„Wir gewinnen sowieso, das weiß jeder. Denn unser Freund - unser Freund - ist aus Leder!“

Sportfreunde Stiller, Unser Freund ist aus Leder


„You have to win Zweikampf“ – das geniale Album der Münchener Kult-Band Sportfreunde Stiller gehört offensichtlich nicht zum Repertoire der Mönchengladbacher Erstliga-Mannschaft. Genauso unwahrscheinlich ist es, dass die oben zitierte Textzeile an der Hennes-Weisweiler-Allee bekannt ist. Denn folgt man dem Refrain, müssten die Borussen ihre nächsten Spiele komplett in Leder absolvieren. Statt des Sponsor-Logo auf der Brust empfiehlt sich der Aufdruck „Bestraf mich!“. Als Fan von Borussia Mönchengladbach hat man vieles erlebt und ist noch mehr gewohnt. Die masochistischen Neigungen mit denen sich die Mannschaft aber derzeit in schöner Regelmäßigkeiten selbst aus dem Spiel nimmt (solange der Gegner nicht aus Lederkus… Entschuldigung – Leverkusen! - kommt), sind zugegebenermaßen eine neue Dimension. Und so war am vergangenen Samstag die erste Reaktion nicht Wut, nicht Trauer, nicht Lamentieren. Es herrschte schlicht und ergreifend Schockstarre. Eine Peitsche braucht der Gegner übrigens nicht mitzubringen, das erledigen wir schon selber.

 

Vieles wurde in den letzten Wochen diskutiert. Richtig ist, dass es diverse Gründe für den rasanten Abstieg der Rheinländer gibt. Richtig ist auch, dass sich das Team trotz des Ausfalls mehrerer Basisspieler nicht leblos präsentiert. Die Regelmäßigkeit mit der es aber sowohl in der Defensive und mittlerweile auch in der Offensive zu katastrophalen und unerklärlichen Aussetzern kommt, lässt den Betrachter schlicht und ergreifend ratlos zurück. Fühlte man sich zunächst von den Schiedsrichtern um den verdienten Lohn seiner Arbeit gebracht, so übernimmt dies die Mannschaft inzwischen mühelos selber. Die Borussia bestraft sich selbst. Das Ganze ist also weniger ein Qualitäts- als mehr ein Kopfproblem, welches mittlerweile sogar vermeintlich abgebrühte Profis wie Mohamadou Idrissou oder Igor de Camargo erfasst. Wie man sich aus der prekären Situation befreit und ob es Michael Frontzeck gelingen wird dies Kopfsperre zu lösen sind die Fragen, die es zu beantworten gilt. Eines ist dabei sicher. Schafft es Frontzeck das Ruder erneut herumzureißen, dürfte er ein Anwärter auf einen Rentenvertrag sein. Mit einem Sieg in den letzten 14 Ligaspielen bei 41 (in Worten: EINUNDVIERZIG!) Gegentoren sieht die „Erfolgsrechnung“ düster aus. In der Bundesligageschichte dürfte es nur wenige Trainer geben, die eine solche Horrorbilanz überlebt haben.

 

Zu allem Übel hat Michael Frontzeck zudem wenige Möglichkeiten personell einzugreifen. In Kaiserlautern saßen mit Marc-Andrè ter Stegen, Fabian Bäcker, Elias Kachunga, Roman Neustädter oder Michael Stuckmann keine Namen auf der Bank, von denen man sich den großen Wurf erhoffen darf. Zum Teil Talente, vielleicht auch kommende Spieler für die Zukunft, aber bestimmt niemanden, von dem man erwarten sollte, die Situation zu drehen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Mannschaft wieder einmal von selber auf. Dass nun auch noch Thorben Marx aufgrund seiner fünften gelben Karte fehlt, macht die Lage für die Defensive nicht einfacher. Wer soll die Position als Organisator im defensiven Mittelfeld übernehmen? Michael Bradley zeigt neben seinen dynamischen Vorstößen ausgeprägte Mängel in der Defensivarbeit. Also Roman Neustädter? Oder schafft es überraschenderweise Marcel Meeuwis endlich, in der Bundesliga anzukommen? Hoffnung macht das alles nicht.

 

Nun also die Bayern. Ausgerechnet. Im Gegensatz zu den zuversichtlichen Mönchengladbachern begann man an der Isar die Saison erst einmal mit großem Gejammer. Die Spieler kämen zu spät aus dem Urlaub, der Verein sei von der Weltmeisterschaft besonders gebeutelt. Natürlich haben die Münchener Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass unter den gegebenen Umständen eine gute Vorbereitung so gut wie unmöglich war. Allerdings ist dies eben auch der Preis, wenn ein Team mit Superstars wie Robben, van Bommel, Schweinsteiger, Klose oder Lahm gespickt ist. Verschwiegen wurde dabei, dass das Team kaum ergänzt werden musste und somit über eine eingespielte Truppe verfügte, die das Double gewann und im Finale der Champions League stand. Wenn nach diesen Erfolgen die halbe Mannschaft zusätzlich im WM-Halbfinale steht, ist es zunächst schwer, die Stars gegen Köln, Kaiserlautern oder St. Pauli zu motivieren. An der Säbener Straße war man sich dessen bewusst und stapelte professionell tief. Wie prognostiziert stotterte der Bayern-Motor auch zu Saisonbeginn, wobei zugegebenermaßen auch Verletzungspech hinzukam. Wer die Bayern aber nach schlechtem Start bereits abschreibt, hat ein geringes Erinnerungsvermögen. Auch in der letzten Saison tat man sich zunächst schwer, mit van Gaals Taktik zurechtzukommen. Dann kamen die Gladbacher in die Allianz-Arena und es kam zu einem glücklichen, vielleicht sogar unverdienten Sieg. Es folgte der Siegeszug der Bajuwaren.

 

So riecht es also nach einem Dejà-vu. Gewinnen die Bayern, sind sie plötzlich wieder dran. Allen Kritikern zum Trotz würde ein Sieg im Borussen-Park sie in die Verfolgergruppe katapultieren und das, obwohl sie bis Dato weniger Tore geschossen haben als die Borussia. Dies wurde natürlich auch in München registriert und so startete Uli Hoeneß direkt nach dem Sieg gegen Freiburg ein kleines, aber wirksames Medientheater. Scheinbar beiläufig übte er öffentlich scharfe Kritik an der Kommunikation und der Menschenführung von Trainer van Gaal. Ausgerechnet, gilt der Holländer doch gerade hier als ein Fachmann und gewiefter Stratege. Van Gaal reagierte, wie er reagieren musste: Verwirrt, verstimmt, verschnupft. Kommt das Feuer unter dem Dach der Bayern gerade rechtzeitig für die Rheinländer? Keineswegs! In Wahrheit kommt dieses Schmierentheater sogar zur Unzeit. Hoeneß hat Recht, wenn er sagt, er habe „Reizpunkte“ setzten müssen. Schließlich wolle man ja noch Meister werden. Das ist ihm gelungen. Der gescholtene van Gaal wird tief in die Trickkiste der Motivation greifen müssen, nun da er im Scheinwerferlicht der Kritik steht. Und für die Eitelkeit der ach so verkannten Stars Gomez, Demichelis und Tymoshchuk waren diese Worte Balsam. Nun haben sie die Gelegenheit, ihrem Trainer zu zeigen, wie sehr sie unterschätzt wurden. Es wäre nicht verwunderlich, würde gerade dieses Trio am Samstag ganz groß auftrumpfen. Beim Champions-League-Sieg in Cluj brillierte Gomez bereits als dreiifacher Torschütze.

 

Auf der anderen Seite gab es für den Rekordmeister im Borussen-Park bislang wenig zu bestellen. Erst ein Sieg gelang den Bayern. Zu dem Zeitpunkt hieß der Trainer auf unserer Seite noch Horst Köppel. Eine Niederlage der Fohlen wäre also fast schon prophetischer Natur. Ein Sieg gegen den Ex-Konkurrenten würde hingegen zur Euphorie führen und die aktuelle Lage für eine Woche vergessen machen. Doch wer mag daran angesichts der aktuellen Verletztenmisere denken? Natürlich stirbt die Hoffnung zuletzt und auch die Münchener treten mehr oder weniger mit ihrer zweiten Garnitur an. Dennoch klingt ein van Buyten auf der Bank irgendwie stärker als Wissing oder Bäcker. Zudem gibt Mario Gomez der Bayern-Offensive derzeit den Elan, den sie zuletzt vermisst hat. Objektiv betrachtet kommt also Gladbach für die Bayern zum rechten Zeitpunkt. Der Meister, der diese Saison bislang die für ihn typische Fähigkeit vermissen ließ, den Gegner für seine Fehler zu bestrafen, trifft auf ein zutiefst verunsichertes Team, das sich in dieser Saison für gute Darbietungen einfach nicht belohnen will. Natürlich wird aber auch für die Bayern ein Sieg kein Selbstläufer. Präsentiert man sich so ideenlos wie bisher, bleibt man im Matsch des Mittelfelds stecken und muss weiterhin die Lackschuhe der Meisterschaft gegen Gummistiefel eintauschen. Lack oder Leder – das ist also die eigentliche Frage die sich am Samstag allen Beteiligten stellt.

 

Borussia: Heimeroth - Levels, Daems, Anderson, Schachten - Bradley, Neustädter -  Hermann, Idrissou, Reus – Bobadilla

 

Bayern: Butt – Lahm, Tymoshchuk, Demichelis, Pranjic – Ottl, Schweinsteiger, Altintop, Kroos, Müller - Gomez

 

SEITENWAHL-Meinung:

 

Thomas Häcki: Ohne Selbstvertrauen ist gegen Bayern München kein Blumentopf zu gewinnen. Aber wo soll es herkommen? Was hat sich zu den letzten Wochen verändert? Da ich diese Frage nicht beantworten kann, lautet mein Tipp folgerichtig 0:2.

 

Michael Heinen: Gegen die Bayern gibt´s den nächsten Tiefschlag, der mit 1:2 immerhin glimpflich ausfällt.

 

Christoph Clausen:Die gute Nachricht: Die Borussen kassieren diesmal nur ein Tor. Die schlechte: Selbst schießen sie keins.

 

Christian Spoo: Die Verunsicherung nach dem bestürzenden Betze-Erlebnis wird noch spürbar sein. Der Gegner hat dazu - auch ohne Robben, Ribery etc. - ein ganz anderes Format. Die Folge: Borussia verliert mit 0:4 und steckt weiter tief im Schlamassel.

Christian Heimanns: Nach dem Spiel wird es heissen, Borussia habe ordentlich mitgehalten und besser gespielt, als der Tabellenplatz es aussagt. Was uns nach dem 0:1 kein bisschen hilft.

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