hertha berlin neu

Als am 11. März dieses Jahres das Rheinderby gegen den FC Köln unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, glaubte manch einer schon, dies sei das Endspiel für Borussia um die Championsleague-Qualifikation. Mit einem Sieg konnte man wieder an Bayer Leverkusen vorbeiziehen und angesichts des drohenden vorzeitigen Saisonendes schien es gut möglich, dass der vierte Platz damit sicher wäre. Wie wir wissen kam es anders: im Gegensatz zu anderen Ländern wie Frankreich oder den Niederlanden ruhte die Liga in Deutschland lediglich und kommt jetzt nach mehreren Wochen Geisterschaft zu ihrem Ende. Verblüffenderweise hat sich die Ausgangslage in diesen Wochen so gut wie nicht geändert. Sowohl Bayer 04 als auch die Borussia haben eine sehr wechselhafte Phase hinter sich, aber der 2-Punkte Vorsprung vom 11.3 gilt immer noch, wobei die Borussia inzwischen im Torverhältnis noch etwas mehr Distanz aufbauen konnte. Die möglichen Szenarien sind vermutlich unseren Lesern allen gegenwärtig. Bei Sieg von Borussia oder Nicht-Sieg von Leverkusen ist der VFL in der Champions-League, bei einem Unentschieden in Gladbach müsste Bayer mit 9 Toren unterschied gewinnen. Letzteres scheint sehr unwahrscheinlich, aber man erinnere sich an den letzten Spieltag der Vorsaison als der VFL Wolfsburg mit einem 8:1 Sieg bereits gerettete und unmotivierte Augsburger wegfegte und beinahe der Borussia noch den fünften Platz weggeschnappt hätte.

Personell wird Marco Rose für dieses Spiel vermutlich wenig umstellen, nicht zuletzt, weil es aufgrund Verletzungen wenig Optionen gibt. Thuram, Plea (bei dem Marco Rose auf der PK noch zarte Hoffnungen auf einen Einsatz machte) , Zakaria, Strobl und wohl auch der scheidende Raffael fehlen weiterhin, Traore und Wendt haben sich nicht aufgedrängt, einzig Laszlo Benes könnte womöglich überraschend in die Startelf rücken, die aber vermutlich identisch mit der aus dem Paderborn-Spiel sein wird. Gerade offensiv war es beeindruckend wie die Mannschaft zuletzt die Ausfälle der beiden französischen Stürmerstars kompensieren konnte. Lars Stindl ist gerade zur rechten Zeit wieder in Top-Form gekommen und könnte am Samstag gar noch das Rennen um die vereinsinterne Torjägerkanone gewinnen. Breel Embolo war zwar zuletzt bei seinen Abschlüssen eher unglücklich, zeigte sich jedoch als ein ganz wichtiges Element im Rose-Pressing und bewies bei seinem Uwe-Bein-Gedächtnis-Preis-würdigem Pass zum ersten Tor gegen Wolfsburg, dass er auch spielerisch einiges kann, auch wenn das nicht immer so aussehen mag. Hinzu kommt noch ein Jonas Hofmann, der wohl noch nie so wertvoll für die Borussia war wie dieser Tage. Allerdings hängt die Borussia im Moment auch sehr von diesen drei Akteuren ab: sollte einer von ihnen ausfallen oder einen schwarzen Tag haben, gibt es kaum noch echte Alternativen auf der Bank.

Mit der Hertha kommt die momentan vielleicht formstärkste Mannschaft unterhalb von Platz 5 in den Pappkameraden-Park. Seit dem Restart haben die Berliner 13 Punkte geholt, genauso viele wie die Championsleague-Kandidaten aus Gladbach und Leverkusen. Vermutlich ist es nicht so schwierig als Trainer gut auszusehen, wenn die Vorgänger Covic, Klinsmann und Nori heißen, aber wie schon in Wolfsburg beweist Labbadia, dass der „schöne Bruno“ allen Vorurteilen zum Trotz ein recht kompetenter Trainer ist. Labbadia mag kein visionärer Taktikrevolutionär sein, aber scheint die Qualität eines Kaders erkennen und diese dann auch abrufen zu können. Und das alles angesichts einer langen Ausfalliste, die durch die Vielzahl an Gründen beeindruckt: 5. Gelbe Karte, Verletzungen, Mandelentzündung,  pfeiffersches Drüsenfieber, misslungenes Kabinenvideo, die alte Dame hat einiges zu bieten, wenn es darum geht warum ein Spieler am Samstag nicht mitwirken kann. Ähnlich wie die Borussia hat die Hertha die Ausfälle bislang aber gut kompensiert und der 2:0 Sieg der Berliner gegen Leverkusen war gleichermaßen erfreulich für die Borussia, wie er auch ein Warnzeichen sein sollte, dass das Spiel am Samstag keinesfalls ein Selbstläufer sein wird. Ein Spieler auf Berliner Seite, den man in Mönchengladbach besonders beobachten wird, ist der serbische Mittelfeldspieler Grujic, der Medienberichten zu Folge als Neuzugang bei Borussia im Gespräch ist. Auch wenn die Leihgabe vom FC Liverpools nicht die beste Saison hinter sich hat (wer hat das schon auf Berliner Seite?), so wäre er sicher eine interessante Personalie, wenn auch auf einer Position, die im Moment sowieso schon recht gut besetzt ist.

Respekt vor der „neuen Hertha“ ist auf jeden Fall angebracht, aber es geht kein Weg daran vorbei, dass die Borussia am Samstag einfach den Sack zu machen muss, was die Champions-League angeht. Dass man auch so schon (3-Punkte mäßig) die zweitbeste Saison der letzten 38 Jahre gespielt hat, wird wenig Trost sein, sollte man doch noch auf der Zielgeraden stolpern.

Seitenwahl-Tipps:

Claus-Dieter Mayer: Dass der 3:1 Sieg gegen die Hertha nach einer sehr konzentrierten Leistung angesichts des Unentschiedens zwischen Leverkusen und Mainz gar nicht nötig gewesen wäre, ist am Ende egal. Die Borussia veredelt eine insgesamt tolle Saison.

Christian Spoo: Die Chance auf die Champions League am letzten Spieltag zu vertölpeln, das wäre... Aber weil diese Saison eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche ist, lasse ich das Adjektiv weg und tippe stattdessen einen stets gefährdeten 2:1-Sieg.

Thomas Häcki: Als Ralph Wiggum Präsidentschaftskandidat der Republikaner wird (wieder ein Fall, in dem die Simpsons die Realität voraussehen), antworteten die Demokraten: "Wir wissen noch nicht, wie wir es versauen, aber wir versauen es". Insofern spiele ich das faule Ei und tippe auf 0:2. Sollten wir es trotzdem schaffen, verspreche ich, das erste Spiel in der neuen Saison auf Sieg zu tippen. Egal, wie es lautet.

Michael Heinen: Es wird ein Stück weit gezittert, aber am langen Ende gewinnt Rose mit seiner Elf 2:1 und landet damit auf demselben Rang wie sein Vorgänger eine Liga tiefer.


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