Ein überraschendes Bild zeigte sich gestern schon vor dem 5:0-Erfolg auf den Rängen im Borussia-Park. Dieser war nämlich trotz der hoch brisanten Partie um die Champions-League-Plätze nicht ganz ausverkauft, da die Berliner ihren Gästeblock nicht mit mehr als vielleicht 2.500 Fans bestücken konnten. Und das in einer Woche, in der sich der Verein öffentlichkeitswirksam auf seinen angeblichen „Marktwert" berufen hatte. Im „Team Marktwert“ kämpfen 6 vermeintlich traditionsreiche Vereine für eine gerechtere Welt, also in erster Linie für mehr Geld in der eigenen Kasse. Dies ist ein legitimer Wunsch. Aber was ist so besonders gerecht daran, wenn ausgerechnet die Vereine noch mehr aus dem Solidartopf abbekommen sollen, die ohnehin schon durch ihren Standort elementare Wettbewerbsvorteile haben? Ob Frankfurt, Köln, Stuttgart, Hamburg oder erst recht Berlin. Diese Städte verfügen über ein wirtschaftliches Potential, das den dortigen Top-Vereinen eigentlich entscheidende Wettbewerbsvorteile bieten müsste. Nur weil diese aufgrund jahrzehntelanger Unfähigkeiten in Management und Vereinsführung weitgehend ungenutzt blieben, kann ein Verein aus der 250.000-Einwohner-Stadt Mönchengladbach überhaupt sportlich mithalten.

Gerade die Berliner sollten ganz kleine Pfannkuchen backen und sich lieber darauf besinnen, ihre bemerkenswert gute Arbeit der letzten zwei Jahre fortzusetzen. Mal davon abgesehen, dass der Verein seine gesamte Tradition weitgehend auf zwei Meistertitel Anfang der 1930er Jahre gründet. Als Hauptstadt und einzige echte Metropole des Landes hat bundesweit kein Verein dermaßen gute Voraussetzungen. Im Umkreis von über 250 Kilometern braucht die Hertha keinen nennenswerten Konkurrenten im Profifußball zu fürchten - selbst beim drohenden Aufstieg des Leipziger Retortenklubs reduziert sich diese Entfernung lediglich auf rund 190km. Es waren nicht zuletzt diese Standortvorteile, die den umstrittenen Finanzinvestor KKR vor wenigen Jahren überzeugten, über 60 Mio. Euro in den Verein zu stecken und ihn damit vor dem Ruin zu bewahren.

Den Verteilungsschlüssel der Fernsehgelder zu hinterfragen ist legitim und die Diskussion darüber, nach welchen Kriterien dies sinnvollerweise geschehen sollte, ist überfällig. Nur ist es keine gute Lösung, wenn die Frösche über die Kriterien entscheiden, nach denen der TV-Sumpf aufzuteilen ist. Das Kriterium der Stadionauslastung z. B. wird wohl eher nicht den Weg in dem von der Hertha propagierten Katalog finden. Es ist keine Überraschung, dass sich im nächsten Schritt die übrigen Bundesligisten zu Wort melden und potentielle Kriterien zur Debatte stellen, die ganz zufällig ihrem Verein am ehesten nutzen würden. Für die Mainzer und Augsburger wäre das wirtschaftliche Arbeiten ein sinnvolles Kriterium. Wolfsburg, Hoffenheim und Co. werden ebenfalls bereits geheime Absprachen darüber getroffen haben, mit welchen Argumenten sich ihr Anteil am Kuchen zumindest nicht verringern wird.

Es mag sinnvoll klingen, das TV-Geld stärker auf die Mannschaften zu verteilen, die auch im Falle einer Einzelvermarktung am meisten von den TV-Anstalten kassieren könnten. Borussia würde davon als einer der beliebtesten Vereine des Landes letztlich mit am meisten profitieren. Wenn dies aber der primäre Maßstab sein soll, warum dann überhaupt noch den Weg der Zentralvermarktung gehen? Dieses Konstrukt soll vielmehr der Solidarität mit den im Wettbewerb benachteiligten Vereinen dienen, um die zunehmend verzerrte Konkurrenzsituation in der Liga zumindest ein klein wenig zurechtzurücken.

Anstatt gemeinsam und zielgerichtet das Kernproblem anzugehen, dass sich die reichen Vereine Europas immer weiter unaufhaltsam vom Rest entfernen und sich dem sportlichen Wettbewerb in den nationalen Ligen bereits jetzt weitgehend entzogen haben, verstricken sich die Profiklubs dieser Tage in unsägliche Grabenkämpfe um die verbliebenen Geld-Reste, die ihnen von den Top-Klubs noch übrig gelassen werden. Durch die absurden Gelder die sich mittlerweile in der Champions League und in der daraus entstehenden Hyper-Vermarktung der regelmäßig beteiligten Top-Klubs ergeben, wird der Diskussion um die TV-Gelder-Verteilung viel zu viel Gewicht beigemessen. Es müsste vielmehr offen diskutiert werden, ob und in welcher Form das Solidarprinzip überhaupt noch erwünscht ist und wie sich dieses effektiv umsetzen lässt.

Den Großkapitalklubs aus München oder Dortmund ist es schon ein Dorn im Auge einen (Bruch-)Teil ihres ach so hart verdienten Geldes an die Solidargemeinschaft abzugeben. Die implizite Drohung, zur Not in eine eigene Superliga der supertollen Superklubs auszutreten, steht inzwischen ganz offen im Raum. Die übrigen Profiklubs, die in der DFL immer noch die deutliche Mehrheit ausmachen und somit die endgültige Entscheidungshoheit innehaben, sollten sich davon aber nicht erpressen lassen. Ganz im Gegenteil: Die Bundesliga sollte das Selbstverständnis haben, als Marke insgesamt mehr wert zu sein als jeder ihrer Vereine. Wer nicht damit einverstanden ist, dass die Liga ein Interesse an einer gesunden Konkurrenz hat und hierfür von allen beteiligten Vereinen eine entsprechende Solidarität einfordert, der muss sich an dieser Liga nicht zwingend beteiligen und kann sie gerne verlassen. Statt dieses Selbstbewusstsein nach außen zu tragen und dafür gemeinsam einzustehen, zeigt sich aber in der aktuellen Scheindebatte um das „Team Marktwert“ und die Fernsehgelder einmal mehr, dass die Liga diesen Kampf um wirklich gerechten, weil möglichst ausgeglichenen Wettbewerb längst aufgegeben hat.


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