1. FC KölnHätte der Busfahrer vor drei Jahren nicht die Nerven behalten, das rheinische Derby könnte heute unter ganz anderen Vorzeichen beginnen. Es könnte getränkt sein von der Erinnerung an die Menschenleben, die eine Eskalation der Fangewalt kostete. Einen Bus gezielt von der Autobahn abdrängen: Es braucht nicht viel Fantasie, wie leicht das zum tödlichen Unfall führen kann. Hinterher hätte das dann niemand gewollt. Aber davon wäre auch keines der Opfer wieder lebendig geworden.

Man muss sich vor Augen führen, worum es bei dem Prozess geht, der wenige Tage vor dem rheinischen Derby eröffnet wurde. Unabhängig davon, wie das Gericht die individuelle strafrechtliche Schuld der Angeklagten am Ende bewertet: Die Attacke auf der Autobahn signalisiert eine Stufe der Verrohung, die zu leicht in Vergessenheit gerät. Macht man sich bewusst, wie leicht es damals zur Katastrophe hätte kommen können, relativiert das vielleicht manch andere Aufregung: um Fanboykott, schwachen Bundesligastart oder Elfmeterfestival in Sevilla.

Nun zählt das Verdrängen zu den Grundfähigkeiten des Menschen: nicht immer eine sympathische, aber eine, ohne die er kaum lebensfähig wäre. Das gilt auch hier: Die Dimension dessen, was vor drei Jahren geschah, ist nur noch eine schemenhafte Erinnerung. Das borussische Bewusstsein wird dominiert von der aktuellen sportlichen Tristesse. Immerhin kehrt Granit Xhaka am Samstag zurück, bei Herrmann wird noch das Abschlusstraining abgewartet. Lars Stindl dürfte sich nach einer indiskutablen Leistung in Sevilla um einen Platz auf der Bank beworben haben.

Beim Gegner aus Köln weiß man nach vier Spieltagen noch nicht so recht, wo man steht. Sieben Punkte: Das  liest sich ordentlich, die Leistungen waren aber gemischt. Am stärksten präsentierte sich der FC in Wolfsburg, wo er lange führte und am Ende 1:1 spielte. In einer hochdramatischen Schlussphase vergaben beide Mannschaften beste Chancen auf den Sieg. Taktisch war es eine Partie, wie das Team von Peter Stöger es liebt: Der FC zog sich in eine kompakte Defensive zurück und setzte gelegentliche, dann aber oft brandgefährliche Konter.

Dagegen waren die Erfolge in Stuttgart und gegen den HSV glücklich. Die Schwaben dominierten spielerisch limitierte Kölner über den Großteil der Spielzeit und generierten exzellente Torchance in Serie, die sie aber ebenso serienmäßig verschluderten. Ein völlig vermeidbarer Elfmeter brachte die Stuttgarter dann auf die Verliererstraße.

Gegen den HSV lag Köln zuhause eine gute halbe Stunde lang zurück und konnten sich beim starken Timo Horn bedanken, dass der Abstand nur ein Tor betrug. In der kompletten ersten Hälfte hatte der FC nicht einmal aufs Hamburger Tor geschossen. Erst die Einwechslung Hosiners brachte neuen Schwung und eine Viertelstunde vor Schluss den Ausgleich. Ein Remis wäre denn auch ein insgesamt angemessenes, wenn auch für die Kölner vielleicht etwas glückliches Ergebnis gewesen. Dann griff Schiedsrichter Deniz Aytekin ein. Modeste trat sich im Hamburger Strafraum selbst in die Hacken, Aytekin aber schickte den in dieser Szene völlig schuldlosen Spahic vom Feld und gewährte den Kölnern einen unberechtigten Elfmeter, den der Stolperer selbst zum Siegtor verwandelte.

Letzte Woche dann ein 2:6-Debakel in Frankfurt, die mit Abstand schwächste Saisonleistung des FC. In der Abwehr zeigte das Team lange nicht gekannte, riesige Lücken und im Spiel nach vorne wenig Einfälle. Mit einer solchen Leistung werde man auch gegen Gladbach hoch verlieren, zürnte Peter Stöger nach dem Spiel, während Timo Horn der Klatsche auch etwas Gutes abgewinnen konnte: Immerhin seien jetzt alle wach. Immer wieder erstaunt die Fähigkeit des Menschen zum Schönreden eigener Misserfolge.

Aufstellungen:

1. FC Köln: Horn – Olkowski, Maroh, Heintz, Hector – Risse, Vogt, Lehmann, Bittencourt – Zoller, Modeste.
Borussia Mönchengladbach: Sommer – Korb, Jantschke, Schulz, Wendt – Xhaka, Nordtveit – Herrmann, Hazard – Raffael, Drmic.

Schiedsrichter: Dr. Felix Brych.
Assistenten: Stefan Lupp, Christian Leicher.
Vierter Offizieller: Tobias Stieler.

SEITENWAHL-Meinung:

Christoph Clausen: Ein auf beiden Seiten von vielen Fehlern geprägtes Spiel endet leistungsgerecht mit 2:2.

Thomas Häcki: Auch in Köln gibt es nichts zu holen. Das Derby verbietet es aber schon, dass man Gnade gewährt. Mit 0:5 gibt es eine der höchsten Klatschen der Derby-Geschichte. Für die Fans, die zu Gast sind wird es eine sehr lange Heimfahrt.

Christian Heimanns: Und wenn du meinst, es geht nicht mehr, muss halt ein Spiel in Köln mal her. Auch wenn die Hilfe der Erzfreunde beim 1:1 magerer ausfällt als sonst.

Michael Heinen: Es geht in kleinen Schritten bergauf. Wer hätte vor einigen Monaten geglaubt, dass sich Borussia über ein 1:1 in Köln freuen würde?

Christian Spoo: Das Drama geht weiter. Entgegen jeder Gewohnheit kassiert Borussia auch in Köln eine Klatsche. Der FC gewinnt 4:1.


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