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"Hätte, hätte, Fahrradkette", mit diesem markigen Spruch bügelt der fiktive Vorgesetzte Stromberg im TV Widersacher nieder. Und dass das Leben sich grammatikalischerdings im Indikativ wiederspiegelt statt im Möglichkeiten anzeigenden Konjunktiv, hat sich auch schon per Sprichwort verbreitet. Das mögen Anhaenger von Borussia Moenchengladbach schade finden, denn allmaehlich häufen sich die Fragen mit "Hätte" und "Wäre". Wie wäre der Saisobeginn weiter verlaufen, wenn de Jong beim Auftakt gegen Düsseldorf seinen schönen Seitfallzieher mit einem Tor belohnt gesehen hätte? Oder seinen noch schöneren gegen Nuernberg? Was wäre geschehen, hätten die Borussen das Hinspiel gegen Kiew nur etwas cleverer gestaltet oder wären im Rueckspiel nicht nur knapp am Mirakel vorbeigeschlittert? Wie wäre die Stimmung, hätte Alexander Ring gegen Limassol nach 30 Sekunden das 1:0 gemacht, oder einfach nach innen zu dem völlig freien Hrgota gespielt, und hätte Hanke nicht nur den Pfosten getroffen oder Wendt beim Elfmeter in der 97. Minute nur 2 cm tiefer gezielt? 

 
 
 
Schade, dass nichts davon so eingetroffen ist. Deswegen läuft die Statusanzeige der Borussen zum Herbstanfang auch durchwachsener als erhofft. Sicher, das Erreichen der Championsleague war mit dem 4. Platz nicht garantiert, gegen Kiew schon gar nicht. Und es war doch möglich. Natuerlich sind die Abgänge von Reus, Dante und Neustaedter nicht leicht zu ersetzen, aber es hätte ohne weiteres deutlich besser in der Liga laufen können. Warum tut es das denn bloss nicht? 
 
Wer sich dieser Frage nähert, sollte als erstes akzeptieren, dass absolute Antworten im Fussball rar gesaeht sind, will er seinen Seelenfrieden nicht riskieren. Und sollte sich als nächstes der emotionalen Anstrengung unterziehen, die einfachen Antworten zu überspringen ("Fehleinkäufe", "zwölf Millionen fuer einen neuen Kahe", "Trainer schwächt das Team bewusst") und bei den wahrscheinlicheren und unangenehmeren Moeglichkeiten verweilen. Und, so merkwürdig das auch klingt, man sollte die Aussagen eines Trainers, der eine sensationelle Rettung und einen historischen 4. Platz erreicht hat, gelegentlich auch ernst nehmen. Oder sie als halbwegs seriös betrachten, denn wenn Favre von "seriöser Gefahr" spricht, haette man das auch direkt mit "ernsthaft" übersetzen können.
 
Und auf jeden Fall lohnt es sich, noch einmal einen Blick auf die Startaufstellung gegen Limassol zu werfen. Und sich klar zu machen, dass Nationaltorwart ter Stegen noch fuer die U21 spielberechtigt wäre, fuer die Herrmann und Jantschke noch antreten, dass der zweimalige Europa League Sieger Dominguez erst 23 ist, und dass mit Brouwers, Wendt und Hanke nur drei gestandene Spieler in der Anfangsformation waren. Hoffnungsträger de Jong statt Hanke hätte mit seinen 21 Jahren den Teamdurchschnitt noch mal gesenkt. 
 
Die folgenden Ueberlegungen könnten bei der aktuellen Zustandsbewertung ebenfalls von Hilfe sein: Die (ganz leicht in Verruf geratene) Kontinuität ist wuenschenswert, kriegt aber ein Problem, wenn Schluesselspieler weggekauft werden. Eine junge Mannschaft ist dann wünschenswert, wenn man der Ansicht ist, dass sie aktuell voll mithalten kann und auf dem Leistungszenit in 3 bis 4 Jahren nur besser sein kann. Befürworter einer jungen Mannschaft, selbst wenn sie ein Fohlenteam® zu einer solchen verpflichtet sehen, muessen Leistungsschwankungen akzeptieren. Neuzugänge von 30 Millionen Euro sind sicher hervorragend, müssen aber den Vergleich mit Spielstärke und Marktwert der abgehenden Spieler aushalten. Die Kalkulation von Kollege Heinen mit dem zu ersetzenden Abgang von 50 Mio € Marktwert ist hierbei beachtenswert.
 
Der Einwurf ist sicher gerechtfertigt, dass Borussia Mönchengladbach trotz all dieser Feststellungen AEL Limassol hätte auf jeden Fall schlagen muessen. Und dass das Spiel auch unterhalb des Niveaus einer besseren U23 war. Richtige Feststellungen, aber auch diese Art von Konjunktiven hilft nicht weiter. Es braucht die Geduld, den 20 - 23jaehrigen die Zeit zu geben, ihr Zusammenspiel zu finden und ihr Potential zu entwickeln.
 
Ueblicherweise waere der kommende Gegner von Bayer Leverkusen nicht unbedingt fuer einen Reifeprozess geeignet.Aktuell aber sehen die Spieler vom Bayerwerk die Borussen wohl genauso als Gradmesser fuer den eigenen Leistungsstand wie umgekehrt. Zwei Niederlagen aus drei Ligaspielen sind genauso deutlich unter dem eigenen Anspruch wie der Abstand zur Leistung des BVB am letzten Wochenende. Dabei hält sich der Umbau fuer die laufende Saison eigentlich in Grenzen. Nur Barnetta konnte nicht gehalten werden, Adler und Derdiyok sollten nicht gehalten werden, Ballack sollte auf jeden Fall gehen, der Rest war zu verschmerzen. Der Ersatz hielt sich in bescheidenem Rahmen, besonders fuer Leverkusener Verhaeltnisse. Wollscheidt als Aufsteiger der letzten Saison und sonst ueberwiegend junge Spieler sollen das Team auf Kurs Europa Leage Qualifikation bringen.
 
Dieser Vorsatz ist aus Leverkusener Sicht schon einiges bescheidener als in vergangenen Jahren. Und er ist nur deswegen nicht überzogen, weil Mannschaften wie Bremen und Stuttgart auf dem Feld noch keine klare Kandidatur fuer die internationale Qualifikation abgegeben haben. Der Leverkusener Anspruch ist auch eine Wette darauf, dass Schuerrle so stark durchspielt wie in den letzten beiden Jahren, dass Kiessling sein Niveau haelt und dass Renato Augusto einstige Leistungshoehen wieder erreicht. Denn nach vorne ist der Kader mit diesen Spielern zuzueglich Sidnez Sam zwar qualitativ gut aber zahlenmässig ungewoehnlich schwach bestueckt, wobei man es sich noch gestattete, Sturmtalent Yesil nach Liverpool abzugeben. Das reissen auch vier Torhueter im Kader nicht raus. Und Rudi Völler kann seine Sturmqualitaeten nicht mehr auf dem Rasen zeigen sondern nur bei seinen zunehmend erratischen Attacken in Richtung alles, was er als Beleidigung fuer Bayer Leverkusen interpretiert.
 
Wenn zwei Mannschaften aufeinander treffen, von denen die eine im Umbau begriffen ist und die andere rückdimensioniert wurde, kann man das Ergebnis einfach nach Vorliebe tippen, es wird ohnehin durch eher zufaellige Entwicklungen entschieden werden. Vielleicht hat es sich bei den Gladbachern gelohnt, dass sie drei Spieler von der Zypernreise verschont haben, vielleicht haben die Leverkusener genug aus der Abfuhr der letzten Woche gelernt und ihr Heimvorteil zahlt sich aus. So oder so waere es fuer die Gladbacher nötig, gegen einen unberechenbar starken Gegner ihren Lernprozess fortzusetzen und sich ein neues Rueckgrat zu implantieren. Denn nur wenn die Tabelle befriedigende Stände anzeigt (vgl. indikativ, indicare - "anzeigen") , bleibt man vom lästigen Konkunktiv verschont. 
 
 
Aufstellungen:
 
Borussia: Ter Stegen; Daems, Stranzl, Dominguez, Jantschke; Arango, Xhaka, Nordtveit, Herrmann; Hanke, de Jong
 
Leverkusen: Leno; Schwaab, Wollscheidt, Toprak, Hosogai; Bender, Reinartz, Rolfes, Castro; Kiessling, Schürrle
 
 
SEITENWAHL-Tipps:
 
Michael Heinen: In Leverkusen gibt es dieses Jahr leider nichts zu holen. Mit 1:2 verliert Borussia und setzt sich damit für das anstehende Heimspiel gegen Hamburg gehörig unter Druck.
 
Christoph Clausen: Das Duell der Holprig-Gestarteten endet wie ihre beiden Europacup-Auftritte: Unentschieden. Dabei ärgern sich die Herren ter Stegen und Leno jeweils ein Mal. 
 
Christian Spoo: Es läuft nicht. Hinten steht Borussia wackelig und nach vorne fehlt immer der entscheidende Schritt. Mit der 1:3 Niederlage in Leverkusen ist das Team noch gut bedient.
 
Christian Heimanns: Lernen braucht Zeit. Auch negative Erlebnisse wie ein 0:2 gegen Leverkusen können auf dem Weg weiterhelfen.

Thomas Häcki: Beide Teams zeigen, dass für sie vorerst das Mittelfeld Trumpf ist. 1:1

Christian Grünewald: Borussia fehlt die spielerische Sicherheit, hinten entwickelt man lange verborgene Schwächen: Leverkusen gewinnt 3:0.

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