Wäre der DFB hart geblieben, man hätte den Kontrast hören können. In Kiew das Getöse der 70.000, mal rhythmisch skandierte Zuversicht, mal entsetztes Pfeifkonzert. Beim Geisterspiel in Düsseldorf eine Geräuschkulisse, wie man sie aus der  Kreisliga A kennt. Jeden Pressschlag hätte man gehört, jedes Stöhnen, jeden Protest, jeden Zuruf. Am Ende aber kam der DFB zur Einsicht, dass das Aufeinandertreffen der rivalisierenden Fangruppen in der Altstadt statt im Stadion der öffentlichen Sicherheit nur bedingt zuträglich gewesen wäre. So dürfen doch immerhin 30.000 in der Esprit-Arena ein bisschen Lärm machen.

Dennoch führt der Terminplan die Borussen innerhalb weniger Tage auf eine Reise der Gegensätze. Statt des süßen Desserts in der Champions League nun das Graubrot der Ligapflicht gegen wackere Kämpfer um den Klassenerhalt. Statt einer illustren Millionentruppe nun Gegenspieler, die schon den Aufstieg aus der 3. in die 2. Liga mitgemacht haben. Statt eines Spiels, in das die Borussia nach der Hinspielniederlage als Außenseiter ging und bei dem ein Weiterkommen als Wunder gewertet worden wäre, nun eine Partie, in der schon eine Punkteteilung für Murren sorgen würde.

 

Vertraut sein dürfte aber die Taktik des Gegners. Das komfortable Hinspielergebnis erlaubte es Dynamo Kiew, sich selbst vor heimischem Publikum tief in die eigene Hälfte zurückziehen und aus einem massierten Abwehrriegel auf Konter zu spielen. Das werden die Fortunen ähnlich handhaben.  Immerhin: In Kiew kamen die Borussen gegen ein taktisch so ausgerichtetes Team sehr ordentlich zurecht. Überhaupt war der Lernfortschritt gegenüber dem Hinspiel nur für Verstockte zu übersehen. Zwar blieb nach vorne weiterhin vieles Stückwerk, zwar fehlte es den Stürmern bei allem Engagement wieder an Durchschlagskraft, zwar wurde de Jong immer noch zu oft in einer Weise eingesetzt, die diesem Spielertyp nicht gemäß ist. Aber anders als im Hinspiel gelang es den Gladbachern viel besser, gegen eine tief stehende Kontermannschaft Nerven, Geduld und Ordnung zu bewahren. Auch in Düsseldorf könnte die Borussen ein Geduldsspiel erwarten. Dass die Fortunen diszipliniert zu verteidigen wissen und nach vorne manchmal aus wenigen Chancen viel machen, musste der FC Augsburg am letzten Samstag schmerzhaft erfahren.

 

Der 2:0-Auftaktsieg war Balsam für die Düsseldorfer Seele. Zuvor war die eigentlich triumphale geplante Rückkehr in die Bundesliga eher verkorkst verlaufen. Der gemeine Düsseldorf-Fan mag sich zeitweilig wie ein Bräutigam gefühlt haben, der am vermeintlich schönsten Tag seines Lebens abgekämpft, durchgeschwitzt und mit beflecktem Jackett in die Kirche stürmt: den Wecker überhört, das Auto nicht angesprungen und auf Weg zur Hochzeit zu dicht an eine Schlammpfütze und einen hindurch fahrenden LKW geraten.  In Düsseldorf war alles angerichtet für ausgelassene Feiern zur Rückkehr in die Bundesliga nach 16 Jahren. Weil aber einige Schlaumeier den Begriff Zeitspiel etwas zu wörtlich nahmen, folgte eine mehrwöchige Nachspielzeit. Ausdrücke wie „positiv besetzter Platzsturm“ und „Todesangst“ geisterten durch die Gazetten. Spätfolge: Der Ur-Fortune „Lumpi“ Lambertz, der beim Relegationsspiel durch Bengaloschwenken unangenehm aufgefallen war, muss gegen Gladbach noch zuschauen.

 

Als Hertha BSC dann endlich einlenkte und auf die Anrufung der dritten Instanz verzichtete, war der Zeitpunkt für eine rauschende Aufstiegsfeier verpasst. Das angekündigte Geisterspiel zum Heimauftakt drückte weiter auf die Stimmung. Und als der DFB die Strafe abschwächte und 25.000 Düsseldorfer Fans zuließ, folgte Aufregung darüber, welche der 31.000 Dauerkartenbesitzer zu Hause bleiben müssten. Am Ende entschied das Los.

 

Die Vorbereitung war geprägt von durchwachsenen Testspielergebnisse und großflächigen Umbaumaßnahmen. Weil es ablösefreie oder nur ausgeliehene Stützen der Aufstiegsmannschaft wie Lukimya, Beister und Bröker fortzog und Rösler sich das Tempo der ersten Liga nicht mehr ganz zutraute, musste die Fortuna auf dem Transfermarkt aktiver werden als geplant. Sie tat das nach dem Prinzip „safety in numbers“: 19 (in Worten: neunzehn) Neuzugänge stehen zu Buche, die meisten davon ablösefrei. Am tiefsten mussten die Fortune für die Leihgebühr Andrey Voronins in die Tasche greifen, dem spektakulärsten Transfer. Freude unter den Fans löste aber auch die Rückkehr Axel Bellinghausens aus, den der FC Augsburg nur höchst ungern ziehen ließ.

 

Als die Fortunen im Pokal gegen Drittligist Burghausen nur mit viel Mühe in die nächste Runde einzogen, sahen sich all jene bestätigt, die dem Kader hinreichende Bundesligatauglichkeit absprechen. Wenn es um die Prognose der Abstiegskandidaten ging, fehlte selten der Name Fortuna Düsseldorf. Umso euphorischer wurde der Überraschungscoup in Augsburg gefeiert.

 

Die Begeisterung täuscht indes etwas darüber hinweg, auf welch schwachem Niveau sich diese Partie bewegte und wie glücklich der Auswärtssieg zustande kam. Die Düsseldorfer verteidigten zwar wacker, hatten im Spiel nach vorne aber herzlich wenig zu bieten. Zwei Sonntagsschüsse des eingewechselten Schahin brachten der Fortuna drei glückliche Punkte ein. Hoffnungsträger Voronin kam hinter den Spitzen ebenso wenig ins Spiel wie auf dem linken Flügel Bellinghausen oder im Sturmzentrum der für den grippekranken Reisinger ins Team gerutschte Nando Rafael. Einzig Robbie Kruse sorgte auf der rechten Außenbahn für etwas Dynamik und leitete beide Treffer ein. Der Australier, in der Aufstiegssaison nur Ergänzungsspieler, spielte sich in der Vorbereitung in die Stammelf.

 

Stabil stand die Defensive, die von biederen Augsburgern allerdings auch nur begrenzt gefordert wurde. Hier standen mit Torwart Giefer (aus Leverkusen) und Innenverteidiger Malezas (aus Saloniki) zwei Neuzugänge in der Startelf. Ansonsten setzte Trainer Norbert Meier vor allem auf die Aufstiegsdefensive: die Ex-Borussen Levels und van den Bergh auf den Außenpositionen der Viererkette, in deren Zentrum der zweitligaerprobte Langeneke, der die Bundesliga nach eigenem Bekunden schon „abgehakt“, im defensiven Mittelfeld Bodzek und Fink.

 

In Düsseldorf wird die Borussia Geduld brauchen. Erfolgversprechend könnten Angriffe über die Flügel sein, denn schon gegen schwache Augsburger gerieten die Außenverteidiger leichter in Bedrängnis als die Kollegen in der Mitte. Entwickelt das Team von Lucien Favre mehr Genauigkeit im Spiel nach vorne, dann könnten die 25.000 Fortunenfans am Ende doch so leise sein, als hätte der DFB auf dem Geisterspiel beharrt. Zu hören wären dann nur 5.000 feiernde Gladbacher.

 

Aufstellungen:

 

Fortuna Düsseldorf: Giefer - Levels, Malezas, Langeneke, van den Bergh -
Lambertz, Fink - Kruse, Voronin, Bellinghausen –Schahin.
Borussia Mönchengladbach: ter Stegen – Jantschke, Stranzl, Brouwers, Daems – Nordtveit, Xhaka – Herrmann, Arango – Hanke, de Jong.

 

Schiedsrichter: Günter Perl.
Assistenten: Georg Schalk, Michael Emmer.
Vierte Offizielle: Bibiana Steinhaus.

 

SEITENWAHL-Meinung:

 

Christoph Clausen: Diesmal kein Fast-Wunder, sondern ein Arbeitssieg. Die Borussia unterbindet Düsseldorfer Konterversuche und findet selbst einmal Lücke im Fortunen-Bollwerk.

 

Christian Grünewald: Nichts wünscht man sich in Düsseldorf mehr, als mit einem Sieg gegen den berühmten Nachbarn die Bundesliga-Rückkehr zu veredeln - doch daraus wird nichts. Borussia kommt langsam in Tritt und siegt letztlich souverän mit 2:0.

 

Thomas Häcki: Ich erwarte 0 Spannung bei 0 Toren. Aber ein 0:0 beim Tabellenzweiten ist auch was wert.

 

Christian Heimanns: Und wieder: Ausscheiden raus aus dem Kopf, Aufsteiger rein. Hinten grätschen wie in Kiew, vorne treffen, selbst wenn ein Arango-Kopfball her muss. Dann wird es ein 1:0 für Borussia.

 

Michael Heinen: Es wird keine einfache Partie bei den hoch motivierten Düsseldorfern, die ihr erstes Bundesliga-Heimspiel seit ewigen Zeiten feiern. Daher kann Borussia am Ende mit dem 1:1 zufrieden sein.

 

Christian Spoo: Das Beinahe-Wunder von Kiew gibt Sicherheit. Borussia glänzt in Düsseldorf nicht, dominiert die Partie aber und gewinnt mit 2:1.


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