Erst wenn die letzte Weihnachtsgans vertilgt ist, erst wenn das letzte Silvesterwürstchen verdaut wurde, werdet ihr merken, dass kein Fußball keine Alternative ist. Nach etwas mehr als vier Wochen darf der gemeine Fußballfan also wieder aufatmen. Am Freitag beginnt die Rückrunde der Fußballbundesliga. Traditionell wird sie mit dem vermeintlichen Höhepunkt des Spieltages eröffnet. Dass der FC Bayern München hierbei eine Rolle spielt, ist nicht verwunderlich. Dass Borussia Mönchengladbach als Tabellenvierter diese Partie zur Spitzenbegegnung macht, ist hingegen eine Sensation. Natürlich schwebt über den Duellen der Bajuwaren gegen die Rheinländer ein nostalgischer Schleier, welcher diese Spiele zumindest aus Sicht der Fohlenelf zu etwas Besonderem macht. Doch ist dieser inzwischen zugegebenermaßen reichlich eingestaubt. Dass es am Freitag zu einer Spitzenbegegnung kommt, ist somit die Überraschung der Saison.

Nicht vergessen ist dabei natürlich das Hinspiel. Als Topfavorit in die Saison gestartet, waren die drei Punkte gegen Gladbach bei den Süddeutschen fest eingeplant. Wie gut man am Niederrhein aber mittlerweile defensiv steht, sollten die Bayern als Erster erfahren. Ein 35 Millionen Missverständnis zwischen den Neuzugängen Neuer und Boateng besiegelte dann sogar die zweite Heimniederlage in der Bundesliga-Historie gegen den ehemaligen Kontrahenten. Natürlich brennt man an der Säbener Strasse darauf, diese Schlappe wett zu machen. Zumal ein Sieg den Vorsprung der Bayern auf sieben Punkte anwachsen lassen würde und man sich vorerst auf den aktuellen Meister konzentrieren könnte. Dennoch ist man gewarnt. Vor allem die Art und Weise, mit der zuletzt spielstarke Mannschaften wie Werder Bremen und Schalke 04 im Pokal dominiert wurden, zeigt, dass die Borussia ihren Erfolg nicht nur mit Mauerfußball erreicht hat. Besonders Marco Reus drückte mit seinem unnachahmlichen Stil den „Neuen Fohlen“ in der Vorrunde seinen Stempel auf. Und genau hier beginnt das Problem.

Dass ein Talent wie Marco Reus nicht bis in alle Ewigkeit an der Niers verweilen würde, war allen Beteiligten klar. Zu sehr hatten seine Auftritte in der Hinrunde die Begierden der Konkurrenten geweckt. Trotzdem war seine Ankündigung Anfang Januar, im Sommer nach Dortmund zu wechseln, ein herber Schlag. Da gleichzeitig mit Roman Neustädter ein zweiter Stammspieler den Verein Richtung Ruhrgebiet verlässt, war dies ein gefundenes Fressen für alle diejenigen, welche mit Kassandrarufen ihren Unterhalt verdienen. Sicherlich blutete nicht nur den Fans das Herz. Auch Gladbachs Verantwortliche regierten zunächst konsterniert. Dass aber gerade die Öffentlichkeitsarbeit in dieser Phase kein gutes Bild abgab, sollte sich im Anschluss an die Bewertung des Abgangs in dramatischer Form erweisen. Richtig ist, dass Reus derzeit für das Gladbacher Spiel kaum zu ersetzen ist und der Abgang von Neustädter zumindest ärgerlich erscheint. Richtig ist aber auch, dass eben diese Abhängigkeit von Reus eine Gefahr für die kontinuierliche Weiterentwicklung von Borussia Mönchengladbach bedeutet. Ein langfristiger Ausfall würde bereits eine enorme, nur schwer zu kompensierende Schwäche für das Team sein. Durch Reus Abgang, so schmerzlich er auch erscheinen mag, hat die Borussia dank einer opulenten Ablöse die Möglichkeit, dieses Manko zu beheben, indem man die Qualität auf mehreren Schultern verteilt.

Momentan ist man am Niederrhein noch nicht soweit, Spieler von dieser Qualität halten zu können. Doch ermöglichen solche Transfereinnahmen Gladbach die Möglichkeit, den Aufbau des Teams weiter zu forcieren. Anders stellt sich der Abgang von Roman Neustädter dar, für den keine Ablöse erzielt werden kann. Dies ist ganz sicher ärgerlich, doch stellt Neustädter derzeit noch keine so große Lücke dar, dass sie nicht geschlossen werden könnte. Dies zu bewerkstelligen, bedarf Zeit, die man in Mönchengladbach dank der frühzeitigen Bekanntgabe nun auch hat. Mit den Leihgeschäften von Ring und Cigerci reagierte die Borussia und es ist gut möglich, dass sich bereits hier Verstärkungen ergeben werden. Dies sind die Chancen, welche die Abgänge bergen und sich bei genauerer Betrachtung als ein Segen für den weiteren Aufstieg erweisen könnten. Leider wurde aber zu lange versäumt, diese Chancen auch der Anhängerschaft zu kommunizieren.

Stattdessen entwickelten sich Spekulationen, denen man nicht mehr Herr werden konnte. Plötzlich war von einem Auseinanderbrechen der Erfolgsmannschaft die Rede. Insbesondere über die Abgänge von Dante, welcher am Freitag aufgrund seiner fünften gelben Karte gesperrt ist, und Trainer Favre wurde spekuliert. Dass zu diesem Zeitpunkt Bayern München anmerkte, in der neuen Saison auf der Position des Innenverteidigers nachbessern zu wollen, passt natürlich genauso ins Bild wie die Mutmaßungen über die Zukunft von Jupp Heynckes. Diese Spitzen gehören zum Repertoire des Rekordmeisters, zumal man auch ein wenig verschnupft darauf reagierte, für Reus nicht attraktiv genug gewesen zu sein. München hatte eine vergleichsweise ruhige, ja fast schon langweilige Winterpause. Die Vermutungen schaden also eher Gladbach als dem Tabellenführer. Das ist ärgerlich, weil diese Unruhe auch auf das kommende Spiel ausstrahlt. Verliert man die Partie gegen den Rekordmeister, könnten sich sehr schnell die Spekulationen über das Auseinanderbrechen der Mannschaft ausweiten und das in Gefahr bringen, was in 20 Spielen mühsam aufgebaut wurde.

Dabei kann man im Borussen-Park der Partie eigentlich gelassen entgegensehen. Natürlich sind die Ansprüche gestiegen, doch war der Aufstieg zu rasant, als dass er selbstverständlich erscheinen würde. Würde es am Ende der Saison zu einem EuroLeague-Platz reichen, wäre das wesentlich mehr, als man erträumt hatte. Die Borussia hat sich Kredit erspielt. Aus rein sportlicher Sicht wäre eine Niederlage somit kein Beinbruch, ein Sieg hingegen ein schöner Traum. Anders bei den Bayern. Natürlich will man dem neuen Emporkömmling in seine Grenzen weisen, schon deswegen, weil man selber von beiden Borussias im eigenen Stadion geschlagen wurde. Misserfolg ist verboten, alles andere als der Titel eine Niederlage. Der Druck liegt also nicht am Niederrhein. Hinzu kommt, dass die Heimauftritte in dieser Spielzeit besonders gegen spielstarke Gegner stark waren. Respekt ist also angebracht, Angst muss man hingegen nicht haben. Denn auch in München weiß man, dass man in Mönchengladbach stets seine Schwierigkeiten hatte. Nennenswerte Ausfälle gibt es auf beiden Seiten jeweils einen - in Form der gelbgesperrten Dante und Ribery. Bastian Schweinsteiger klagte zuletzt zwar über Knieprobleme, wird aber aller Voraussicht nach auflaufen können, so dass die zuletzt häufig gewählte Ausrede, allein wegen des Ausfalls ihres Mittelfeldmotors gepatzt zu haben, bei einem erneuten Misserfolg der Bayern nicht greifen wird. Man darf sich also am Freitag auf ein echtes Gipfeltreffen freuen.


Die Aufstellungen

Borussia: Ter Stegen - Jantschke, Brouwers, Stranzl, Daems - Nordveit, Neustädter - Herrmann, Arango – Hanke, Reus

Bayern: Neuer – Lahm, Badstuber, Boateng, Rafinha – Tymoshchuk, Schweinsteiger – Robben, Kroos, Müller - Gomez

SEITENWAHL-Prognose

Thomas Häcki: Trotz der Querelen der letzten Wochen bietet die Borussia dem Rekordmeister bei 1:1 die Stirn und belehrt die Pessimisten eines Besseren.

Christian Spoo
: Der Geist des Teams, dass monatelang betont hat, seine Erfolge dem Teamgeist zu verdanken, ist trotz aller gegenteiliger Bekundungen angeschlagen. Die 0:2-Niederlage gegen die Bayern ist noch kein Beinbruch, aber die bisher nur gefühlten Sorgen beginnen, greifbar zu werden.


Michael Heinen: Ein erneuter Sieg gegen die Bayern wäre zu schön um wahr zu sein. Leider verliert Borussia aber unglücklich mit 0:1. Die gute Leistung gibt aber nur bösen Leuten Anlass, jetzt schon eine Krise herbeizureden.

Christoph Clausen: Borussia siegt mit 1:0 durch einen Treffer von Marco Reus. Die Bayern geben sich hinterher redlich Mühe, einigermaßen glaubhaft zu versichern, dass sie Reus nie wirklich gewollt haben.

Christian Heimanns: Abgänge, Krisen, Dahinwelken, Zerfall? Schluss damit: Bayern sieht in Gladbach üblicherweise nicht mal gut aus, wenn die Hausherren den 4. Platz von unten belegen. Also jetzt erst recht nicht beim 1:0 für die Borussen.

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