwortlichen in einigen wesentlichen Punkten dieser Tage nicht teilen.

 

Wie so oft in Krisenzeiten, steht die Trainerfrage im Fokus der Öffentlichkeit, obwohl selbst der größte Frontzeck-Kritiker wissen wird, dass nicht ein einzelner Sündenbock für das entstandene Debakel verantwortlichen sein kann. Aus meiner persönlichen Sicht ist ein Trainerwechsel dennoch seit Wochen überfällig. Die Umstände mögen noch so unglücklich sein: Wenn ein Trainer so rat- und hilflos auf eine solche Krisensituation reagiert, dann ist er leider nicht der richtige und es erscheint mir fahrlässig, weiter an ihm festzuhalten und auf ein Wunder zu hoffen, dass irgendwoher aus dem Nichts die große Wende kommen wird. Die kam nicht nach dem überraschenden Pokalsieg gegen Leverkusen. Die kam nicht nach dem überzeugenden Derbysieg in Köln. Die kam nicht bei jenen zig Spielen der letzten Monate, in denen Borussia in Führung lag, um dann aber am Ende trotzdem mit leeren Händen dazustehen. In Freiburg brach die Mannschaft zum wiederholten Male nach einem Gegentor in sich zusammen. Mit jeder Partie wirkt sie dabei sogar noch etwas lebloser. Und dem Coach fallen inzwischen seit Monaten keinerlei brauchbare Lösungen ein, um den Patienten wiederzubeleben.

 

Bei unserem Gegner vom vergangenen Sonntag hielt man im Vorjahr – anders als die späteren Absteiger – in Krisenzeiten am Trainer fest. Ein klassisches Beispiel, um die Vorzüge einer kontinuierlichen Politik herauszustreichen, die von SEITENWAHL nie bestritten wurden. Bezweifelt wird von mir nur, dass es richtig ist, einen solchen Weg um jeden Preis und unter Missachtung sämtlicher Fakten nur um seiner selbst Willen zu gehen. Wäre bedingungslose Kontinuität zu jeder Zeit der richtige Weg gewesen, dann hätten wir dereinst ebenso an Gerd vom Bruch oder Hannes Bongartz festhalten müssen. Evtl. würden wir dann heute mit einer von Friedel Rausch zusammengestellten Truppe „echter Männer“ soliden, ehrlichen Arbeiterfußball zu sehen bekommen, der aber bekanntlich nur noch bei den Amateuren bewundert werden kann.

 

Der SC Freiburg hatte im Vorjahr eine denkbar andere Ausgangslage als unsere Borussia heute. Als Aufsteiger war man sich von Anfang an bewusst, einzig und allein gegen den Abstieg zu spielen. Präsidium und Management wurden nicht müde zu betonen, dass es für einen Verein wie Freiburg eigentlich nur eine Frage der Zeit sei, ehe man wieder in Liga 2 landen müsse. Darüber hinaus lag der Verein zu keiner Zeit derart aussichtslos zurück wie Borussia aktuell. Seit dem 4. Spieltag befand sich der Verein kein einziges Mal auf dem 18. Tabellenrang. Zum 16. Spieltag hatte die Elf von Robin Dutt bereits 18 Zähler gesammelt. In der Rückrunde befand man sich über 5 Spieltage hinweg auf einem Abstiegsrang, wodurch sich in den Medien die gewohnten Diskussionen über den Trainer ergaben. Dies ist aber kein Vergleich zur aktuellen Situation in Mönchengladbach.

 

Natürlich ist es der typische Kaiserschmarrn, den Spielern „Vorsatz“ zu unterstellen. Es wird aber immer deutlicher, dass es in der Mannschaft nicht stimmt, dass Frontzeck seine Elf nicht mehr im Griff hat und seine Vorstellungen nicht im Ansatz umsetzen kann. Hinzu kommt, dass er bei seinen Personalentscheidungen regelmäßig danebenliegt. So zahlte es sich nicht wirklich aus, an Bobadilla über Monate hinweg festzuhalten, ihn dann nach seinem sehr guten Derby-Auftritt auf die Bank zu setzen, um ihn dann eine Woche darauf doch wieder (übermotiviert) in die Startelf zu beordern. Wenig nachvollziehbar ist das konstante Festhalten am nicht funktionierenden System der „Doppel-8“ Marx/Bradley, das der desolaten Abwehr keinerlei Stabilität verleiht. Ein Hans Meyer hätte unabhängig von jeglichen Personalsorgen schon längst reagiert, um die marode Defensive zu festigen. Von seinem einstigen Schüler hingegen kommt nicht mehr als die theoretische Hoffnung auf eine „kompakte“ Mannschaftsleistung, die in der Praxis regelmäßig ad absurdum geführt wird.

 

Ausgerechnet Sebastian Schachten, der nach seinen desolaten Leistungen bereits verbrannt schien, von Frontzeck aber noch einmal eine Chance bekam, leitete in Freiburg nach 19 Minuten das neuerliche Unglück ein. Im Zusammenspiel mit dem vermeintlichen Heilsbringer Roel Brouwers, der mit diesem Gegentor mehr als nur andeutete, die Defensivproblematik bei Borussia keinesfalls im Alleingang lösen zu können.

 

In der Startelf vom Sonntag fehlte mit Dante ein einziger Stammspieler verletzungsbedingt. Die erneute Verletzung von Brouwers und später die von Idrissou waren ärgerlich. Aber einen nennenswerten Einfluss auf die Partie hatte all dies nicht mehr. Schon vor der Auswechselung des Niederländers war Borussia unaufhaltsam zusammengebrochen. Die einzige Torchance in den letzten 70 Spielminuten kam durch ein kolossales Missverständnis zwischen den Freiburgern Butscher und Baumann zustande. Ansonsten war das Offensivspiel von Borussia nach dem 0:1 nicht mehr existent.

 

Der Patient Borussia liegt in den letzten Spielen nach jedem Gegentor tot dar nieder und würde in der momentanen Form voraussichtlich nicht einmal mehr gegen Bayer Leverkusen gewinnen können. Viel Grund zum Optimismus bietet die kommende Partie daher nicht. Selbst wenn am Freitag mit dem Hamburger SV ein ebenso kriselnder Gegner in den Borussia-Park kommt, der unter normalen Umständen mehr als schlagbar erschiene. Schon im Vorjahr war es jener HSV, der für Michael Frontzeck und seine Mannen nach langer Krise die Wende zum Guten einleitete. An diesen Umstand mag sich der Vorstand erinnert haben, als er jeglicher Logik zum Trotz noch für eine weitere Partie am Trainer festhielt. So kommt es zu jener entwürdigenden Situation, die in der Fachpresse so gerne als „Endspiel“ oder „Ultimatum“ bezeichnet wird, die aber in aller Regel einem Tod auf Raten entspricht und die der verdiente Ex-Borusse Frontzeck mit seinen 198 Bundesligaeinsätzen im Dress mit der Raute nicht verdient hat. Wenn die Verantwortlichen tatsächlich noch immer von ihrem Trainer überzeugt wären, dann hätte sie jetzt in aller Konsequenz klar äußern sollen, mit ihm bedingungslos durch den Winter zu gehen. Da dies nicht geschehen ist, ist das Vertrauen offensichtlich doch erschüttert und eine saubere Trennung wäre vonnöten gewesen.

 

Doch ob man es mag oder nicht: Die Entscheidung des Vereins ist notgedrungen zu akzeptieren. So sehr man Frontzeck für seinen Umgang mit der Krise kritisieren kann und sich seine Ablösung wünschen würde. Dies darf nicht soweit gehen, sich zu diesem Zweck einen Misserfolg der eigenen Mannschaft herbeizusehnen. Solange Michael Frontzeck unser Trainer ist, muss er zumindest während der 90 Minuten nach Kräften unterstützt und ihm alles Gute gewünscht werden. Die Tabelle spricht Bände, denn der FC St. Pauli befindet sich als 15. satte 7 Punkte voraus. Bereits jetzt erscheint die Lage so gut wie aussichtslos. Jeder weitere Punktverlust – gerade in solch machbaren Spielen wie gegen den HSV – wird die Aussichten des Vereins noch weiter verringern, mit einer personell neu aufgestellten Mannschaft in der Rückrunde die Aufholjagd erfolgreich gestalten zu können.

 

Am kommenden Freitag geht es nicht um Rechthaberei oder Besserwisserei. Es geht nicht darum, den oder die Schuldigen für die Misere zu suchen oder die Angemessenheit diverser Kritiken zu beurteilen. Darüber werden wir in der kurzen Winterpause noch lange genug philosophieren können. Es geht um drei eminent wichtige Punkte, die für die Zukunft unseres Vereins einen ganz entscheidenden Unterschied machen können. Max Eberl hat sich sehr unglücklich ausgedrückt, dass dies die drei Punkte wären, die wir vor 4 Wochen noch holen wollten. Aus heutiger Sicht sind es aber die drei Punkte, die wir mit aller Macht holen müssen, wenn wir die kleine Flamme der Hoffnung noch aufrecht erhalten möchten und wenn der auf der Intensivstation liegende Patient Borussia doch noch seinen Weg zurück ins Leben finden soll.

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