BVBIm Internet kann man ja inzwischen fast alles bestellen: Bücher, DVDs, Blumen, Flüge, Urlaube, Autos, Seitensprünge. Man kann online beichten oder sich per Kreditkartenzahlung juristische und psychologische Beratung holen. Wer weiß, vielleicht treffen sich auch schon längst keine Politiker und geldkofferbewehrte Lobbyisten mehr nachts auf Autobahnraststätten, sondern wickeln ihre windigen Geschäfte per Mausklick auf bestechung24 ab.  Nach dem letzten Samstag zu urteilen, bietet Borussia Mönchengladbach aktuell sehr viel Erfreulicheres an: Sensationssiege auf Bestellung.

Nach der so unglücklichen Niederlage in Mainz stand die Gladbacher Borussia im Spiel gegen Dortmund unter dem Druck, genau einen solchen Sensationssieg liefern zu müssen, um überhaupt noch hoffen zu dürfen. Und sie lieferte ihn. „Alles super, pünktliche Lieferung, Ware wie angegeben, gerne wieder“ wäre eine angemessene Kundenbewertung. Aber wer Internetshops kennt, hat auch dies schon gelesen: „Nur noch ein Stück auf Lager, bestellen Sie jetzt“. Die große Frage bis zum 14. Mai wird sein: Wie groß ist der Vorrat im Gladbacher Sensationsshop?

 

Weiterhin gilt: Die Borussia wird Sensationelles leisten müssen, um den Abstieg zu vermeiden. Es ist zwar unter Spielern üblich, öffentlich zu erklären, dass man nur auf sich selbst schaue. Aber natürlich kennen sie das Restprogramm der Konkurrenz so gut wie das eigene und wissen: Auf Wolfsburg, Frankfurt und Köln wartet jeweils noch mindestens eine machbare Aufgabe. Daraus ergibt sich folgendes, leider ziemlich realistisches Szenario: Frankfurt schlägt am 33. Spieltag die zuletzt so grotesk auswärtsschwachen Kölner. Die wiederum tun sich eine Woche später an Schalke 04 gütlich. Bei Ralf Rangnicks Team hat, mit Blick auf das Pokal- und vielleicht das Champions League-Finale, die Verletzungsprävention Priorität. Auch der Widerstand der in der Rückrunde so lustlosen Hoffenheimer gegen den VfL Wolfsburg hält sich in Grenzen. Aus dieser Partie und dem Heimspiel gegen Kaiserslautern zuvor holen die Wolfsburger mindestens vier Punkte.

 

Trifft das so ein – und das Szenario ist weder im Detail noch in der Summe übermäßig pessimistisch – so müsste die Borussia zwingend alle ihre drei Spiele gewinnen, um die Klasse und Marco Reus zu halten. Wohlgemerkt: Die Rede ist von der Mannschaft, die in dieser Saison noch nie zwei Spielfelder in Folge als Siegerin verließ. Schon wenn die Borussia in Hannover ein respektables Unentschieden holen würde, müsste sie darauf hoffen, dass die Konkurrenz sich mindestens einmal über neunzig Minuten so dämlich anstellt wie am Samstag Gekas wenige Meter vor dem halbleeren Bayerntor.

 

Die Chancen auf den Klassenerhalt sind also weiterhin nur gering. Das ist besonders deshalb so ärgerlich, weil die Rückrunde zeigt, wie ungefährdet dieses Team durch die Saison hätte gehen können, wenn die Hinrunde nicht so katastrophal verlaufen wäre. Borussia belegt in der Rückrundentabelle den achten Platz. Die Verpflichtung von Martin Stranzl war ein Glanzstück von Max Eberl und Michael Frontzeck. Auch bei Havard Nordtveit irrten sich alle diejenigen, die bei seiner Vorstellung lautstark jammerten. Lucien Favres Mut, in dieser Saisonphase auf einen 18-jährigen Torwart ohne Bundesligaerfahrung zu setzen, wird eindrucksvoll belohnt. Die gesamte Mannschaft, einschließlich des diesbezüglich oft kritisierten Arango, arbeitete gegen die formidable Dortmunder Offensive fleißig und diszipliniert.

 

All dies äußert sich auch in Zahlen: Am Samstag blieben die Gladbacher, sicher auch mit etwas Glück, schon zum vierten Mal in der Rückrunde ohne Gegentor. In der Hinrunde gelang das nur einmal; im Schnitt kassierten die Gladbacher vor der Winterpause exorbitante 2,8 Gegentore pro Spiel. In der Rückrunde sank dieser Schnitt schon unter Frontzeck auf 1,8, unter Favre gar auf 0,9. Man darf solche Zahlenspiele nicht überbewerten: Zu groß ist die Rolle, die der Zufall im Fußball spielt. Aber die Richtung der Entwicklung ist unverkennbar und war am Samstag immer wieder auf dem Platz zu beobachten. Nicht nur Borussias Torwart und Viererkette agieren mit einer Souveranität, von der man in der Hinrunde nur sehnsüchtig träumen könnte. Auch im Mittelfeld gelingt es immer besser, selbst in Drucksituationen die taktische Ordnung zu wahren.

 

Zugleich lässt sich die Mannschaft inzwischen von Rückschlägen weniger verunsichern. Das wurde schon letzte Woche in Mainz deutlich, als das Team nach dem überzogenen Platzverweis gegen Mike Hanke nicht annähernd so zusammenbrach wie nach früheren Platzverweisen, etwa in der Hinrunde gegen Hannover und in Hoffenheim oder in der Rückrunde bei St. Pauli. Tatsächlich hätte man sogar schon aus Mainz einen Überraschungscoup liefern können, hätte Schiedsrichter Aytekin nicht seiner ersten krassen Fehlentscheidung eine zweite folgen lassen. Besser kann die Borussia inzwischen auch Ausfälle kompensieren. Gegen Dortmund fehlten neben zwei Ergänzungsspielern drei Leistungsträger: erstens der vielumworbene Dante; zweitens Mike Hanke, gegen Köln neben Reus noch bester Spieler auf dem Platz; drittens Igor de Camargo, der beste Gladbacher Torschütze der Rückrunde. Der geschlossenen Mannschaftsleistung samt Sensationssieg standen diese Ausfälle nicht im Wege.

 

Am Ende könnte der Mühlstein der Hinrunde dennoch zu schwer wiegen. Hintereinander in Hannover, gegen Freiburg und in Hamburg zu gewinnen – diese Aufgabe wäre schon für eine Spitzenmannschaft eine große Hausnummer. Aber auch, wenn es letztlich nicht reichen sollte: Der überall greifbare Aufwärtstrend der Borussia könnte dazu beitragen, dass ihre Anhänger bei künftigen Debatten kühleren Kopf bewahren und neben den Fehlern der Verantwortlichen auch ihre Leistungen anerkennen. Angesichts der jüngsten Entwicklungen dürfte man sich nach einem Abstieg berechtige Hoffnungen auf den direkten Wiederaufstieg machen. Um erst gar nicht in diese Verlegenheit zu kommen, müsste Borussias Sensationsshop allerdings noch dreimal liefern.

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