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Das Aufeinandertreffen der Bundesligavereine aus Mönchengladbach und Köln wird unter den Anhängern selbiger Clubs als DAS Derby gehandelt. Zum Ausgleich für den überschaubaren sportlichen Wert der Begegnung haben die Derbyfreunde in den letzten Jahren die Stimmung regelmäßig überkochen lassen, teils aus kaum fassbaren Gründen (der geklaute Großmummrich) und mit idiotischen Mitteln. Zumindest in dieser Beziehung kann das rheinische Duell bei allen anderen Derbys der Welt mithalten: Es wirft regelmäßig die Frage auf, warum wir die Leute am allerwenigsten leiden können, die uns am ähnlichsten sind.

 

Wenn man um den Dom und am Abteiberg den Abstiegskampf für nicht so der Beschäftigung wert hält und Ziele wie die Europaleague noch ein paar Jahre entfernt sind, bleibt als nächstes machbares Ziel, vor dem örtlich nahesten Gegner zu stehen. Was für die Anhänger beider Clubs sowieso ausgemachte Sache ist, hat Kölns Sportdirektor Meier vor der Saison auch öffentlich ausgesprochen und selbst bei den eigenen Fans damit nicht nur Jubel ausgelöst. Vor dem 12. Spieltag hat Meiers Club dieses Ziel zumindest zwischenzeitlich auf die unglücklichste Weise erreicht, auf dem 17. Tabellenplatz, einen Platz vor der Borussia. Als wäre das nicht genug Ironie des sportlichen Schicksals, findet das Spiel auch noch zwei Tage nach Beginn der närrischen Jahreszeit am Rhein statt - mehr können die Berichterstatter im Vorgriff auf diese Partie wirklich nicht verlangen.


Die Borussia

Bei der Borussia tendiert die Laune nicht zu rheinischem Frohsinn. Nach wie vor steht nur ein einziger Sieg in der Saisonstatistik, in dem immer noch mehr als ein Drittel aller Tore geschossen wurde. Gegentorstatistiken kann keiner mehr sehen; beim - bislang - letzten Abstieg wurden insgesamt nur 11 Treffer mehr kassiert. Doch trotz aller düsteren Zahlen und der durchaus bedrohlichen Stimmung herrscht noch keine Panik am Nordpark. Tatsächlich geben die Zahlen auch keinen Aufschluss über einige unglücklich verpasste Siege und über überzeugende 2. Halbzeit gegen Bayern. Wer nur die offensiven Aktionen der Mannschaft sieht, könnte davon überzeugt sein, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis (eigene) Tore wie am Fließband fallen und das Team es mindestens bis ins Mittelfeld schafft.


Wer hingegen die Abwehr betrachtet fragt sich zuweilen, welcher Spielklasse er zusieht. Mit kaum zu fassender Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit klingelt es im Kasten und nach einem Drittel der Saison muss man kein Fachmann sein für die Feststellung: Geht das auch nur annähernd weiter so, heisst das nächste Saisonziel Wiederaufstieg. Das alarmierende daran ist, dass die Abwehrreihe auch in ihrer nominellen Bestformation oft nur zur Zierde taugte und die beiden defensiven Mittelfeldspieler daran nichts ändern. Wenn aber keine personellen Änderungen den Erfolg bringen, werden die Problemlösungen rar. Zur Zeit liegt die Hoffnung darauf, dass Dante nach seiner Rückkehr so spielt, wie in der letzten Saison. Darüber hinaus ist im Moment nichts zu erwarten. Und bei einer Niederlage in Köln wäre es auch mit der paniklosen Zeit vorbei.


Der Grund für die Talfahrt wird bei Borussias Verantwortlichen ganz wesentlich in den Verletzungen von Dante und de Camargo gesehen. Zumindest das Fehlen de Camargos stellt aber keine Verschlechterung im Vergleich zur letzten Saison dar, gibt also auch nur bedingt Antwort auf die Frage nach der Krisenursache. Und Dante war in dieser Saison vor seiner Verletzung etwa so kopfballstark wie Marko Marin, knapp darunter vielleicht. Bobadillas triste Trefferquote lässt sich auch nicht mit den Verletzungen anderer Spieler erklären, sein Eigensinn ebenfalls nicht. Dennoch könnte er am Samstag auflaufen, da Idrissou sich dieser Tage mit einer Grippe plagte.



Der Gegner aus Köln

Wie von Stratege Meier geplant, ist der 1. FC Köln der Borussia eine Nasenlänge voraus. In der Tabellenposition, aber auch zeitlich in Bezug auf den Trainerwechsel. Die großspurige Ankündigung zum Saisonstart, die ausser dem Verweis auf Mönchengladbach auch einen Angriff auf Bayer Leverkusen in Aussicht stellte, wurde dem Manager ordentlich um die Ohren geschlagen. Der Saisonstart wurde zum Fiasko samt den in Köln gewohnten Zerfallserscheinungen, Boulevardattacken und Chaos in der Mannschaft. Mondragons atemberaubende Selbsteinschätzung ("wie Jesus hinterrücks verraten") wurde von der Presseabteilung des Vereins gesponsort und gab den Club der Lächerlichkeit preis.


Die nächste Nummer war der armselige Umgang mit Zvonimir Soldo. Der stets zurückhaltend auftretende Kroate musste noch öffentliche Termine absolvieren, während gleichzeitig über seine Absetzung beraten wurde. Die vom Kölner Stadtanzeiger vorzeitig bekanntgegebene Entlassung dementierte der Verein zunächst, um sie wenig später zu bestätigen. Und der offizielle Karneval hatte noch nicht einmal angefangen.


Die Meiersche Suchhandlung nach einem Nachfolger blieb bisher beim von der U23 hochbeförderten Interimstrainer Frank Schaefer hängen. Gerüchteweise gehandelte Namen wie Toppmöller wurden von den Fans so empört zurückwiesen und vom Verein so bestimmt dementiert als sei der lotharhaftige im Gespräch. Die ersten beiden Siege des neuen Trainers bringen Overath und Meier nicht unbedingt nur Gutes: Schaefer geniesst bei ihnen viel weniger Kredit als bei den Fans, kann aber nicht ohne weiteres so schnell wieder ausgetauscht werden. Wenn die Lage reif ist für noch einen Neuen, kann es zu spät sein.


Nun sieht es für den neuen Trainer so aus, dass wohl nicht allein der Wechsel des Übungsleiters die Wende bringt, was ja durchaus der Fall sein kann, wenn Mannschaften klar unter ihrem Potential spielen. Dieses muss man aber beim 1.FC Köln deutlich in Zweifel ziehen. Selbst die oft dürftigen Leistungen der Vereinslichtfigur Podolski erscheinen langsam in einem anderen Licht. Wo man sich bislang fragte, wie lang es wohl dauert, bis der Stürmer seine Leistungen aus der Nationalmannschaft auch im Verein zeigt, dreht es sich inzwischen mehr darum, ob das überhaupt noch der Fall sein kann. Zu wenig taktische Variabilität und zu große Abhängigkeit von der Leistung der Mitspieler haben die einstige Euphorie um das spielende FC-Symbol längst vergessen lassen. Die Überfrachtung mit Erwartungen lässt den Nationalspieler nicht zur Entfaltung kommen. Einem Fan mag es schon mal passieren, dass er fußballerisches Talent mit Fähigkeiten zum Führungsspieler verwechselt, bei erfahrenen Managern und Präsidenten ist der Fehler unverzeihlich.


Auch die bekannten strukturellen Probleme der Mannschaft wechselt ein Trainertausch nicht weg. Die sehen vor allem so aus, dass auf den Außenbahnen weder die Verteidiger noch die Mittelfeldspieler offensives Potential einbringen. Auf Adil Chihi ruht die Hoffnung auf mehr Schwung über außen, nun ist er nach seiner Genesung erst mal disziplinarisch zur U23 versetzt worden. Spiel durch die Mitte ist gleichfalls Mangelware, womit das Spiel der Kölner schon mal nichts für Liebhaber des schönen Fußballs bietet. 13 geschossene Tore in 11 Spielen geben Aufschluss über die offensiven Fähigkeiten. Angesichts der Probleme sieht es nicht gerade danach aus, als ob Geißbock und Schaefer einander automatisch Glück verheissen. Zudem hat das Versagen von Meiers Strategie "erst mal finanziell klotzen und dann mit jungen Leuten nachziehen" den Verein in eine schwierige Lage gebracht, in der die Alternativen bei Spielern und Trainern knapp werden. Schon Soldo galt als die günstigste Lösung unter mehreren Alternativen; angesehene Namen der Branchen dürften im Moment für den 1.FC Köln nicht in Reichweite sein.


Das Derby am Rhein steht also im Zeichen reiner Abstiegsvermeidung. Dem Großteil der Fans beider Lager ist angesichts der sportlichen Lage die Vorfreude auf das Messen mit dem Konkurrenten vergangen. Bei der Borussia sind die kurzfristigen Saisonziele bereits abgeschrieben, auch die mittelfristige Perspektive auf den weiteren Aufbau mit Trainer Frontzeck ist in Gefahr geraten. Beim 1. FC Köln könnte die fehlende sportliche und finanzielle Substanz sogar langfristig die Rolle in der Bundesliga gefährden. Mit dieser Perspektive vor Augen wäre es für die Beteiligten auf den Zuschauerrängen angemessen, sich rein auf das sportliche Geschehen auf dem Rasen zu konzentrieren, dann hätte wenigstens die castorisierte Polizei eine kleine Pause.


Aufstellungen:

Borussia: Heimeroth, Levels, Brouwers, Anderson,Daems; Reus,Marx,Bradley,Herrmann; de Camargo, Bobadilla

Köln: Varvodic; Brecko, Geromel, Mohamad, Salger; Clemens, Lanig, Matuschyk, Ehret; Novakovic, Podolski


SEITENWAHL-Meinung:

Michael Heinen: : In Köln kann nicht verloren werden. Da es mit dem Siegen derzeit aber nicht so recht klappt, geht das Spiel 2:2 aus.

Christian Spoo:
Wer verliert, steigt ab - so orakeln Fans und Presse. Aber am zwölften Spieltag ist natürlich noch nie ein Team abgestiegen, zumal es am Samstag keinen Verlierer geben wird. Das Derby endet 1:1.


Thomas Häcki:
Nach dem Spiel in der Düsseldorfer Vorstadt wird Dante in aller Munde sein. Die einen sehen in dem brasilianischen Wuschelkopf den Heilsbringer für die kommenden Spiele. Die anderen zitieren nach der 1:4-Schlappe seinen Vorgänger mit: "Tritt ein und lass alle Hoffnung fahren."


Christoph Clausen: Meine letzten zweckoptimistischen Tipps gingen alle daneben, aber im rheinischen Derby auf Niederlage zu setzen, geht nicht. Bleibt ein Unentschieden. 2:2.

Christian Heimanns: Druck, Nervosität, Abstiegskampf, die besten Voraussetzungen für ein ganz grottenhaftes Spiel sind alle da. Und das gewinnt Borussia mit 2:1.

 

 

 

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