FC SevillaEs ist wie am Festtagstisch mit Magen-Darm-Infekt zu sitzen. Zur rauschenden Ballnacht mit gebrochenem Fuß zu humpeln. Vor dem Date mit der heißesten Schönheit der Schule einen eitrigen Hautausschlag zu bekommen. So fühlt sich die Reise der Borussen zu dem Spiel an, das als einer der ganz großen Momente der Vereinsgeschichte gedacht war: das erste Mal in der Gruppenphase der Champions League. Dabei bei den Besten der Besten und nicht nur Zuschauer. So hätte es sein sollen, Lohn und Krönung einer großen Saison. Nur, dass im Moment niemandem der Sinn nach Feiern steht.

Das Debakel in Dortmund konnte man noch als Eintages-Katastrophe abtun. Nach den Niederlagen gegen Mainz und in Bremen auf die hochkarätigen Chancen verweisen, die sich Borussia immerhin erarbeitet hatte. Irgendwann würde man sie wieder verwandeln. Nach der Pleite gegen den HSV herrscht sprachloses Entsetzen: drei absurd stümperhafte Gegentore und selbst nicht eine einzige ernstzunehmende Chance. Gegen den HSV. Wirklich.

Freude auf das erste Champions League-Gruppenspiel der Vereinsgeschichte will sich nicht einstellen. Die Stimmung schwankt zwischen der Angst vor einer erneuten Demütigung, einer Klatsche historischen Ausmaßes, und der leisen Hoffnung, man könne sich durch ein unerwartetes Erfolgserlebnis ein wenig Selbstvertrauen für das rheinische Derby holen.

Auch beim Gegner ist die Stimmung getrübt. Zwei Punkte aus drei Saisonspielen sind zwar zwei mehr als die Borussia zu verzeichnen hat, aber auch sieben weniger als möglich. Beide Kontrahenten stehen auf Platz 18 ihrer Liga, Sevilla allerdings in einem 20er-Klassement. Sehen wir es positiv: Borussia hat doppelt so viele Tore erzielt wie Sevilla (zwei gegenüber einem). Sehen wir es negativ: Borussia hat fast dreimal so viele Gegentore kassiert wie Sevilla.

Personell fehlen beiden wichtige Spieler, sei es durch Abgänge, Sperren oder Verletzungen. Dass Granit Xhaka seine fragwürdige Gelb-Rot-Sperre ausgerechnet gegen den Verein absitzen muss, der sie ihm durch eine gezielte theatralische Einlage einbrachte, könnten metaphysisch gesinnte Zeitgenossen als eine Art Fußballgottes-Beweis deuten: Es gibt ihn und er hat einen seltsamen Humor. Ein Tiefschlag ist die erneute langfristige Verletzung von Martin Stranzl, dem wunden Wuzzi. In Herrmann und Johnson fehlt die Erstbesetzung auf den Flügeln. Und dass die Abgänge Kramer und Kruse nicht im Entferntesten ersetzt wurden, ist inzwischen borussischer Gemeinplatz.

Sevilla geht es mit Sturmspitze Bacca ähnlich. Der Kolumbianer erzielte in der letzten Spielzeit 20 Ligatore und wechselte im Sommer für 30 Millionen Euro nach Mailand. Vor Wochen noch wurde es in der Lokalpresse als großer Coup gefeiert, dass es Sevillas Sportdirektor „Monchi“ (eigentlich Ramon Rodríguez Verdejo) gelang, als Nachfolger Fernando Llorente von Champions League-Finalist Juventus Turin zu verpflichten und dies trotz laufenden Vertrages sogar ablösefrei (Turin wollte das Gehalt sparen). Nach drei Spielen ist Llorente torlos und die Begeisterung etwas abgeflaut. Auch der aus Dortmund geholte Ciro Immobile konnte bei seinen Kurzeinsätzen noch nicht mal Bäumchen ausreißen.

Auch die letztjährigen Leihgaben Figueiras und Vidal, beide beim letzten Spiel Sevillas gegen die Borussia in der Startelf, haben den Verein verlassen. Carrico, der damals in der Innenverteidigung agierte, ist ebenso verletzt wie der im Sommer aus Mailand verpflichtete neue Abwehrchef Rami. Schließlich fällt auch Stammtorwart Beto für mehrere Wochen aus. Nachrücker Rico stand in der letzten Saison allerdings schon bei beiden Spielen gegen die Borussia im Kasten.

Und auch sonst werden morgen genügend Spieler für Sevilla auflaufen, die der Borussia das Leben sehr schwer machen können. So der polnische Sechser Krychowiak, genannt „der Klempner“, der den Gladbachern aus den letzten Aufeinandertreffen durch seine sehr harte Gangart in unguter Erinnerung ist. Oder die Flügelspieler Reyes und Vitolo, letzterer beim Sevillas Sieg in Gladbach vor gut einem halben Jahr als Doppeltorschütze erfolgreich.

Angesichts der Qualität des Gegners und der eigenen Unpässlichkeiten bleibt der Borussia kaum mehr als das Prinzip Hoffnung. Oder den Namen des Stadions – „Bombonera“, deutsch „Pralinenschachtel“ - im Sinne des oft bemühten Mottos von Forrest Gumps Mutter umzudeuten: „Life is like a box of chocolates. You never know what you’re gonna get“. Ein Kalenderspruch als Mutmacher? Verdammt wenig. Aber was bleibt sonst?

Aufstellungen:

FC Sevilla: Rico – Coke, Andreolli, Kolodziejczak, Tremoulinas – N’Zonzi, Krychowiak – Reyes, Banega, Vitolo – Llorente.
Borussia Mönchengladbach: Sommer – Korb, Jantschke, Brouwers, Wendt – Nordtveit, Dahoud – Traoré, Hazard – Stindl, Raffael.

Schiedsrichter: Kralovec (Tschechien)
Assistenten: Slysko (Slowakei), Wilczek (Tschechien)
Torrichter: Ardeleanu (Tschechien), Patak (Tschechien)
Vierter Schiedsrichter: Mokrusch (Tschechien)

SEITENWAHL-Meinung:

Christoph Clausen: Der Ladehemmung des Gegners ist es zu verdanken, dass Borussia mit 0:2 noch relativ glimpflich verliert. Sicherheit tankt sie trotzdem keine.

Michael Heinen: Die Mannschaft wird sich steigern, was gegenüber dem HSV-Spiel keine große Kunst darstellt. Am Ende steht dennoch eine unglückliche 1:2-Niederlage.

Christian Spoo: Tiefschlag folgt auf Tiefschlag. Erneut ein Abend zum Vergessen. Borussia geht mit 0:6 unter.

Christian Heimanns: Verunsicherung und ein starker Gegner. Genau jetzt brauchen wir ein Wunder. Dieses bleibt beim 0:4 für Sevilla leider aus.

Thomas Häcki: In Sevilla hat Gladbach nichts zu verlieren. Die Hausherren aber auch nicht. Nur weil die Spanier nach 60 Minuten das Spielen einstellen, hält sich der CL-Auftakt mit 0:5 in Grenzen.


Folge uns auf Twitter