Ein Mann geht auf einen Jahrmarkt. Zwischen all den Schaustellerbuden findet er plötzlich ein altes geheimnisvolles Zelt, in dem eine Wahrsagerin ihre Dienste anbietet. Eigentlich ist er Realist, doch die Neugier packt ihn. Er betritt das Zelt und findet dort eine alte Zigeunerin vor. Unschlüssig was er eigentlich wissen will, kommt er auf die Idee, eine Fußballfrage zu stellen. Es ist Anfang August 2010 und der Mann ist eigentlich begeistert, wie sich seine Borussen in den letzten Monaten entwickelt haben. Werden sie nun endlich einen Schritt nach vorne schaffen? Er will sich nicht die gesamte Spannung nehmen, also fragt er die alte Frau nach dem Spiel von Mönchengladbach gegen Stuttgart. Die Gesichtszüge der Zigeunerin spannen sich, als sie angestrengt in die Kristallkugel auf ihrem Tisch blickt. Nach einiger Zeit schaut sie den Mann an und sagt leise: „Gladbach gegen Stuttgart? Das wird ein Sechs-Punkte-Spiel auf Augenhöhe.“ Der Mann eilt aufgeregt nach Hause und berichtet seiner Frau: „Ich hatte bereits ein gutes Gefühl. Aber dieses Jahr scheinen wir sogar so stark zu sein, dass wir um die internationalen Plätze mitspielen werden“. Sechs Monate später fühlt sich der Mann, als habe man über ihn einen Eimer im eiskaltem Wasser ausgeschüttet.



Dass irgendetwas schief läuft, dürfte dem Mann bereits am 18.September 2010 aufgegangen sein. Die Stuttgarter waren mit drei Niederlagen wenig meisterlich in die Saison gestartet. In Mönchengladbach war der Auftakt von stärkeren Schwankungen begleitet. Nach dürftigem Beginn gegen Nürnberg hatte man keinen geringeren als Leverkusen in deren Stadion vorgeführt. Danach wurde man wiederum von der Frankfurter Eintracht zerlegt. Gut, Logan Bailly hatte da nicht seinen stärksten Tag und Schiedsrichter Dr. Drees hatte mit seinen peinlichen Fehlentscheidungen jeglichen Erfolg unmöglich gemacht. Gegen Stuttgart sollte sich nun zeigen, wohin die Reise geht. Und das geschah auch, zumindest aus Gladbacher Sicht. Am Ende stand mit 7:0 die höchste Auswärtspleite der Bundesligageschichte und die Tragödie nahm ihren Lauf. Allerdings auch für die Schwaben, denn dem Kantersieg sollten bis zur Winterpause nur noch zwei Bundesligasiege folgen. Im Ergebnis finden sich nun im Bundesligakeller zwei Mannschaften wieder, die eigentlich einen ganz anderen Bundesligaverlauf geplant hatten. Das schreit selbstverständlich nach Erklärungen. Beiderseits werden unglückliche Begleitumstände ins Feld geführt, gepaart mit dem Hinweis, der Kader sei stark genug, um den Abstiegskampf erfolgreich zu meistern. Theoretisch ist dies auch nicht von der Hand zuweisen. Praktisch zählen aber bekanntlich nur Punkte. Unterm Strich spielten beide Teams nicht konstant genug, um die Erwartungen auch nur ansatzweise zu erfüllen. Die einzige Konstanz war im wöchentlichen Auslassen von Chancen zu finden.
 

Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. In Mönchengladbach hält man allen Unkenrufen zum Trotz an der sportlichen Leitung fest. Und das ist mittlerweile bemerkenswert, denn der Druck ist gewaltig. Mitten in der Krise sieht eine so genannte Opposition den Zeitpunkt für gekommen, mit medialem Aufwand die Mächteverhältnisse im Verein zu verändern. Ohne auf Pro und Kontra einzugehen: Dieser Auftritt geschieht definitiv zu einer Unzeit, denn Aufregung hat der Verein in dieser Situation bereits genug. Dass eine solche Unruhe dem Abstiegskampf abträglich ist, dürfte einleuchten. Insofern sollte hinterfragt werden, ob es den Akteuren wirklich um das Wohl der Borussia oder um das Rampenlicht geht. Dass in dieser Situation auch der Boulevard tiefschießt, dürfte hingegen wenig überraschen. Zu dankbar scheinen Michael Frontzeck und Max Eberl in der Rolle des Buhmanns zu sein. Und zu groß ist auch die Anzahl frustrierter Fans (und potentieller Leser), die in einem Zustand von Ratlosigkeit und Agonie auch den größten Blödsinn dankbar als Erklärung aufnehmen. Dabei ist es keinesfalls so, dass man sich am Niederrhein dem Abstiegskampf nicht stellt. Die Erfahrung, dass der „zweite Anzug“ zu dünn ist, bewog die sportliche Leitung, am Transfermarkt tätig zu werden. Mit Hanke, Stranzl und nun auch Fink wurden drei bundesligaerfahrene Spieler verpflichtet, die in der Lage sind, der Borussia sofort weiterzuhelfen.  Komplettiert wird dieses Trio durch Nordtveit, der trotz seiner ersten ansprechenden Leistungen eher ein Perspektivspieler ist. Aller Spieler konnten kostengünstig verpflichtet werden, das wirtschaftliche Risiko ist somit überschaubar. Ob diese Wechsel das Blatt aber noch wenden können, muss abgewartet werden. 

Auch bei den Schwaben sitzt der Frust tief. Abstiegskampf ist für die Süddeutschen absolut inakzeptabel. In ihrem Versuch, die Situation zu bereinigen hat die Stuttgarter Führung allerdings einen gänzlich anderen Weg als die Borussen gewählt. Bereits überraschend früh wurde die Trennung von Trainer Christian Gross beschlossen. Weniger als einen Monat nach dem 7:0-Kantersieg musste der Schweizer seinen Stuhl räumen. Einen Bonus bei der Vereinsführung scheint er nicht genossen zu haben, stellten die Schwaben doch noch wenige Wochen zuvor das beste Rückrundenteam der Saison 2009/10. Sein Nachfolger Jens Keller konnte sich danach nicht einmal zwei Monate auf dem Trainerstuhl halten. Anfang Dezember war auch für ihn Schluss. Mit Bruno Labbadia steht nun also bereits der dritte Trainer in der Stuttgarter Coaching-Zone. Ausgerechnet Labbadia. Böse Zungen behaupten, er schaffe es, jedes Team zu einigen – gegen sich. Labbadias erste Stationen in der Bundesliga zeichneten sich durch Anfangserfolge aus, bevor seine Teams regelrecht implodierten. Ist also auch er nur ein Trainer auf Zeit? In die Rückrunde starteten die Schwaben bislang durchwachsen. Aufmerksamen Beobachtern dürfte nicht entgangen sein, dass sowohl der Heimsieg gegen Mainz als auch der Punkt in Dortmund überaus glücklich waren. Die Frage lautet also, wie lange der Ex-Nationalspieler die Situation stabilisieren kann. Stellen sich auch unter ihm die Misserfolge ein, ist in Stuttgart diese Saison alles möglich. 

Die Borussia 

Es ist das erste Spiel nach Bradley, einen Transfer an dem sich die Geister scheiden. Ohne Zweifel ist Michael Bradley ein hochtalentierter Fußballer, dessen Qualitäten sich auch außerhalb von Deutschland herumgesprochen haben. Qualitäten, die er bei Borussia Mönchengladbach viel zu selten unter Beweis stellen konnte. Auch deshalb, weil diese mehr in seinem dynamischen Offensivspiel liegen. Defensiv waren seine Leistungen jedoch bestenfalls Durchschnitt. Stabile Defensivleistungen sind aber das, was einen Abstiegskampf entscheidend prägt. Insofern ist die Formel Fink für Bradley stimmig. Damit ist aber auch die Fokussierung auf die Doppel-Sechs deutlich geworden. Vor der zu erwartenden Viererkette hat Michael Frontzeck nun verschiedene Möglichkeiten. Fink, Marx, Nordtveit oder Neustätter -  sie alle haben Chancen, in die Startaufstellung zu rutschen. Idrissou und Reus auf den Außenpositionen sowie Hanke und de Camargo im Angriff komplettieren die Mannschaft. Damit könnten erstmals alle vier Neuzugänge von Beginn an auflaufen. Zumindest auswärts konnte bereits eine deutlich stabilere Defensivleistung beobachtet werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser erfreuliche Trend nun endlich auch im heimischen Stadion fortsetzt. 

Der VfB 

Kurz vor Ende der Transferperiode wurde man noch einmal aktiv. Mit Hajnal wurde ein Spieler geliehen, der dem oft so kreativlosen Stuttgarter Spiel Farbe verleihen soll. Er ersetzt das zwei Millionen teure Missverständnis Camoranesi. Der italienische Weltmeister von 2006 hatte sich nach eigener Aussage bei den Schwaben wohl gefühlt. Nur sportlich habe es nicht gepasst. Da darf er sich in guter Gesellschaft wähnen. Sportlich gibt der VfB Stuttgartern Beobachtern ein Rätsel auf. Dass dieses Team in ganz anderen Regionen spielen kann, hat es in der vergangenen Rückrunde bewiesen, als man den fruchtlosen Titel des „Rückrunden-Meisters“ erlang. Dass ihnen aber auch die Abstiegsregionen nicht fremd sind, wiesen sie bereits in der vorangegangenen Hinrunde nach. Damals verdankte man die Rückkehr zum Erfolg der überraschenden Leistungsexplosion von Cacau. Doch der deutsche Nationalspieler ist verletzt. Ein Schicksal, welches er mit Abwehrchef Delpierre und dem ehemaligen holländischen Nationalspieler Boulahrouz teilt. Trotzdem verfügen die Schwaben über eine schlagfertige Truppe, zumindest auf dem Papier. Und Papier ist in Stuttgart derzeit geduldig. Nicht so das sportliche Umfeld. Mit der Inthronierung von Bruno Labbadia zum Cheftrainer folgte man den branchenüblichen Reaktionsmustern. Spätestens nach dem Derby gegen Freiburg ist man aber in die altbekannten Muster zurückgefallen. Krampf statt Kampf und Einfallslosigkeit statt Kreativität prägen das Stuttgarter Spiel. Was die Mannschaft an guten Tagen leisten kann, zeigten die Kantersiege gegen Mönchengladbach und Bremen. Doch jedes Mal, wenn sich Stuttgart aus der Krise zu schiessen scheint, folgt der Rückschlag und raubt der Truppe das grade neu gewonnene Selbstvertrauen. Und so geht es den Stuttgartern wie dem Mann, der die Wahrsagerin um Rat fragte – sie fühlen sich wie begossene Pudel. 

Wer in der Defensive Träsch, Kuzmanovic, Tasci, Niedermeier und Molinaro aufbieten kann, darf den Ausfall von Delpierre nicht als Begründung für die bislang desolate Saison vorschieben. Doch auch diese Defensive entpuppte sich all zu oft als wenig sattelfest. Hinzu kommt, dass auch Lehmann-Nachfolger Ulreich nicht immer den sichersten Eindruck macht. Insgesamt scheint das Team mehr mit sich selbst zu kämpfen als mit dem Gegner. Lässt man die Stuttgarter ins Spiel kommen, sind sie schwer zu stoppen. Zerstört man ihr Spiel, wirken sie oft ratlos. Besonders auswärts, denn der VfB Stuttgart ist mit drei Unentschieden die bislang harmloseste Auswärtsmannschaft. Eine interessante Parallele zur Gladbacher Heimschwäche. Fußballkost für Kenner darf also nicht erwartet werden. Aber davon sind die Fans beider Mannschaften derzeit eh entwöhnt.
 

Borussia
Heimeroth – Levels, Stranzl, Dante, Daems – Fink, Nordtveit – Reus, Idrissou – de Camargo, Hanke 

Stuttgart
Ulreich – Funk, Tasci, Niedermeier, Molinaro – Träsch, Kuzmanovic – Gentner, Hajnal – Marcia, Pogrebnyak 

SEITENWAHL-Tipps: 

Thomas Häcki: Ein Sieg wäre wichtig – nur leider spielt man zu Hause. Beim 0:0 bleibt Gladbach aber erstmals zu Hause ohne Gegentor. 

Michael Heinen: Mit 1:1 trennen sich die beiden Krisenteams der Liga und setzen sich damit weiter am Tabellenende fest. 

Christoph Clausen: Irgendwann sollte denn doch der erste Heimsieg der Saison gelingen. Jetzt wäre ein richtig guter Zeitpunkt. Sagen wir 2:1.

Christian Heimanns: Na sowas, da kann ich gleich noch mal einen Sieg tippen. Das 2:1 verhindert, dass düstere Statistiken mit Jahrtausendstatus entstehen.

Christian Spoo: Punktgleich am Tabellenende, das ist die Situation vor dem Abstiegsgipfel. Punktgleich am Tabellendene, das ist wegen des 1:1 auch die Situation nach dem Abstiegsgipfel.


 

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