Der „Experten-Talk" am Sonntagmorgen bei Sport1 ist ein guter Indikator für die Lage bei Borussia. Thema wird die Mannschaft vom Niederrhein eigentlich nur, wenn dunkle Wolken am Himmel stehen. Im üblichen populistischen Schwarz-Weiß hauen die gleichen Journalisten drauf, die vor drei Wochen ebenso ohne jede Distanz und völlig unnötig eine „Fohlenelf" heraufbeschworen hatten. Beunruhigend und irritierend ist jedoch, dass sich die Fans in Mönchengladbach ähnlicher Reflexe bedienen. Geht es auch eine Nummer kleiner?

Füllen wir das Phrasenschwein gleich zu Beginn mit einem Zehn-Euro-Schein: Fußball ist Tagesgeschäft und nicht öffentlich-rechtliche Medien wollen nicht berichten, sondern Geld verdienen. Es gibt für Journalisten wenig Schlimmeres als graues Mittelmaß, das verdirbt gleichsam Quote wie Auflage. Insofern ist Borussia Mönchengladbach seit Saisonbeginn ein dankbares Thema, die gesamte Bandbreite kann bedient werden. Dazu ist Schalke Letzter und Mainz Erster, hossa! Die Chefredakteure der deutschen Sportmedien schlagen sich zurzeit die Schenkel vor Freude wund. Wenn am Ende der Saison die Bayern einmal mehr Meister werden, Mainz im gesicherten Mittelfeld landet und die Aufsteiger (die natürlich stets „frech" aufspielen, so, als ob Ihnen Offensive oder gar Siege nicht erlaubt seien) gegen den Abstieg spielen, wen wird dann noch das Geschwätz aus dem Frühherbst 2010 interessieren? Es ist eine perfekte Symbiose, die Medien wie Fans gleichsam eingehen und von der alle profitieren. Das, was in anderen Ressorts ebenso funktioniert, nämlich jede Woche eine neue Sau durchs Dorf zu treiben, liefert der Fußball schon strukturell, da er jede Woche vermeintlich neue Erkenntnisse liefert.

Da können sowohl Max Eberl als auch Michael Frontzeck monatelang von einem langen, steinigen Weg reden. Ein 0:7 pulverisiert fast alles binnen 90 Minuten. Statt froh zu sein, dass in Mönchengladbach wieder Leute die Zügel in der Hand haben, die sich nicht von Aktionismus treiben lassen, sondern ein langfristiges Ziel verfolgen, marschiert wieder der öffentliche Mob mit der Gier nach Hinrichtung. Denn dieses 0:7 tut vor allem denen weh, die nach dem 6:3 in Leverkusen selber alle Hemmungen verloren haben. Beides werden in der Endabrechung der Saison Streichergebnisse werden, aber das will heute niemand sehen. Der vergangene Samstag gleicht dem Blick aufs Konto nach einer durchzechten Party-Woche auf Mallorca. Das tut weh, und einzig die Kopfschmerzen sind geblieben. Es ist wie immer das gleiche Lied: Jeder, der uns an die eigene Schwäche erinnert, wird öffentlich gesteinigt.

Es geht nicht darum, die Leistungen schön zu reden, sondern um die Mahnung, nicht nach jedem Spieltag völlig das Maß zu verlieren. Noch vor wenigen Jahren herrschte kollektiver Frust über viele seelenlos hergeschenkte 0:1-Auswärtsniederlagen und spielerisch armselig erzielte 2:1-Heimsiege. Jetzt ist endlich Leben in der Bude, Borussia bietet wieder in jeder Hinsicht Spektakel. Ein 0:7 scheint der Preis zu sein, auch einmal 6:3 auswärts zu gewinnen. Das Potenzial der Mannschaft ist ebenso weiterhin vorhanden wie die Ziele Eberls gut und unterstützungswürdig bleiben. Werder Bremen, das große Vorbild für viele in Mönchengladbach, hat diese sportlichen Hochs und Tiefs seit Jahren fast perfektioniert, indem sie nach rauschenden Fußballfesten eine Woche später kläglich scheitern. Wenn am Ende der Saison der anvisierte Mittelfeldsplatz herausspringt, und das wird er, werden alle zufrieden sein. Der Verein, die Fans und die Medien. Die Toten werden erst nach der Schlacht gezählt.  Darauf drei Euro ins Phrasenschwein!