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Die Hoffnung, die so oft enttäuschte, traute sich nur langsam und zögerlich hervor. Dass die Borussia anfangs gut dagegen hielt und durch Patrick Herrmann sogar zwei richtig gute Gelegenheiten hatte, nahm sie mit leise wehmütigem Lächeln zur Kenntnis. Derlei Strohfeuer waren in den letzten Wochen zu oft kurz aufgeflackert und wieder ausgetrampelt worden. Spätestens mit Aubameyangs Lattentreffer schien auch die Partie in Dortmund diese Richtung zu nehmen. Auch Rafaels ins Tor gestolperter Führungstreffer hieß noch nicht viel. Hatte man nicht in den letzten vier Spielen immer geführt? Hatte Max Eberl nicht noch vor wenigen Tagen die kontraproduktive Kraft solcher Tore beschrieben und damit medialen Spott auf sich gezogen?

Wann kam der Moment, als man ahnte, dass es diesmal doch anders kommen könnte? Mit dem 2:0? Auch das hatte zwar vor wenigen Wochen gegen Hoffenheim nicht zum Sieg gereicht. Aber wer es erzielte, wie er es erzielte und feierte, all das nährte doch die Ahnung, dass diesmal der Bann wirklich gebrochen sein könnte. Ausgerechnet Max Kruse. Seine Torlosigkeit war mit der Gladbacher Sieglosigkeit im Gleichschritt gegangen. Gegen Schalke hatte er getroffen, vor neun Spielen, beim letzten Gladbacher Sieg, und seitdem nicht mehr. Gegen Augsburg hatte er das erlösende 2:0 verpasst, seine Auswechslung in der zweiten Hälfte war vom dümmeren Teil der Gladbacher Fans mit Häme begleitet worden. Die ersten Medien hatten ihn zum Gesicht der Gladbacher Misere auserkoren. Wie praktisch, dass Kruse und Krise nur ein Buchstabe trennt.

Und dann trifft Kruse nicht nur, sondern tut es auch noch auf eine solche Weise. Nach einer Vorarbeit, die Herrmanns Dynamik und Arangos technische Finesse vermählten wie zu Gladbacher Hochzeiten. Gekrönt durch einen Abschluss, der mit zwei flinken Drehungen zwei Champions League-erprobte Gegenspieler wie verwirrte Tanzbären ins Leere stolpern ließ. Ein Treffer voller Frechheit und Raffinesse, von Kruse gefeiert wie das Siegtor in einem WM-Finale. Der anschließenden Handbewegung, mit der er, wie ihm Nachgang erläutert, die von ihm abfallende Last symbolisch verdeutlichen wollte, hätte es gar nicht mehr bedurft.

Ja, da ahnte man schon, es könnte diesmal doch anders sein als sonst. Und als die Borussen sich nach der Pause nicht ängstlich in ihr Schneckenhaus zurückzogen, sondern die Dortmunder weiter engagiert unter Druck setzten, am Ball die Ruhe behielten, intelligent und mutig den Weg nach vorne suchten, da wuchs von Minute zu Minute die Zuversicht. Trotz Lewandowskis raffiniertem, von ter Stegen überragend pariertem Schlenzer: Bis zu Havard Nordtveits großer Dummheit waren die Gäste dem dritten Tor näher als die Gastgeber dem Anschlusstreffer.

Jene 69. Minute aber hätte beinahe alles verdorben. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als wolle Schiedsrichter Aytekin es bei einer allerletzten Ermahnung belassen, was der Trainerbank Zeit für eine Auswechslung gegeben hätte. Aber natürlich handelte der Unparteiische richtig: Es ist dumm, den Ball nach einem Freistoßpfiff den Ball wütend wegzuschlagen, so berechtigt der Ärger auch sein mag. Es ist noch dümmer, neunzig Sekunden später und nunmehr gelb vorbelastet, einen Gegner von hinten umzugrätschen, zumal weitab vom eigenen Tor. Bei einem Jugendspieler würde man das unter notwendigem Lernprozess verbuchen. Bei einem Profi ist es schwer zu begreifen.

Nordtveit selbst wird sich im Nachhinein dunkelgrau ärgern. Schwarz ärgern musste er sich zum Glück nicht. Dabei veränderte der Platzverweis das Spiel grundlegend. Jetzt igelten sich die Borussen hinten ein, jetzt drängten die Dortmunder auf den Ausgleich, zwar ohne großen Esprit, aber mit neu belebtem und durch zwei Einwechslungen zusätzlich beflügelten Glauben. Als Dominguez Jojics unplatzierten Schuss unglücklich ins eigene Tor abfälschte, begann das große Zittern.

Es bleibt spekulativ, wie es auf die Gladbacher Psyche ausgewirkt hätte, wenn es auch diesmal wieder schief gegangen wäre. Wenn Lewandowskis rustikaler Körpereinsatz im Fünfmeterraum gegen ter Stegen ebenso ungeahndet geblieben wäre wie seine Abseitsposition zuvor. Wenn Filip Daems dafür bestraft worden wäre, dass er sich seine Arme vor Spielbeginn nicht operativ entfernen oder zumindest auf dem Rücken zusammen binden lässt. Wenn sich das Schiedsrichtergespann von Jürgen Klopps schon zum Ritual gewordenen cholerischen Anfällen, die man in Dortmund für Kult hält, hätte beeindrucken lassen.

So aber stand am Ende ein Sieg von historischer Dimension, der erste in Dortmund seit 16 Jahren. Der würdige Abschluss einer unwürdigen Serie. Wie viel Strahlkraft kann so etwas entfalten?

Man wird sehen. Von einzelnen Bedenkenträgern war nach dem Spiel schon zu hören, der Sieg werde „nichts wert“ sein, wenn man nun nicht gegen Hertha „nachlege“. Das ist eine in solchen Situation beliebte Phrase, Unsinn ist sie dennoch. Durch den Sieg in Dortmund hat die Borussia ihr Punktekonto von 36 auf 39 gesteigert, und die DFL wird ihr die drei Punkte nicht wieder nachträglich abziehen, wenn es gegen Hertha wirklich schief gehen sollte.

Richtig ist aber, dass ein Erfolg im nächsten Heimspiel nicht nur dem Punktestand, sondern auch der Psyche gut tun würde. Fußballer sind oft abergläubisch, und der Glaube an geplatzte Knoten oder gebrochene Banne kann ebenso zur positiv selbsterfüllenden Prophezeiung werden wie der Glaube an die Krise zur negativen. Einen solch positiver Kreislauf käme zur rechten Zeit: Nach dem Spiel gegen Jos Luhukays Herthaner hat es die Borussia hintereinander mit fünf Mannschaften zu tun, die mitten im Abstiegskampf stecken. Ein Programm also, das sich für eine Serie eignen würde. Ein Programm aber auch, bei dem es Nervenstärke braucht. Bei dem man jede Partie so engagiert, so entschlossen und so frech angehen muss wie die in Dortmund. Und bei der man sich unnötige Feldverweise nicht mehr leisten sollte.


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