Hannover 96Nach dem zweiten Sieg gegen ein Spitzenteam binnen einer Woche schlug Borussia Mönchengladbach von allen Seiten Respekt entgegen. Dem Gast vom Niederrhein, konstatierte Mirko Slomka, sei seine Hannoveraner Mannschaft in allen Belangen unterlegen gewesen. Der Frankfurter Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen sprach mit einer Mischung aus Sorge und Anerkennung von der „sehr guten Entwicklung“ der Borussia. Schon in der Vorwoche hatte Jürgen Klopp gelobt, die Gladbacher hätten zu keiner Phase wie eine Mannschaft aus dem Tabellenkeller gewirkt. In der Tat: Borussia spielt dieser Tage wie ein Europacup-Aspirant.

 

Eine Europacup-Rückrunde werde es brauchen, hieß es in der Winterpause, wenn die Borussia noch die Klasse halten solle. Zwei Spieltage vor Schluss ist dieses Ziel in Reichweite. In der Rückrundentabelle hat die Borussia vier Punkten Rückstand auf den Europa League-Platz. Noch besser sieht es in der „Favre-Tabelle“, die nur die Spieltage 23 bis 32 berücksichtigt: Hier würde die Borussia sogar im Rennen um die Champions League noch mitmischen.

 

Die Fairness gebietet den Hinweis: Auch Michael Frontzecks Ausbeute in der Rückrunde war solide. Mit weniger Verletzungspech und mit den Neuzugängen an Bord hatte die Borussia unter seiner Regie einen Punkteschnitt von 1,2 erreicht. Auf eine ganze Saison hochgerechnet ergäbe das 41 Zähler, genug für einen Platz im gesicherten Mittelfeld.

 

Borussia aber braucht eine Europacuprückrunde. Es ist nicht nur, aber auch ein Verdienst von Lucien Favre, dass sie von dieser weiter träumen darf. Der Punkteschnitt von 1,6 unter seiner Leitung ist zählbares Indiz der vielen Fortschritte, die auf dem Platz zu besichtigen sind. Auch in Hannover verschoben die zwei Viererketten durchgängig so diszipliniert, dass die 96er kaum zu Torchancen kamen. Wieder arbeitete links gerade Arango so fleißig nach hinten wie nur manchmal in der Hinrunde. Wieder strahlte ter Stegen eine für einen 19-jährigen außergewöhnliche Souveränität aus, die sich auf die ganze Abwehr zu übertragen schien. Wieder erwies sich Martin Stranzls Verpflichtung als Glücksfall. Wieder ließ sich das Team von Fallstricken nicht aus dem Tritt bringen, weder vom Ausfall Dantes und de Camargos, noch vom Machtkampf im Umfeld. Wieder harmonierte die sehr bewegliche Doppelspitze gut. Dass Marko Reus Großartiges leisten kann, ist ohnehin schon länger bekannt. Mit etwas mehr Glück im Abschluss hätte der Sieg noch deutlich höher ausfallen können.

 

Es wäre ein Jammer, wenn eine Mannschaft absteigen müsste, die den Tabellendritten in dessen eigenem Stadion so souverän dominierte, mit taktischen und spielerischen Mitteln und fast ohne Fouls. Dass die Borussia dennoch weiterhin akut abstiegsbedroht ist, liegt erstens an der Hypothek der Hinrunde. Es liegt zweitens daran, dass Teams wie Köln und Stuttgart, die im Winter in Reichweite waren, ihrerseits eine sehr gute Rückrunde gespielt haben und Wolfsburg zumindest eine verbesserte. Und es liegt drittens daran, dass Eintracht Frankfurt noch von der sehr guten Leistung der Hinrunde zehrt, die man mit 26 Punkten auf Rang sieben abschloss. Gleichwohl: Der Klassenerhalt ist zwei Spieltage vor Schluss noch möglich, nicht nur rechnerisch. Vor einigen Wochen hätten das nicht mehr viele für realistisch gehalten. Inzwischen kann man dieser Mannschaft zwei weitere Siege in Folge wieder ernsthaft zutrauen.

 

Aber auch wenn die Aufholjagd am Ende zu spät gekommen sein sollte, müsste einem um die Borussia inzwischen nicht mehr bange sein. Reus und Dante wären wahrscheinlich nicht zu halten, unabhängig vom Namen des Sportdirektors, solange der nicht den Lotto-Jackpot knackt und den Gewinn der Borussia spendet. Wenn aber die Neuverpflichtungen so gut gelingen wie die in der Winterpause und wenn Lucien Favres Handschrift weiterhin so klare Erfolgsgeschichten schreibt, könnte Borussia mit guten Chancen ins Aufstiegsrennen gehen.

 

Dass dem so ist, ist auch ein Verdienst von Max Eberl. Diese Feststellung wird manche ärgern. Sicher hat Eberl Fehler gemacht, vor allem, indem er die an sich ja sympathische Suche nach Kontinuität übertrieb. Aber eine faire Bewertung sollte bedenken, wie viel in der Rückrunde zum Guten gelenkt wurde, auch durch Entscheidungen des Sportdirektors. Für die Verpflichtung Havard Nordtveits von der Ersatzbank von Arsenal London erntete Eberl in den einschlägigen Fanforen teils ätzenden Spott. Inzwischen ist der junge Norweger aus Borussias Mittelfeld nicht mehr wegzudenken. Den an die Champions League gewöhnten Martin Stranzl von einem Wechsel zum Tabellenletzten zu bewegen, war schon eine beachtliche Leistung. Ihn gar von einem Verbleib auch bei Abstieg zu überzeugen, war eine Großtat. Wer so wie der Österreicher dazu beiträgt, die Abwehr eines taumelnden Bundesligisten zu stabilisieren, könnte eigentlich eine Weile damit verbringen, genüsslich in seinen Angeboten zu blättern. Schließlich war es Eberl, der Lucien Favre holte – gegen kritische Stimmen, die diesem Trainer zwar einen mittelfristigen Aufbau, aber keine schnellen Ergebnisse zutrauten.

 

Borussias Zukunft wird nicht nur von den kommenden beiden Spieltagen abhängen, sondern auch davon, wie viele besonnene Mitglieder sich bei den anstehenden Richtungsentscheidungen finden: Mitglieder, die den phänomenalen Aufwärtstrend der letzten Zeit mit bedenken und sehr genau abwägen, ob ein personeller Kahlschlag das, was gerade entsteht, gefährden könnte. Mitglieder, die von der Opposition Konkreteres einfordern als das, was bisher zu hören war. Bislang steht von Seiten der „Initiative Borussia“ ja selbst ein eindeutiges Bekenntnis zur weiteren Zusammenarbeit mit Lucien Favre aus.

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