Bayer LeverkusenDieter Hecking, in diesem Punkt Lucien Favre ähnlich, legt großen Wert auf den Gedanken, dass eine stabile Defensivordnung die Basis ist, aus der sich alles Weitere entwickelt. Angesichts von fast drei Gegentoren pro Spiel, die die Borussia sich vor der Winterpause in der Liga einfing, sicherlich kein Ansatz zur Unzeit. Nach zwei absolvierten Spielen unter Heckings Ägide ist in dieser Hinsicht ein Aufwärtstrend mit Einschränkungen zu konstatieren: Wie schon in Darmstadt ließ die Borussia auch in Leverkusen aus dem Spiel heraus wenig zu. Am ehesten war das noch in der Phase kurz nach dem Doppeltiefschlag um die 30. Minute heraus der Fall, in einer Phase also, in der die psychologische Konstellation gewissermaßen als mildernder Umstand zu werten ist.

Ansonsten stand die Borussen-Defensive über weite Strecken sehr sicher, besonders beeindruckend nach der Pause. Immerhin waren nach Raffaels Führungstor noch fast zwanzig Minuten zu spielen und Bayer durchaus bemüht, so etwas wie einen offenen Schlagabtausch zu liefern. In ernste Verlegenheit brachten sie die Borussen aber kaum jemals. Verfechter der These, dass die Viererkette der Mannschaft aktuell mehr Sicherheit bietet, konnten in dieser Partie fleißig Belege sammeln. Aber die Partie bestätigte auch wieder einmal die alte Binsenweisheit, dass das Defensivspiel Sache der ganzen Mannschaft ist. Beobachter sprechen dort, wo das das gelingt, gern von einer „geschlossenen Mannschaftsleistung“.

Für dieses Spiel ist es die richtige Vokabel am richtigen Platz. Es war ja keineswegs so, dass die Borussen ungenaue Zuspiele oder gelegentliche Unkonzentriertheiten auf einmal gänzlich abgelegt hätten. So schnell gehen Veränderungen nicht. Hoffnungsfroh aber stimmt die Entschlossenheit, mit der die Gladbacher am Samstag den Extra-Meter liefen, um Lücken zu schließen oder den Fehler eines Mitspielers auszubügeln. Exemplarisch für viele sei hier Mo Dahoud genannt, dem zwar im Passspiel weiterhin keineswegs alles gelang, der aber mit lange nicht gesehenem Biss gerade auch defensiv für die Mannschaft arbeitete.

So eroberte die Borussia Bälle und Herzen, so gewann sie Meter, Zweikämpfe und Selbstvertrauen und am Ende das Spiel. Dass sie offensiv über gehobenes Liga-Potenzial verfügt, ist ohnehin keine Neuigkeit und war bei Stindls erstem Treffer, bei Wendts Vorarbeit zum zweiten und bei Kramers großartigem Zuspiel zum dritten zum Zungeschnalzen zu besichtigen.

Wo bleibt die versprochene Einschränkung? Hier: „Aus dem Spiel heraus“ ließ Borussia in Leverkusen nichts zu. Das ist schön. Aber beinahe hätte all das nichts genutzt angesichts einer Schwäche bei ruhenden Bällen des Gegners, die man sich in dieser Form in der Liga auf Dauer nicht wird leisten können. Das Spiel war kaum angepfiffen, da sorgte der erste Leverkusener Eckball für größte Verwirrung im Gladbacher Strafraum und auch Yann Sommer machte keine großartige Figur. Überhaupt: Borussias Torwart hat viele Vorzüge, eine dominante Strafraumbeherrschung aber gehört nicht dazu. Zu Zeiten eines ter Stegen konnten sich die Gladbacher Verteidiger entspannt darauf verlassen, dass ihr Ausnahmekeeper den größten Teil der in den Strafraum geschlagenen Ecken und Flanken herunterpflücken würde und sie selbst nur gelegentlich und eher unterstützend tätig werden mussten. Das hat sich seit ter Stegens Wechsel geändert. Nach einer kurzen Phase des Umsortierens hatte Borussias Abwehr damals die neue, aktivere Rolle angenommen, wobei Martin Stranzl die Richtung vorgab und das meiste gleich selbst erledigte. Aktuell bleibt festzuhalten, dass ein Jannik Vestergaard, obwohl eigentlich kopfballstark und körperlich robust, noch erhebliche Mühe hat, in diese Rolle hineinzuwachsen. Wie der Däne sich beim ersten Gegentor gegen Tah postierte, lässt auf intensiven Nachbesprechungsbedarf schließen.

Grund genug für Dieter Hecking also, auch nach dem Spiel verbal eher die Defensive zu suchen. „Gemach, gemach“ hat das Zeug zur Kult-Vokabel, vergleichbar mit Hans Meyers „Junger Mann, gehen Sie davon aus…“ oder Lucien Favres „Es wird sehr schwer, das ist klar“. Hecking hatte aber durchaus Anlass, auf der Euphoriebremse zu stehen. Denn Potenzial zur Euphorisierung hatte das Spiel allemal: Die Auswärtsmisere endlich zu durchbrechen, war schon schön genug, sie auf solch spektakuläre Art zu durchbrechen, ein Glücksfall. Es gibt Allerweltsspiele, an die man sich schon Wochen später nur schemenhaft erinnert, und es gibt Spiele, von denen man in Jahren noch spricht. Das Spiel in Leverkusen gehörte in die zweite Kategorie.

Denn bei allen Problemen, die fortbestehen und an denen die Mannschaft weiter wird hart arbeiten müssen: Wer nach dem beherzten Auftritt der ersten halben Stunde auf so bittere Weise deutlich in Rückstand gerät, wer zudem den Mühlstein einer Serie von Auswärtspleiten mit sich herumträgt, dem muss eine solche eine Reaktion erst mal einer nachmachen. Borussia überraschte vor allem nach der Pausemit der schieren Kraft ihres Siegeswillens nicht nur Gegner und Berichterstatter, sondern wohl auch die meisten der eigenen Fans. Solch ein Sieg bietet psychologisch die große Chance, als Anschubfinanzierung eines Vermögensaufbaus in Sachen Selbstvertrauen zu dienen. Er birgt auf der anderen Seite die Gefahr, vor lauter Schulterklopfen in alten Schlendrian zurückzufallen und in einem unentdeckten Hinterstübchen des eigenen Unbewussten das kommende Heimspiel gegen Freiburg eben doch als bereits halb gewonnen zu verbuchen. Das wäre fatal. Und weil Hecking das weiß, setzt er auch in seinen Kommentaren zum Spiel auf den Vorrang einer stabilen Defensivordnung. Daraus kann alles Weitere aufbauen.


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