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In der 79. Minute des Spiels gegen Hertha BSC erhoben sich zehntausende Fans von ihren Sitzen. Es galt, den Mann zu feiern, der mit seinem Tor zum 1:0 und der Freistoßvorlage zum 2:0 die Partie entschieden hatte. Juan Arango hatte ein großartiges Spiel gemacht und durfte sich bei seiner Auwechslung den verdienten Applaus der Borussenfans abholen. Und während die Fans so klatschten, war ein Wort immer wieder zu hören: verlängern!

Juan Arango hat gegen Hertha BSC einmal mehr gezeigt, dass er der Spieler sein kann, der den Unterschied macht. Ohne die Leistung des mindestens genauso starken Raffael zu schmälern: Ohne Arango hätte das Spiel womöglich einen ganz anderen Verlauf genommen. Ohne Arango wäre die zweite Halbzeit nicht zur entspanntesten der kompletten bisherigen Saison geworden.

Das ist Wasser auf die Mühlen all derer, die nicht verstehen, wie Borussia zögern kann, den Vertrag des Venezolaners zu verlängern, ihn noch mindestens eine Saison in Gladbach zaubern zu lassen. Für diese Menschen ist Arango das Besondere am Borussenspiel. Sie verzeihen ihm auch Partien, in denen er kaum zu sehen ist, weil sie wissen: er kann jederzeit mit einem Geniestreich aufwarten.

Für all diese Arango-Fans gab es noch am selben Abend eine kalte Dusche. Im ZDF-Sportstudio wurde Max Eberl interviewt. Der Sportdirektor sagte, wie gewohnt, wenig Konkretes, aber wer genau hingehört hat, dem schwant: in Sachen Arango ist die Entscheidung schon gefallen und sie ist gegen eine Vertragsverlängerung gefallen. Von Arangos Genialität schwärmte Eberl, allerdings bemühte er dabei weniger die Gegenwart, als die Vergangenheit. „Wir kennen auch seine Defizite“, schob er gleich noch hinterher. Machen wir uns nichts vor: Wer nach einem solchen Spiel auf die Defizite eines Spielers meint verweisen zu müssen, der hat eine Botschaft. Die vermeintlichen Defizite ist man bei Borussia nicht mehr bereit, hinzunehmen. Der Verein hat offenbar andere Pläne, als den Topverdiener Arango noch weiter zu beschäftigen.

Zu den von Eberl angesprochenen Defiziten: Juan Arango hat eine Neigung zum Phlegma. Das ist nicht erst seit dieser Saison so. In jeder Spielzeit hatte der Mann mit der Nummer 18 Phasen, in denen es ihm an Präsenz mangelte. Seine Körpersprache ist viel disktutiert worden. So mancher Beobachter meint, dem Venezolaner schon kurz nach Anpfiff eines Spiels ansehen zu können, ob er heute gerade inspiriert daher kommt oder nicht. Die Leistung des Juan Arango schwankt in der laufenden Saison vielleicht tatsächlich noch etwas mehr, als zuvor. Andererseits – und das gilt für seine Gladbacher Zeit von seinem Debut beim 3:3 gegen Bochum bis heute – gab es nie auch nur den Ansatz eines Beleges dafür, dass die Mannschaft ohne Arango besser spielen könnte, als ohne. Wenn Arango schwach war, war meist die ganze Mannschaft schwach. Er war nie der Spieler, an dem sich ein schwächelndes Team aufrichten konnte, er war nie ein „Leader“. Aber wenn der Linksfuß fehlte, dann fehlte er dem Spiel meist wirklich. Ein zweites Defizit, mangelndes Engagement im Spiel nach hinten hatte Arango zwischenzeitlich abgestellt und auch gestern war davon nichts zu sehen.

Alles in allem scheint es wenig fair, die Defizite eines einzelnen Spielers derart nach vorne zu stellen, wie Max Eberl es nach dem Hertha-Spiel getan hat. Leistungsschwankungen? Frag nach bei Patrick Herrmann, Granit Xhaka und Max Kruse. Defizite im Defensivspiel? Vergessen Sie Hrgota nicht! Mit der Begründung "Defizit" könnte man bis auf Marc André ter Stegen und Raffael wohl jeden Spieler in Frage stellen.

Nein, die einzig wirklich stichhaltigen Argumente gegen eine Vertragsverlängerung für Juan Arango sind sein fortgeschrittenes Alter (er wird im Mai 34) und vor allem sein hohes Gehalt, bei dem eine Aufwand-Ertrag-Rechnung in den Augen der bei Borussia Verantwortlichen womöglich suboptimal ausfällt. Andererseits: ohne Arango hätte Borussia am Ende der Saison unter Umständen die Punkte nicht auf dem Konto, die die Teilnahme an der zumindest halbwegs lukrativen Europa-League möglich machen.

Wenn Eberl und Co der Meinung sind, sich Arango nicht mehr leisten zu können, muss die Frage erlaubt sein, ob sie sich denn seinen Abgang leisten können. Gehen wir besten Willens davon aus, dass hinter den Kulissen die Planungen für eine Alternative auf Hochtouren laufen und dass unter Umständen noch einige Spieler dabei sind, die derzeit noch niemand auf dem Zettel hat. Die bisher kursierenden Namen – und den Wechsel von Ibraima Traoré hat dasselbe Sportstudio, in dem Max Eberl seine Äußerungen zu Arango machte, am Rande des Spielberichts zu Stuttgart-HSV als Tatsache verkündet – sind keine, die die oben erwähnten Anhänger von Juan Arango werden besänftigen können. 

Und noch etwas: an der Causa Arango zeigt sich einmal mehr, dass Fußballfans und Fußballer einander niemals wirklich verstehen können. Dass ein Spieler für die Anhänger mehr sein kann, als ein Haufen opta-Sportdaten, dass ein Freistoß in den Winkel gefühlt mehr wert sein kann, als ein mit kühler Effizienz herausgespieltes Tor, ist vielen Trainern und Managern vermutlich nicht klar zu machen. Und womöglich ist es auch gut, dass solche Sentimentalitäten nicht das Geschäftsgebaren von Wirtschaftsunternehmen wie es Bundesliga-Vereine nun einmal sind, steuern.

Trotzdem: der offenbar bevorstehende Abgang von Juan Arango macht Borussia ein kleines bisschen langweiliger und graumäusiger. Ganz egal, wo die Reise von hier an hingeht.


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