Schalke 04Tosender Jubel im Borussiapark, schon Sekunden, bevor der Ball die Torlinie überschritt. Wer hätte Marco Reus auch noch aufhalten wollen in jener 88. Minute, als er alleine aufs leere Schalker Tor zulief. Lars Unnerstall hatte es nicht geschafft,  nicht in dieser Szene und auch nicht in der 56. Minute, als Reus ihn mit einem listigen Fernschuss buchstäblich auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Jermaine Jones hatte es nicht geschafft. Dessen heimtückische Attacke, bei der er während einer Spielunterbrechung offensichtlich gezielt Reus zu verletzten versuchte, war widerwärtig und wird für den Schalker wohl noch ernstere Konsequenzen haben. Dass Reus ein Tor vorbereitete und zwei selbst erzielte, verhinderte die Attacke nicht.

 

An diesem Dezemberabend war in Mönchengladbach der würdige Abschluss eines fantastischen Fußballjahres zu bestaunen. Vor einem Jahr stand die Borussia am Abgrund: Die letzten fünf Bundesligaspiele hatte sie allesamt verloren und war im Pokal ausgeschieden. Sage und schreibe 47 Gegentore standen in der Liga zu Buche. Eine dubiose Initiative blies zum Angriff. Alt-Borussen gaben unter medialem Getöse Substanzloses zu Protokoll. Neben dem Trainer sah sich auch der Sportdirektor harscher Kritik ausgesetzt.

 

Es folgte ein Jahr der Extreme. Verzweiflung nach einer desolaten Niederlage bei St. Pauli. Auch sechs Tore hätte Borussia in diesem Spiel kassieren können. Neue Hoffnung nach erfolgreichem Debut des neuen Trainers. Fassungslosigkeit, als Logan Bailly unbedrängt eine Ecke ins eigene Tor faustete. Begeisterung, als Borussia im Derby brillierte. Wut, als zwei krasse Fehlentscheidungen in Mainz den Sieg kosteten. Schaudern beim Blick auf das Restprogramm. Sensationssiege wie auf Bestellung, ungläubige Euphorie. Ein Wellenbad der Gefühle am letzten Spieltag. Schlechter Schlaf vor der Relegation. Auch Kollegen, die sich kein bisschen für Fußball interessieren, sahen einen mitleidig an: „Du siehst aber schlecht aus“. Neunzig Minuten Zittern. Ektase nach de Camargos Tor. Wieder Warten. Nordtveits Eigentor. Dann Reus, immer wieder Reus. Schlusspfiff. Explosion der Gefühle. Dantes Haare. Heiserer Hanke am Morgen danach. Durchatmen. Paukenschlag zum Beginn der neuen Saison. Rauschende Fußballfeste, knappe Siege, nur seltene Rückschläge. Der unaufhaltsame Aufstieg zur Spitzenmannschaft, allem Leugnen zum Trotz. Fürwahr: Dieses Jahr hatte ein Fest zum Abschluss verdient, und der Pokalsieg gegen den Tabellendritten war ein solches.

 

Einer aber machte hinterher ein Gesicht, als hätte er unter dem Weihnachtsbaum nichts als Musikantenstadl-CDs vorgefunden. Lucien Favre, der ewig Unbefriedigte, war schwer enttäuscht. Die letzten zwanzig Minuten lagen dem Trainer im Magen. Tatsächlich waren die Borussen nach dem überraschenden Schalker Anschlusstreffer arg ins Schwimmen geraten. Das Passspiel wurde fahrig, die Organisation ging verloren. Plötzlich taten sich den Schalkern, die schon geschlagen schienen, ungeahnte Räume auf. Unter Favre hatte die Borussia noch nie einen Vorsprung von zwei Toren verspielt. An diesem Pokalabend lag die Möglichkeit plötzlich bedrohlich in der Luft. Wer weiß, was es psychologisch angerichtet hätte, wenn man das Jahr mit einem solchen Rückfall abgeschlossen hätte. Wenn man mit diesem Negativerlebnis im Kopf in den schweren Rückrundenauftakt gegen Bayern München hätte gehen müssen und in die zwei Auswärtsspiele danach.

 

Es blieb beim Konjunktiv. Und am Ende stand die Erkenntnis, dass die Borussia sich den Sieg trotz des Zwischentiefs redlich verdient hatte. Vor allem in der ersten Hälfte war wieder zu besichtigen, warum das Team unter Favre weniger als 0,7 Gegentore pro Spiel kassiert hat. Die Schalker Offensive, die in den letzten beiden Bundesligaspielen zwei opulente Feuerwerke hintereinander abgebrannt hatte, brachte nicht mal ein Streichholz zum Glimmen. Ratlose Gäste verlegten sich auf Nickligkeiten und Reklamieren. Konsequenz war ein Platzverweis für eine Dämlichkeit, die man selbst einem C-Jugendlichen nicht durchgehen lassen würde.

 

„Das Positive an der ersten Halbzeit war, dass wir nur 0:1 in Rückstand lagen“, befand Seppo Eichkorn in der Pressekonferenz. Huub Stevens‘ Vertreter hatte Recht. Auch hierin war das Spiel lange ein Spiegelbild der Saison: Gladbachs defensive Souveränität ging nicht zu Lasten des Offensivspiels. Marco Reus funkelte erneut am hellsten, aber ohne seine Mitspieler würde auch Borussias Star ganz schön im Dunkel stehen. Juan Arango erzielte das erste Tor mit feinem Flachschuss selbst und leitete das dritte ein. Patrick Herrmann, Roman Neustädter, Mike Hanke und Havard Nordtveit hatten brandgefährliche Situationen. Filip Daems fand neben einer bärenstarken Abwehrleistung noch Gelegenheit, sich dynamisch in die Offensive einzuschalten.

 

Auch wenn sich die Borussia am Ende das Leben schwerer als nötig machte: Der Pokalsieg krönte eine fulminante Hinrunde. Borussia hat ihre so leidgeprüften Fans in der Hinrunde reich beschenkt und sie tat es noch einmal drei Tage vor Weihnachten. Es ist großartig, was Spieler und Verantwortlichen seit Monaten leisten. Solche Weihnachtsgeschenke tauscht niemand um.

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