Der Druck ist ihm anzumerken. Wieder einmal muss der Gladbacher Trainer erklären, warum sein Team wieder einmal unnötig Punkte liegen gelassen hat. Punkte, welche in der Endabrechnung fehlen könnten. Mürrisch beantwortet er die Fragen seines Interviewpartners. Die Mannschaft habe es verpasst sich selbst zu belohnen, analysiert Michael Frontzeck und hat mit seiner Sicht der Dinge Recht. Im Herbst 2010 spielt die Borussia oft besser, als es der Tabellenstand vermuten lässt, jedoch leider zu oft erfolglos. Sich selbst um den Lohn der Arbeit zu bringen ist für alle Beteiligten, enttäuschend, zermürbend, frustrierend und ruft im Umfeld vornehmlich Mitleid hervor. Doch es ist nicht der Tiefpunkt, es gibt hierzu noch eine Steigerung. Etwas was noch zerstörerischer wirkt und im Umfeld nur Belustigung und Kopfschütteln hervorruft: Die Selbstdemontage.


Zu Beginn des Jahres 2012 wiederholt sich die Geschichte, aber zum Glück an einem anderen Ort. Herzlich Willkommen in Berlin. Nein, es ist nicht die Rede vom Bundesverband der FDP. Auch ein prominenter Bewohner von Schloss Bellevue ist ausnahmsweise nicht gemeint. Viel geübter scheint man in der Kunst der Selbstdemontage beim hiesigen Bundesligaclub zu sein, wo sie regelmäßig mit Lust zelebriert wird. Die Rede ist von Hertha BSC. Dreht man die Uhr drei Monate zurück, sah die Welt für den Hauptstadtclub rosig aus. Der Start in die Bundesliga war gelungen. Einigen unnötigen Punktverlusten, die für einen Aufsteiger ganz natürlich sind, standen bemerkenswerte Erfolge in Dortmund und Wolfsburg gegenüber. Ausnahmsweise kam man ohne die übliche Blamage durch die ersten Pokalrunden. Die Mannschaft stand im gesicherten Mittelfeld, die Begeisterung der Zuschauer spiegelte sich in einem neuen Rekord-Zuschauerschnitt wieder. Nach Jahren der Selbstüberschätzung schien sich eine „neue“ Hertha zu präsentieren. Bodenständig, vorwärtsgewannt, konzeptionell. Doch es gab ja noch die Personalie Markus Babbel. Dieser war nach dem Abstieg zum Hauptstadt-Club gekommen und hatte den „Betriebsunfall Abstieg“ repariert. Auch der ordentliche Bundesligastart wurde ihm zugeschrieben. Somit erschien es nur logisch, den auslaufenden Vertrag verlängern zu wollen. Doch Babbel zierte sich. Was letztendlich seine Gründe waren, wird wohl nie ganz geklärt werden. Beeindruckend war jedoch, wie alle Seiten sich an Ungeschick im Umgang mit diesem Thema überboten. Babbel ließ nebulös offen, ob er verlängern wolle und verwies auf die Winterpause. Manager Preetz hätte mit dem gleichen Verweis vielleicht die Wogen glätten können, doch er kommunizierte derart ungeschickt, dass die Medien nicht von diesem Thema lassen konnten. Im Dezember kam es dann zum Bruch, der gleichzeitig den Höhepunkt der Peinlichkeiten darstellte. Babbel und Preetz stritten sich über die Presse und als Krönung suchte auch noch Präsident Gegenbauer die Schlagzeilen, indem er Babbel öffentlich als Lügenbaron bezeichnete

Wie schnell man bei der Hertha den Nachfolger präsentieren konnte, spricht dafür, dass die Trennung von Babbel doch nicht ganz überraschend kam. Michael Skibbe hatte in der Türkei auf sich aufmerksam gemacht. Mit Eskişehirspor konnte er eine sensationelle Hinrunde auf Platz vier beenden. Doch diese Erfolge wurden bei den Fans gar nicht erst wahrgenommen. Entsetzt von der Lust der Selbstdemontage und in der Erinnerung an den beispielslosen Absturz der Frankfurter Eintracht schlug Michael Skibbe vornehmlich Ablehnung entgegen – frei nach dem Motto: „Keine Ahnung wer uns trainieren soll, Hauptsache nicht Skibbe“. Natürlich kommt der verpatzte Rückrundenstart denkbar ungelegen, um das Image des Trainers zu stabilisieren. Dabei wird aber übersehen, dass die sportlichen Probleme nicht erst seit der Rückrunde bestehen. Und damit seit Beginn der Amtszeit des Michael Skibbe. Bereits nach der Heimniederlage gegen Schalke war eine erschreckende Selbstzufriedenheit in der Mannschaft zu beobachten. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen, lieber verwies man auf die Tatsche, gut gespielt zu haben. Dass die Hertha zu diesem Zeitpunkt gefährlich nahe an die Abstiegsplätze gerückt war, wurde schlichtweg ignoriert. Letztendlich hatte man sich also einfach nicht selbst belohnt. Michael Frontzeck könnte ein Lied hiervon singen.

Gegen Gladbach steht man also bereits mit dem Rücken zur Wand. Ausgerechnet im Pokal. Denn seit der Einführung des Pokalendspielortes Berlin träumt man an der Spree von einer Finalteilnahme der Hertha. Dies hat sie sogar schon mal geschafft, allerdings nur mit dem Amateurteam, welches sich 1993 dann Bayer Leverkusen beugen musste. Nun möchte man endlich mal eine richtige Chance haben. Auf Borussia Mönchengladbach trifft man schon zum fünften Mal im Pokal, zum vierten Mal ist man sogar Gastgeber. Während die Fohlen Anfang der 70er zweimal erfolgreich waren, konnten die Berliner die letzten beiden Begegnungen für sich entscheiden. Das letzte Mal traf man 2005 aufeinander, die Hertha gab den damals desolaten Borussen beim 3:0 nicht den Hauch einer Chance. Diesmal liegt die Favoritenrolle jedoch bei den Rheinländern. Insgesamt ist die Euphorie an der Spree eher verhalten, zu groß ist die Krise im eigenen Lager, zu hoch die Bewunderung der letzten Auftritte des Pokalgegners. Wer jedoch glaubt, dass hieraus ein Selbstläufer entsteht, verkennt die Feinheiten dieses Spiels. Gegen Hannover stand eine deutlich dezimierte Berliner Elf auf dem Platz. Mit den verletzten Lell, Jancker und Franz sowie dem gesperrten Mijatovic fiel der Großteil der Defensive aus. Zudem fehlte Spielmacher Raffael gesperrt wegen Faustschlag. Der Brasilianer macht bei der Hertha den Unterschied, durch ihn sollte das Offensivspiel deutlich variabler werden. Freuen darf sich voraussichtlich auch Felix Bastians auf sein Debüt im neuen Trikot. Er war schon am Wochenende erwartet wurden, Skibbe hatte aber Trainingsrückstände ausgemacht. Der Pokal kann also neue Moral zur selbstgeschundenen Hertha bringen. Gelingt dies nicht, regiert der Berliner Frust.


Seitenwahl-Tipps:

Thomas Häcki:
Schon im November machte sich die Abgezocktheit den Unterschied zwischen den beiden Kontrahenten. Das dürfte sich nicht verändert haben. Die Borussia gewinnt nach großem Kampf mit 2:1.

Christoph Clausen:
Ein 1:0 nach unspektakulärem Spiel reicht der Borussia zum Weiterkommen.

Michael Heinen:
Es wird mal wieder Zeit für einen gepflegten 1:0-Sieg. Alleine schon, damit im Halbfinale der dritte Sieg über die Bayern eingefahren werden kann.

Christian Heimanns: Zeit, auch die zweite Partie beim Aufsteiger zu gewinnen. Favre düpiert Skibbe 2:0.

Christian Spoo: Wann, wenn nicht jetzt? Borussia gewinnt mit 2:1 und zieht ins Halbfinale ein.

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