1fckoeln Das Präsidium zurückgetreten, der Sportdirektor vom Stellvertreter entlassen, die größte Ultragruppierung aufgelöst, Teile der Mannschaft gelegentlich in Polizeigewahrsam und seit Donnerstag auch endlich ohne Trainer, dafür mit den meisten Niederlagen und den meisten Gegentoren, Vorhang auf und Bühne frei für Deutschlands höchstklassige Karnevalsgesellschaft mit angeschlossener Fußballabteilung, den 1.FC Köln. Tusch.


Zur Derbyzeit präsentieren sich die Kölner in einer Form, die die Borussia mit ihrem rein auf Fußball beschränkten Programm geradezu bieder aussehen lässt. Das Kerngeschäft läuft in Gladbach auch nicht ganz so glänzend wie in der Hinrunde, aber das Spiel in Bremen bot für den einen Punkt wenigstens rassigen Fußball. Wie aus dem Handgelenk verkehrten die Borussen am Dienstag ihren bisherigen Fußball ins Gegenteil, ließen zwei Gegentore und eine Menge weiterer Chancen zu. Dafür spielten sie sich mit Leichtigkeit durch die Bremer Reihen auch vor deren Platzverweis und hätten die erste einer zweistelligen Anzahl von Möglichkeiten zur Führung nutzen müssen.

Da am Ende 10 Bremer noch den Ausgleich rausholten, waren die Gladbacher durchaus nicht erbaut ob des Punktgewinns. Dabei bestand jetzt zu soviel nachgrummeln auch kein Anlass; gute defensive Leistungen kann Favres Team ohne weiteres reproduzieren, gutes Spiel nach vorne gelingt nicht so schnell und war in der Rückrunde nicht immer die Regel. Wenn zum Saisonendspurt die Inspiration im Angriff wieder zurückkehrt, darf man die letzten vier Spiele in Ruhe erwarten. Und der Eindruck lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Rückkehr von Patrick Herrmann viel Esprit zurückgebracht hat.

Man könnte annehmen, dass das zuviel der Ehre für einen 21jährigen mit dem Kampfgewicht eines Wachtelkükens ist. Aber das Bürschchen hat nicht nur bereits 60 Bundesligaspiele auf dem Buckel und in dieser Saison 6 Tore, er ist auch der einzige, der Marco Reus von der Aufgabe entlasten kann, den Gegner mit Dribblings in Bedrängnis zu bringen. Der flinke Flügelspieler (hört sich an wie von Inka Bause, ist es aber nicht) kann schon einmal einen oder zwei Gegner aussteigen lassen und ist zudem eiskalt vor dem Tor, außer in Bremen. Dadurch bekommt auch Reus wieder den Raum, den er braucht und kann das Gladbacher Angriffspiel auf Touren bringen. Und das wird schon nötig sein, damit die Stuttgarter in ihrem Aufwind nicht bis auf den 4. Platz wirbeln.

Der Gegner aus Köln

Um das zu verhindern, sind drei Punkte am Sonntag also dringend von Nöten. Und der Gegner lässt die Punkte nicht nur mit erfreulicher Konstanz bei den Borussen, er hat sich selten so katastrophal präsentiert wie in der letzten Zeit. Und das will beim 1. FC Köln nun wirklich etwas heissen. Es ist kein Geheimnis und keine Polemik, dass dieser Verein immer wieder für eingestreute Peinlichkeiten gut ist. Aber eine Selbstdemontage wie in dieser Saison hat sich vielleicht noch nie ein Bundesligaclub geleistet.

Schon die letzte Saison wäre für einen normalen Club malerisch gewesen mit dem Abschuss von Soldo, während er noch eine Pressekonferenz gibt und der Demontage des Nachfolgers Frank Schaefer durch Volker Finke. In Köln ist das nur eine normale Saison. In der laufenden Spielzeit tritt dann erst, nach langen Grabenkämpfen und tiefer Spaltung im Verein, der dünnhäutige und schnell beleidigte Präsident Overath zurück, dann entscheidet sich der Interimsvorstand dafür, den Machtmenschen Finke rauszuwerfen und an Solbakken festzuhalten, dem die Mannschaft dafür glatt die Gefolgschaft verweigert und hohe Niederlagen in Serie kassiert. Möglicherweise sprachen die Finanzen dagegen, Solbakken dann auch rauszuwerfen, denn der Norweger hat Ablöse gekostet und würde natürlich noch sein Gehalt bis zum Vertragsende kassieren.

Aber drei Tage vor dem Derby in Mönchengladbach wird sich ein Herz gefasst und der Trainer gefeuert, um von dem Mann beerbt zu werden, der vor einem Jahr von Finke abgelöst wurde: A-Jugendtrainer Frank Schaefer. Wahrscheinlich kann der kreuzbrave Schaefer nicht anders, wenn man ihn fragt. Andere potentielle Nachfolger für diverse Vereinsposten reagieren, als hätte man ihnen "Wetten, dass?" angeboten. Die Ideen für neue Präsidenten und Vorstandsmitglieder umfassen führende Karnevalsgrößen und ehemalige Funktionäre von Bayer Leverkusen. Das kann man nicht mehr kommentieren.

Passend zum Gesamtbild präsentieren sich Teile der Fans, die in Schalke mit Fäkalien um  sich werfen und dann mit einem Angriff auf einen Gladbacher Fanbus endgültig den Bogen überspannen, so dass die größte Ultragruppe bis auf weiteres Geschichte ist. Ebenso die Spieler, von denen Brecko seinen Wagen hackevoll auf einem Gleis der KVB parkt oder Peszko gleichfalls angesäuselt in einem Taxi randaliert und seine EM-Teilnahme auf dem Polizeirevier abgeben darf. Wann hat sich einmal ein ganzer Verein dermaßen als Wrack präsentiert?

Und warum nur passiert so etwas immer wieder in Köln? Die zeitgenössische FC-Forschung geht verschiedenen Theorien nach, von denen die Annahme etwas für sich hat, dass der FC die Projektionsfläche vieler überspannter Hoffnungen und Anmaßungen von Deutschlands viertgrößter Stadt darstellt. Woanders darf ein Fußballverein sich als sportliches Aushängeschild betätigen, in Köln ist der Club untrennbar in die ganze selbstverliebte Folkore aus Stadtgeschichte, (oft geklauter) Musik und vor allem Karneval eingewoben.

Dass die Stadt der Sitz von Fernseh- und Radiosendern und mehrerer Zeitungen ist, macht es erwiesenermaßen noch schwieriger, sich nur um den Sport zu kümmern. Wenn zum Beispiel Novakovic hochverdient einmal aussetzen muss, findet er direkt Ohren und Notizblöcke, die seinen kleingeistigen Egoismus weitertransportieren und den Trainer endgültig beschädigen. Und wo passiert es noch, dass Boulevardzeitungen Liveticker anbieten von Vertragsverlängerungen oder eventuellen Rauswürfen von Trainern, um dem Volk dann ohne Zeitlag mitzuteilen, dass Frau Daum Kekse rausbringt oder die Reporter sich Pizza bestellen? Dass der "Express" es lustig fand, genau jetzt Christoph Daum zu zitieren, der sich einen Posten in Köln wünsche, sagt alles darüber, wie manche Medien den Club in allen Lebenslagen missbrauchen.

Die Fans des FC haben früher gerne Gesänge des Gegners aufgenommen und mit "Wir sind nur ein Karnevalsverein" ironisiert. Aber der Spott ist Wahrheit geworden. Und verrückterweise findet man nur ganz wenige Anhänger des Clubs, die der Meinung sind, dass das ganze überdrehte Gehabe den sportlichen Zielen schadet. Viel verbreiteter ist die Ansicht, mit einem solchen Kabarett auf die Provinz in Mönchengladbach und Leverkusen herabschauen zu können.

Nun also das Derby. Nach einem Sieg und sieben Niederlagen aus den letzten 10 Spielen der Kölner. Nach 12:1 Toren und drei Siegen für die Borussen aus den letzten drei Spielen gegen Köln, oder 17:4 Toren und vier Gladbacher Siegen ohne Niederlage aus den letzten sechs Derbys, der letzte Kölner Sieg aus 2008. Genau gegen die Gladbacher, denen die Kölner in der Vorsaison auf wirklich alle Weisen das Leben gerettet haben. Selten waren die Aussichten vor einem Spiel so grandios für die Borussen. Konservative Schätzungen beginnen bei einem 3:0 Sieg für die Gladbacher, der Schnitt geht von 5 oder 6 Toren für die Hausherren aus. Tipps von beiden Seiten, wohlgemerkt.

Was natürlich heisst, dass es nicht so kommen wird. Nachdem die FC Spieler nicht mehr gegen Solbakken spielen, so unprofessionell und charakterlos das auch gewesen sein mag, werden sie den Borussen das Leben gehörig schwer machen. Gelingt den Gladbachern ein früher Treffer oder wenigstens eine Halbzeitführung, mögen die Kölner noch einmal auseinanderfallen. Klappt das nicht, kann es ein hässliches Gegurke auch zu einem Unentschieden werden.

Aufstellungen:

Borussia: ter Stegen; Jantschke, Stranzl, Dante, Daems; Herrmann, Nordtveit, Neustädter, Arango; Hanke, Reus

Köln: Rensing; Brecko, Geromel, McKenna, Eichner; jajalo, Lanig, Riether, Peszko; Novakovic, Podolski


SEITENWAHL-Meinung


Christoph Clausen: Am Sonntagabend ist in Köln die nächste Krisensitzung angesagt. Gegen eine im Vergleich zum letzten Heimauftritt deutlich verbesserte Borussia unterliegt das Team von Wieder-einmal-Aushilfstrainer Schäfer mit 0:3.

 

Thomas Häcki; Spielt der Gegner mit, können die Fohlen ihre Qualitäten entfalten. Igelt sich der Gegner ein, fehlt die Qualität erfolgreich zu sein. Daher gibt es gegen Köln ein 0:0.

 

Christian Spoo: Alle Welt erwartet ein Feuerwerk - es wird aber nur ein mattes Glühen. Borussia quält sich zu einem weiteren 0:0 auf dem eigenen Platz, obwohl der Gegner schlechter kaum sein könnte.

 

Michael Heinen: Wann lässt sich die Ergebniskrise der letzten Heimspiele besser beenden als beim Derby? Gelingt Borussia eine frühe Führung gibt es einen Kantersieg. Damit die Erwartungen nicht zu groß werden, tippe ich aber nur auf ein bescheidenes 1:0 durch ein Eigentor von Peszko auf Vorlage von Pezzoni.

 

Christian Heimanns: Es wird ein ganz schönes Geackere werden, bis man die Kölner davon überzeugt hat, dass sie die schlechtere Mannschaft stellen. Aber am Ende steht ein 2:0 für die Borussia.

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