Während Weihnachtsgeschenke im Wert von über 2 Milliarden Euro darauf warten, in den nächsten Tagen wieder umgetauscht zu werden, hören sich die, die noch in die Kirche gehen, Ermahnungen über andere Werte an. Auch bei Borussia Mönchengladbach diskutiert man einen Wert und nachdem mein geschätzter SEITENWAHL-Kollege Christian Spoo hier vor kurzem angemerkt hat, welche Werte eher nicht zählen werden, geht es vor allem um einen Preis.

Wer nicht beruflich damit zu tun hat, kann leicht überrascht davon sein, wie schwierig und komplex es ist, Dingen einen finanziellen Wert beizumessen (auch wenn man es als Unding sehen mag, Marc-André ter Stegen hier unter die Dinge einzureihen). Das gilt generell im wirtschaftlichen Bereich, wo Bewertungsfragen ganze Buchführungssysteme ausmachen und Banken- und Finanzkrisen auslösen können, wie auch im sportlichen Bereich. Was ist ein Spieler wert? Das, was für ihn bezahlt wird? Meistens wird dieser Marktwert wohl ein objektives Kriterium darstellen, aber sicher nicht immer. Oder war Andy Carrol je die 40 Millionen Euro wert, die Liverpool für ihn bezahlt hat? Ist Max Kruse nicht offensichtlich deutlich mehr wert als die ca. 2,5 Millionen Euro, die Borussia Mönchengladbach an Freiburg überwiesen hat? Mal davon abgesehen, dass ein und derselbe Spieler für verschiedenen Mannchaften einen ganz unterschiedlichen Wert haben kann.

Dass es jetzt auch bei Borussia um eine Preisfrage geht, ist die Folge eines unglücklichen Zusammentreffens. Wieso soll/darf ein Spieler gehen, dessen Vertrag noch bis Mitte 2015 läuft? Weil er dann den Verein ganz ohne Ablöse verlassen kann. Sauber arbeitende Vereine versuchen daher, diese Frage im Jahr vor Vertragsablauf zu klären, um gegebenenfalls zum letzten Jahr noch eine Ablöse zu erzielen. Dass ein Verein wie Dortmund bei Lewandowski auf vielleicht 30 Millionen Euro verzichtet, liegt einzig daran, dass die vergangene Saison über 100 Millionen Euro aus Champions League und dem Verkauf von Götze gebracht hat. Ohne das wäre der Stürmer nicht mehr in Dortmund. Andersherum beging Schalke einen schweren handwerklichen Fehler, als man darauf vertraute, Lewis Holtby im letzten Vertragsjahr noch zur Verlängerung zu bewegen. Nachdem dieser Plan scheiterte, musste der Spieler in der Winterpause für 1,7 Mio Euro abgegeben werden, um aus möglichen 10 Millionen nicht Null Euro werden zu lassen.

Dass die Konstellation für Borussia gerade nicht glücklich ist, liegt nun daran, dass einer der renommiertesten Vereine der Welt öffentlich auf Torwartsuche ist. Und auch das nur, weil mit Victor Valdés der Stammgoalie dort, der sich seinerzeit gegen Robert Enke durchsetzte, nun selber keine Lust mehr auf den Druck beim FC Barcelona verspürt. Und dieser Zeitpunkt fällt mit dem Beginn von ter Stegens letztem Vertragsjahr zusammen, was dem jungen Nationaltorwart möglicherweise, bei echtem Interesse der Katalanen, eine einzigartige Karrierechance beschert. Bei den voraussichtlich kommenden Verhandlungen sollte man einen Standpunkt jedenfalls nicht zu weit ausreizen und das ist, den Spieler sozusagen aus Stolz dazu zu zwingen, seinen Vertrag zu erfüllen. Zum Beispiel, weil man eine Ablöse von 10 Millionen Euro für zu wenig hält und nicht das falsche Zeichen setzen möchte.

Dabei spricht gerade diese Sichtweise viele Anhänger an, die weder den Spieler noch sich selber für unter Wert angesehen werden wollen. Aber machen wir mal als Wertmaßstab eine andere Rechnung auf: Angenommen, ter Stegens Vertrag liefe bereits im kommenden Sommer aus und er hätte bereits einen Vertrag in Barcelona. Und Borussia bekäme das Angebot, ter Stegen noch mal für ein Jahr auszuleihen, Kostenpunkt 10 Millionen Euro Leihgebühr plus Gehalt. Sieht das reizvoll aus? Kaum. Die Idee würde man entsetzt ablehnen und sich auf die Suche nach einem vernünftigen Torwart machen, den man für dieses Geld oder weniger ein paar Jahre an sich binden kann. Aber wirtschaftlich wäre dieser Leih-Vorschlag völlig gleich mit der Idee, auf eine Ablöse von 10 Millionen zu verzichten, um ter Stegen noch ein letztes Jahr zu behalten. Vorsicht also damit, welche Signale man aus welchen Gründen sendet.

Worum wird also nun gepokert werden (immer das konkrete Interesse aus Barcelona vorausgesetzt)? Barcelonas Pfund liegt darin, als Verein so attraktiv zu sein, dass praktisch jeder Spieler der Welt diese Chance mit beiden Händen ergreifen würde. Und eben niemals seinen laufenden Vertrag zu verlängern.

Aber gerade bei einem Torwart liegen Borussias Möglichkeiten auch nicht ganz so schlecht. Denn schon in der kommenden Saison wird Barcelona einen Klassetorwart brauchen und den gilt es dann auch jetzt zu bezahlen. Bei Feldspielern wird, unter vorsichtiger Umgehung geltender FIFA-Regeln, schon mal auf das Auslaufen der Vertragsdauer gewartet, um den Spieler dann für ein Dankesschreiben zu bekommen. Aber ein guter Torwart ist unerlässlich und wenn ein anderer als ter Stegen diesen Platz besetzen sollte, wird die Chance für ihn vorbei sein. Wenn Eberl seine Verhandlungsposition stärken möchte, kann er ter Stegen und Kaufinteressenten durchaus darauf hinweisen, dass man den Torwart noch ein Jahr behalten kann. Und darauf setzen, dass Barcelona sich einen erstklassigen Torwart, der der eigenen Spielphilosophie ungewöhnlich nahe kommt, sofort sichern will.

Auf der anderen Seite könnte die katalanische Delegation, angeführt von Andoni Zubizarreta, einst selber spanischer Nationaltorwart, den Borussen mitteilen, dass man sich gegebenenfalls auch einen anderen Torwart für ein Jahr holen kann, an Bewerbern für den Posten wird es nicht mangeln. Was von Eberl und Schippers mit der Frage beantwortet werden dürfte, ob "Barça" gedenkt, mit einem Interimsspieler zwischen den Pfosten die Überlegenheit der Bayern anzugehen oder ihn C. Ronaldo als Zielscheibe hinzustellen. Auch ter Stegen selber (wenn er nun wirklich verkündet, den Vertrag nicht verlängern zu wollen) wird nicht besonders daran interessiert sein, noch ein Jahr in Mönchengladbach zu verbringen. Denn wenn sich ein anderer Torwart in Barcelona behauptet, ist die Gelegenheit womöglich vorüber. Zumal der Verein für deutsche Torhüter bisher kein Glücksbringer war, wie die Geschichten von Robert Enke und Andreas Köpke belegen.

Wenn es dann zum Wechsel kommt, muss das nicht das schlechteste sein. Verglichen mit der möglichen Alternative, dass ter Stegen bis zum Vertragsende in Mönchengladbach bleibt und dann ablösefrei woanders hin als nach Barcelona wechselt, beispielsweise um Nachfolger des dann 35jährigen Weidenfeller zu werden.

So sieht die mise en place für beide Vereine derzeit aus. Borussia ist geradezu verpflichtet, einen Spieler, der seinen Vertrag nicht verlängert, möglichst teuer abzugeben. Der FC Barcelona, so es konkret zu Verhandlungen kommt, muss den Zeitpunkt, den Spieler und den Preis im Auge behalten. Und kommt nicht mit dem Ruf, für wirklich benötigte Spieler bis zum letzten Euro zu schachern. Sollte der Deal vollzogen werden, so sind auf die Dauer andere Signale als die finanziellen wichtig, nämlich dass junge Spieler in Mönchengladbach zu Nationalspielern werden und zu den besten Vereinen der Welt gehen können. Was für die Suche nach einem Nachfolger oder überhaupt Spielern und Talenten in allen Bereichen nur ein Vorteil sein kann.