Nachdem wir uns gestern mit Überzeugung dem allgemeinen Lobgehudel über die Hinrundenleistungen von Borussias Spielern angeschlossen haben, versuchen wir uns heute an einer Standortbestimmung. Was ist ein dritter Platz nach der Hälfte der Saison am Ende wert?

Platz 2 in der Heimtabelle, Platz 12 für die Auswärtsauftritte: Die Bilanzen in Heim- und Auswärtsspielen aufs Saisonende hochzurechnen hat weniger Sinn als das Studium einer ADAC Statistik. Besonders die Heimspiele werden nicht in gleichem Glanz bis zum Ende durchgeführt werden können, dafür ist unter anderem die kommende Gegnerschaft zu stark. Es ist recht wahrscheinlich, dass die anstehenden Heimspiele gegen Bayern München und Bayer Leverkusen nicht mit zwei Siegen abgeschlossen werden. Von fünf bis null Punkten ist alles realistisch. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Borussen sich nach den nächsten vier Spieltagen erst mal wieder hochkämpfen müssen.


Auf der anderen Seite kann man gut die Ansicht vertreten, dass die Borussen mit 8 Auswärtspunkten deutlich unterbewertet sind. Der Anfang in München und Leverkusen war mit das härteste, was die Liga dieses Jahr zu bieten hat und war mit reichlich Handelfmeterpech garniert. Die Niederlage in Hoffenheim war spielerisch dennoch nicht so schlecht, nur in Berlin war der Mannschaft Ratlosigkeit anzumerken. Der Sieg in Hamburg war verdient, der in Stuttgart hochverdient und das auf einem Pflaster, wo es sonst oft hohe Niederlagen gab. Und in Augsburg wurde der Sieg erst kurz vor Schluss vergeben.


 Dieses Spiel ist anschließend oft schlecht weggekommen. Zu schlecht. Denn auch die Puppenkistler haben in dieser Hinrunde fünf Heimsiege eingefahren und ein einziges Unentschieden abgegeben. Das Spiel der Gladbacher dort gab ein konkretes Zeugnis davon ab, dass Favres Schützlinge, wenn es sein muss, auch phyisch und in harten Zweikämpfen voll dagegen halten können. Das Spiel selber erinnerte stark an einen bare knuckle fight von der Sorte, wie die Borussen ihn in den letzten 15 Jahren jedes Mal 3:0 verloren hätten. Dieses Jahr nicht. Gerade dieses Unentschieden darf man in Mönchengladbach durchaus als Zeichen gewachsener Stärke interpretieren.


Auswärts ist noch ein wirklich schweres Spiel in Dortmund zu erwarten, überall sonst darf man mit gesundem Selbstbewusstsein und dem Willen antreten, immer mindestens einen Punkt mitzunehmen. Dazu kommt, dass einst traditionelle Punktefriedhöfe wie z.B. das Bremer Weserstadion inzwischen alles andere als uneinnehmbar sind. Heisst, die zu erwartende Verschlechterung der Heimleistungen sollte absolut durch mehr Auswärtspunkte aufgefangen werden. Diese Mannschaft hat ganz sicher das Zeug dafür, die kommende Saison in der Europa League zu verbringen und es kann vielleicht auch mehr werden. Erinnerungen an frühere Auswärtsdeppen sind bei dem Leistungsvermögen nicht mehr am Platz.


Halten wir also einmal fest, dass Borussia Mönchengladbach mit ein bisschen Optimismus darauf hoffen kann, ein paar Heimpunkte weniger durch ein paar Auswärtspunkte mehr gut machen zu können. Das könnte eine ähnlich gute Platzierung wie zur Zeit ergeben, allerdings sollte man die Rechnung da nicht ganz ohne die Mitbewerber machen. Aus dem engeren Kreis der Mitbewerber wird es vermutlich schwierig, mit den konstant guten Leverkusenern zu konkurrieren. Und schaut man sich die Leistungen von Dortmund aus den letzten zweieinhalb Jahren an, sieht die kleine Krise vor Weihnachten noch aus wie etwas, dass Klopp & Co wohl wieder beheben werden, zumal sich Lazarettabteilung langsam wieder zum Training einfindet.


Auch die Entwicklung des VfL Wolfsburg macht Sorgen. Der Einbau eigener junger Spieler läuft dort überraschend gut und die Mannschaft wird durch de Bruyne (zum Preis von ca 1.000 VW Golf in magerer Ausstattung) beträchtlich verstärkt. Auch wenn vermutlich nicht Arnold, de Bruyne und Diego zusammen auflaufen werden, präsentieren sich die Niedersachsen als ernster Kandidat für die Europaleague Plätze oder höheres. Das übliche Schalker Chaos ist dagegen ein kleiner Trost und bringt die nicht völlig unrealistische Aussicht mit, dass sich die Knappen trotz Huntelaars Rückkehr genügend Knüppel zwischen die Beine werfen, um höhere Ambitionen zu erledigen.


Verglichen mit den Konkurrenten muss man sich in Mönchengladbach auch vor Augen halten, dass der Kader zwar eine gewisse qualitative Breite erreicht hat. Aber das gilt nur, solange Raffael oder Kruse nicht ausfallen, was aller Voraussicht nach einen Bruch ins Spiel bringen würde. Die gut gefüllten Bänke der Konkkurezn fangen da schon einiges mehr auf.


Damit wird eine Annahme von Platz vier bis sechs in der Endabrechnung realistisch. Was nichts weniger  bedeutet als dass eineinhalb Jahre nach dem Verlust der Leistungsträger eine Wiederholung des Wunders mit Platz 4 in Reichweite ist. Und zweieinhalb Jahre nach dem fast sicheren Abstieg. Eine Leistung, für die nicht nur die Spieler oder Max Eberl zu rühmen sind, sondern zuvorderst Lucien Favre, der nach seinen Demonstrationen in Abwehrverstärkung und Konterfußball diese Saison eine völlige Umstellung des Spiels mit Ballbesitz und schwungvollen Kombinationen gegen erwartungsvoll stehende Abwehrreihen vollzogen hat. Der ständig unter Anspannung wirkende Schweizer ist ein historischer Glücksfall für die Borussia, nicht weniger.


Und damit geht es in die Rückrunde. In der Spitzengruppe mit und gegen die Bavaro-Galacticos, die werbeträchtigen Pharmavertreter aus Leverkusen, die börsennotierte Aktiengesellschaft aus Dortmund, die Gazpromfinanzierten Schuldenschalker und die neureichen Neuwagenverkäufer aus Wolfsburg. Aber wer im oberen Tabellenbereich zwischen den ganzen Millionarios das Gute im Fußball sucht, kann immer noch an den Niederrhein schauen.