Das 3:1 des FC Bayern München über Borussia Mönchengladbach war ein verdienter Sieg einer sehr guten über eine gute Mannschaft,  der von Seiten des Verlierers zurecht nicht mit der Leistung des Schiedsrichters entschuldigt wurde. Schiedsrichter Tobias Welz traf einige strittige Entscheidungen, die er unglücklicherweise stets zu Gunsten des gastgebenden Teams wertete. Hätte er dies nicht getan, wäre aber immer noch ein 2:1 das wahrscheinlichere Endergebnis gewesen, was am Ende keinen so elementaren Unterschied gemacht hätte.

Die strittigen Entscheidungen sollten dennoch thematisiert werden. Dies weniger, um Herrn Welz an den Pranger zu stellen. Jede seiner Entscheidungen lässt sich gut begründen und als formal korrekt werten, so dass er zurecht auf eine positive Würdigung seiner Leistung durch den offiziellen Schiedsrichter-Beobachter hoffen darf. Viel spannender sind die besagten Spielszenen aber deshalb, weil sie zwei der größten Ärgernisse im Fußball wieder einmal auf die Tagesordnung bringen, an denen permanent herumgedoktert wird, ohne Entscheidendes zu verbessern.

Dem 2:0 ging bei der Flanke von Robben eine passive Abseitsstellung des späteren Torschützen Mandzukic voraus. Auf dem Weg vom Holländer zum Kroaten mischte aber noch ein Franzose entscheidend mit, denn Franck Ribery touchierte den Ball voraussichtlich leicht, ohne die Flugbahn entscheidend zu beeinflussen. Wertet man diese Aktion als einen Torschuss des Franzosen, so müsste laut Reglement von einer neuen Spielsituation gesprochen werden und das Tor wäre regulär erzielt worden. Argumentiert man wiederum, dass die hauchdünne Ballberührung eher eine Verlängerung der vorherigen Flanke darstellte, so wäre die Spielsituation nicht wirklich neu entstanden und der Schiedsrichter hätte die Szene im Geiste der unübersichtlichen Regel eher abpfeifen sollen.

Die Diskussion um das passive Abseits ist ebenso müßig wie unbefriedigend. Kleinere Korrekturen, wie sie zu Saisonbeginn wieder einmal vorgenommen wurden, werden daran nichts ändern. Es muss vielmehr nach einer klaren, verständlichen Regel gesucht werden, die möglichst wenig Raum für unterschiedliche Auslegungen und subjektive Willkür bietet. Die radikalste Überlegung wäre, das passive Abseits komplett abzuschaffen, so dass jeder Spieler, der irgendwie im Abseits steht, automatisch einen Pfiff auslöst. Da dies in einer Vielzahl von Situationen, bei denen einzelne Akteure völlig unbeteiligt z. B. auf der anderen Spielfeldseite abseits stehen, zu unerwünschten Pfiffen führen würde, findet eine solche Lösung keine Mehrheit. Ein Kompromiss ließe sich aber finden, wenn man das passive Abseits nur außerhalb des Strafraums weiter bestehen lässt. Soll heißen: Im Strafraum, wo faktisch so gut wie jeder Spieler irgendwie am Geschehen beteiligt ist, wird jede Abseitsstellung geahndet. Steht ein Spieler offensichtlich außerhalb des Strafraums im passiven Abseits gelten die bisherigen Regelungen weiter.

Auch dies würde strittige Entscheidungen nicht völlig ausschließen, da sich in einigen ganz wenigen Szenen z. B. die Frage stellen könnte, ob sich der beteiligte Spieler im Strafraum befand oder nicht. Es würde aber deutlich seltener zu Unklarheiten führen und in den allermeisten Fällen wären die bisherigen Streitfragen eindeutig und unmissverständlich geklärt.

Ähnlich verhält es sich bei der stetig wiederkehrenden Frage nach der Absicht beim Handspiel. 9 Experten hatten hier gefühlt 10 verschiedene Bewertungen zu den strittigen Szenen von Alvaro Dominguez. Es ist reine Zeitverschwendung, sich die offiziellen Erklärungen zu verbreiterten Körperflächen oder unnatürlichen Handbewegungen anzuhören. In den allermeisten Situationen lässt sich fast immer jede Entscheidung rechtfertigen, so dass es unredlich wäre, dem Schiedsrichter „klare Fehlentscheidungen“ zu unterstellen. Sich damit abzufinden, dass der Unparteiische seine Entscheidung nach eigenem Ermessen trifft und diese von allen widerspruchslos akzeptiert werden muss, macht auf den ersten Blick betrachtet zwar Sinn, ist aber ein allzu frommer Wunsch in der heutigen Medienwelt. In Zeiten, wo Wettbetrug und Spielmanipulationen nicht mehr ausnahmslos Hirngespinste verwirrter Verschwörungstheoretiker sind, kann man sich eine solch schwammige Regel im Grunde nicht mehr erlauben - insbesondere um die Schiedsrichter vor solch unappetitlichen Diskussionen zu schützen. Nun ist im vorliegenden Fall Herrn Welz auf gar keinen Fall irgendeine böse Absicht oder gar bewusste Manipulation zu unterstellen. Es geht aber eben nicht nur um die beiden dummen Handspiele am vergangenen Freitag, sondern um die Regel im Allgemeinen.

Zwei Extremlösungen könnten Streitigkeiten auf ein Minimum reduzieren und potentielle Willkür massiv reduzieren. Zum einen könnte Handspiel ausnahmslos unter Strafe gestellt werden. Das gängigste Gegenargument gegen diese radikale Problemlösung könnte durch eine Einschränkung entkräftet werden, dass ein offensichtlicher Versuch des Angreifers, durch gezieltes Anschießen der gegnerischen Hand einen Elfmeter zu provozieren, als Unsportlichkeit gewertet wird und einen Freistoß für die abwehrende Mannschaft zur Folge hat.

In die andere Richtung ginge ein möglicher Vorschlag, Handspiel nur noch dann zu bestrafen, wenn eine eindeutige und bewusste Absicht des abwehrenden Spielers vorliegt, eine gegnerische Torchance zu vereiteln oder er den Ball z. B. komplett in die Hand nimmt.

All diese Lösungsvorschläge würden wohlgemerkt weiter Diskussionsspielraum in einigen wenigen Situationen offenhalten. Eine perfekte Lösung, die den Geist des Spiels nicht ad absurdum führt und trotzdem jede vorstellbare Situation eindeutig löst, scheint es leider nicht zu geben. Entscheidend ist aber, dass endlich einmal wirksame Schritte eingeleitet werden, um die Zahl möglicher Willkür-Entscheidungen signifikant zu reduzieren. Bei FIFA und DFB sind eine Vielzahl renommierter und hoch bezahlter Experten damit beschäftigt, sich der Optimierung der Regeln anzunehmen und bestmögliche Lösungen zu finden. Bislang muss ihre Arbeit leider als höchst mangelhaft bewertet werden.