Warnung
  • JUser: :_load: Fehler beim Laden des Benutzers mit der ID: 82

Was ist das eigentlich, der Heimvorteil? Geben muss es ihn, denn seit Anbeginn des Fußballs gewinnen Mannschaften lieber zuhause als irgendwo in fremden Stadien. Als statistische Größe ist der Heimvorteil massiv, als konkreter Einfluss hingegen kaum fassbar. 2006 wollten Forscher das Wesen des Heimvorteils ergründet haben und kamen auf den originellen Faktor "Die Zuschauer". Ob Gladbacher Support, bayrisches Schweigen oder Sinsheimer Sinnlosigkeit macht dabei offenbar keinen Unterschied. Faszinierende Welt der Forschung. Woraus immer er auch besteht, in Mönchengladbach wird man die Existenz eines Heimvorteils jedenfalls am wenigsten bestreiten.

9 Punkte und 11:2 Tore in drei Spielen im Borussia-Park sind ein ebenso schöner Wert wie die null Punkte bei 4:9 Toren auswärts garstig sind.  Bei Überschreiten der Stadtgrenze scheint es nur noch einen Auswärtsnachteil zu geben. Gegen die blanke Statistik mag man einwenden, dass die Gegnerschaft in zumindest den ersten zwei Spielen zur Ligaspitze gehört, und dass im dritten Spiel die 70 % Ballbesitz und die chancenreiche Schlussoffensive durchaus in einem Auswärtspunkt hätten enden können. Trotzdem lassen sich bei noch so viel Phantasie keine Punkte aus der Auswärtstabelle herauslesen, und dafür gibt es auch Gründe: Sich in Leverkusen nach dem Ausgleich auskontern zu lassen zeugt von einer falschen Herangehensweise an das Spiel und die Gegentore in Hoffenheim sahen nach Konzentrationsschwächen in der Abwehr aus. So gerissen Volland sein Tor auch in die lange Ecke gezogen hat; wer in den Zweikämpfen solchen Raum gewährt, für den muss man nicht lange nach Gründen für einen Heimvorteil suchen.

Immerhin sind sich die Borussen der Schwächen bewusst. "Wer glaubt, dass wir nur schönen Fußball spielen können, der irrt sich" so Christoph Kramer der Presse gegenüber. Und er meint nicht "auch schlechten Fußball spielen" sondern: "Wir können auch kratzen, beissen, rennen".  Und beissen, oder sagen wir besser kämpfen, und rennen muss man in Augsburg auf jeden Fall, will man gegen die dortigen Lukasse etwas zu bestellen haben. Das Training dieser Woche enthielt dann auch einige neue Elemente: Körperlich bewusst robust geführte Zweikämpfe und die Jagd auf "den zweiten Ball", das direkte Zurückgewinnen des Balls nach verlorenem Duell. Ob das hilft, wird sich Freitag abend zeigen, aber eine Portion Realismus lässt sich aus Worten und Taten schon erkennen.

Granit Xhaka braucht es bei der Zweikampfhärte nicht zu übertreiben, eine Gelbsperre setzt ihn außer Betrieb. Filip Daems pausiert weiter wegen Muskelproblemen, Havard Nordtveit und Oscar Wendt sind die Vertreter der beiden Stammspieler. Der Schwede darf voraussichtlich unter Beweis stellen, dass er Daems auch defensiv ersetzen kann, daran haperte es bisher trotz fußballerischen Vermögens deutlich. Dem Norweger bietet sich die ersehnte Chance, seinen Wert wieder von Anfang an unter Beweis zu stellen. Etwas überraschend war der bisher unangefochtene Stammspieler, der in zweieinhalb Jahren 7 Ligaspiele verpasst hatte, in dieser Saison auf die Ersatzbank versetzt worden. Angesichts der verbesserten Leistungen von Xhaka und den durchweg überzeugenden Vorstellungen von Kramer gab es da nicht viel zu diskutieren. Aber auch wenn Favre seine Stammelf nur unfreiwillig aufgibt: Vielleicht sind Nordtveits Lauf- und Zweikampfstärke und seine Art, dagegen zu halten zusammen mit dem Marathonläufer Kramer eine gute Idee, die Stabilität der Mannschaft zu erhöhen. Auswärts zumal und in Augsburg.

Denn was auch immer einen Heimvorteil ausmacht, in Augsburg manifestiert er sich in Kampfgeist, Laufbereitschaft und einer sichtbaren Freude an körperlich intensiv geführten Zweikämpfen. Wie es einer Mannschaft geht, die diese Aufgabe mit spielerischen Mitteln führen will, haben die Borussen in der vorletzten Saison erfahren. In beiden Jahren ihrer Bundesligazugehörigkeit hatte zu Anfang keiner den bayrischen Schwaben eine Chance auf den Klassenerhalt gegeben, und jeweils nach der Hinrunde erst recht nicht. Mit den oben erwähnten Mitteln und sozusagen im Lauterer Stil rissen die Augsburger jeweils noch das Ruder herum.

Dieses Jahr sah es nach den Abgängen der ausgeliehenen Koo und Ji eher noch schlechter aus, mit dem Resultat, dass die Puppenkistler nach sechs Spielen bereits neun Punkte erfightet haben, soviele  wie im letzten Jahr in der kompletten Hinrunde. Die Süddeutschen machen sich inzwischen einen Sport daraus, die niedrigen Erwartungen der Konkurrenz gründlich zu enttäuschen. Dazu kommt, dass die Niederlage in Bremen knapp und für die Bremer sehr mühevoll ausfiel und dass das Spiel von letzter Woche in Hannover nur nach einer umfangreichen Sammlung zum Thema "Handspiel oder nicht" an die Niedersachsen ging. Kurz gesagt, wer die Einsatzbereitschaft und die Schmerztoleranz der Augsburger unterschätzt, der kann auch zu Hause bleiben.

Nachdem es vor zwei Jahren Callsen-Bracker war, der seiner Ex-Mannschaft aus Mönchengladbach einen Freistoß ins Netz setzte, bleibt den Borussen dieses Mal zumindest das Wiedersehen mit Raúl Bobadilla erspart. Der schwer erziehbare Argentinier war vor zwei Jahren in die Schweiz gewechselt, erst zu den Young Boys Bern. Seine sportlichen Leistungen überzeugten trotz der übliche Eskapaden den führenden Schweizer Club aus Basel, ihn zu holen. Es folgte die übliche Bobadillade, ein Tor in zehn Spielen, dafür regelmäßig unschöne  Schlagzeilen abseits des Platzes. Wer einmal in der Schweiz wegen einer Tempoüberschreitung von 5 km geblitzt wurde und über die wirklich saftige Geldbuße geflucht hat, der weiß, was Bobadillas 61 km zuviel auf dem Radarfoto dort bedeuten. Der bullige Stürmer hätte durchaus in den Knast wandern können und zog Augsburg vor.  Bereits im ersten Spiel dort zog er sich eine Verletzung zu, die ihn länger außer Gefecht setzt.

Falls Bobadilla einmal die Reife erlangt, anderen zuzuhören, so hätte er in Augsburg die Möglichkeit, den Geschichten von Alexander Manninger zu lauschen. Zu erzählen hat der  Torwart des FCA jedenfalls einiges. Der nun 36jährige Österreicher spielte bei Austria Salzburg und in Graz, als Effenberg (zum zweiten Mal) am Bökelberg gastierte. Wer die Erfahrungen von Arsenal London und Espanyol Barcelona mit Auftritten bei nicht weniger als sechs italienischen Erstligisten vereint, der könnte vielleicht auch Raúl Bobadilla sagen, was das Profidasein bedeutet.  Vielleicht. Für Freitag bleibt das Tore schießen am ebenfalls  nicht schmächtigen Mölders hängen, was ihm in dieser Saison noch nicht so gelingen will.

Unterstützung dabei könnte von Halil Altintop kommen, der bereits zwei Mal getroffen hat. Auch wenn der frühere Lauterer nicht mehr die Dynamik hat, die Koo und Ji ins Spiel brachten, kann er immer noch Torgefahr beitragen. Zusammen mit Tobias Werner wird er das auch müssen, denn das ganze bayrisch-schwäbische Laufspiel mündet generell nicht in viele Tore. Vielleicht zuwenig, um wirklich einen Heimvorteil zu entdecken.

Aufstellungen:

Borussia: ter Stegen; Jantschke, Dominguez, Stranzl, Wendt; Kramer, Nordtveit; Herrmann, Raffael, Kruse, Arango

Augsburg: Manninger; Verhaegh, Callsen-Bracker, Klavan, Ostrzolek; Baier, Morávek; Altintop, Hahn, Werner; Mölders

SEITENWAHL-Meinung

Michael Heinen: Mit Augsburg wartet tabellarisch ein Gegner auf Augenhöhe, der aber dennoch als kleiner Verein gilt. Eine höchst undankbare Aufgabe, die Borussia besser bewältigt als zuletzt in Hoffenheim. Am Ende reicht es zu einem mühsamen 2:1-Auswärtssieg.

Thomas Häcki: Zu Hause hui, auswärts pfui. Leider macht auch die Reise nach Augsburg da keinen Unterschied. Augsburg gewinnt letztendlich verdient 1:0.

Christoph Clausen: Borussias Suche nach der Balance führt in Augsburg zu einem 1:1. Auf die bisherige Bilanz bezogen ein Fortschritt - ob das Spiel ein solches war, daran scheiden sich die Geister.

Christian Grünewald: Die Auswärtswende ausgerechnet bei einer kompakten und kampfstarken Truppe wie Augsburg zu schaffen, wird für Borussia nicht einfach - darum gibt es auch nur ein Wendchen - 1:1.

Christian Spoo: Augsburg hat einen bemerkenswerten Saisonstart hingelegt. Man sollte sich hüten, die Weinzierl-Truppe zu unterschätzen. Borussia tut's trotzdem und bekommt die Quittung in Form einer 1:2-Niederlage.

Christian Heimanns: Das Spiel in Augsburg ist wie gemacht, um Borussia richtig mies aussehen zu lassen. Ich lasse mich trotzdem von den Gladbacher Versprechungen verführen, und außerdem muss das Ausscheiden im Pokal und damit die Pause diese Woche doch auch für etwas gut sein. Zum Beispiel für einen 2:1 Sieg.

Weitere Borussia-News gibt´s bei RP Online


Folge uns auf Twitter