Als Borussia Mönchengladbach im Sommer 2021 auf Trainersuche ging, war Adi Hütter nicht unbedingt mein absoluter Wunschkandidat und seine Verpflichtung wurde auch in der SEITENWAHL-Redaktion kontrovers diskutiert. Sowohl wegen der sportlichen Eignung als auch wegen der Begleitumstände des Wechsels, die dem Umzug der Probstheidaer Ich-AG nach Dortmund nicht ganz unähnlich waren. Ich persönlich hätte lieber Tedesco oder Seoane auf der Gladbacher Bank gesehen. Dem gegenüber stand der Fakt, dass Hütter – wo immer er vorher auch tätig war – stets Erfolge feiern konnte und in der Regel ein bisschen mehr erreicht hatte, als man von seinen jeweiligen Teams erwarten durfte. Deshalb herrschte am Ende die Überzeugung vor, mit Adi Hütter eine gut Lösung für die nähere Zukunft des Vereins auf der Trainerbank gefunden zu haben.

12 Monate später sind wir klüger und Hütter und der Verein haben gerade ihre einvernehmliche Trennung bekanntgegeben. Ob die Initiative dazu von Hütter oder vom Verein ausging, werden wir – hoffentlich – nicht erfahren, wenn sich beide Seiten an die offensichtlich getroffene Vereinbarung einer stilvollen Trennung halten.

Fakt ist, es hat nicht gepasst zwischen Adi Hütter und Borussia Mönchengladbach, deshalb ist die Trennung eine logische und vermutlich für beide Seiten  die bessere Entscheidung als ein Weitermachen auf dem bisherigen Weg. Über die Ursachen für den sportlichen Verlauf der Saison ist in den letzten Tagen schon viel geschrieben worden und wird vermutlich auch noch viel geschrieben werden.

Zweifelsohne spielte der Verlauf der Sommertransferperiode 2021 (oder besser gesagt ihr Nichtverlauf in Mönchengladbach) eine Rolle, gepaart mit der desolaten Führung des Vereins ab Herbst bis zu Max Eberls Abgang im Januar.  Am Ende liegt die Wahrheit aber auf dem Platz und nicht in der Büroetage. Selbst ohne Neuverpflichtungen und auch mit einem angeschlagenen Max Eberl durfte man von Hütter und seinem Trainerteam erwarten, dass sie mit einem so hochkarätig besetzten Team wie Borussia Mönchengladbach es in der abgelaufenen Saison hatte ein tragfähiges fußballerisches Konzept entwickeln und eine Mannschaft auf den Rasen schicken, die fit ist für 90 Minuten. Beides war nicht der Fall und deshalb liegt auch die Verantwortung für den Saisonverlauf zum größten Teil beim Trainerteam. Adi Hütter muss bei seiner Verpflichtung gewusst haben, dass er ein Team vorfindet, welches zwar im ersten Jahr unter Rose mehr Aktivität gegen den Ball gelernt hatte, welches aber im Endeffekt immer noch künstlerisch wertvollen Fußball aus dem Ballbesitz oder einer Konterhaltung heraus besser beherrschte und auch lieber spielen wollte, als sich zur hoch anlaufenden Pressingmaschine umschulen zu lassen.  Auch bei einem Verkauf von Thuram und Zakaria im Sommer 2021 und zwei-drei Neuverpflichtungen hätte sich diese Grundcharakteristik nicht wesentlich geändert. Adi Hütter muss auch gewusst haben, dass sein Kader für ein Spiel mit Dreierkette gewisse Defizite aufweist und dass es – auch wenn Embolo das zuletzt herausragend gemacht hat – keinen typischen Mittelstürmer gibt.

Zwar ist nachvollziehbar, dass Hütter versucht hat, der Mannschaft seinen Stil zu vermitteln. Da aber – von Ausnahmespielen abgesehen – über weite Teile der Saison recht offensichtlich war, dass das Team damit fremdelt, stellt sich entweder die Frage nach der Vermittlungsqualität oder – wenn das vermitteln eher in ein „aufzwingen“ umgekippt sein sollte – die Frage danach, warum man nicht an irgendeinem Punkt verstanden hat, dass es so nicht funktioniert. An dem Punkt hätte man das System adaptieren können, ja müssen. Dies umso mehr, als gerade in der Rückrunde Fitnessdefizite bei der Mannschaft unübersehbar waren, die vielleicht auch gar nicht in der Lage war, das aufwendige Spiel entsprechend den Vorgaben des Trainerteams umzusetzen. Stattdessen hat man zunehmend passiv sein System durchgezogen, gepaart auch mit dem fast vollständigen Fehlen von Reaktionen während des Spiels, z.B. auf taktische Umstellungen oder auch nur Gegnerdruck in der Schlussphase.

Rätsel gibt des Weiteren der menschliche Umgang mit einigen Spielern auf. Ja, Matthias Ginter sollte im Winter verkauft werden und ab einem gewissen Zeitpunkt stand sein Abgang fest. Ja, Christoph Kramer hat nach einem Spiel ein kritisches Interview gegeben, in einem sachlichen Ton übrigens. Beide Spieler phasenweise ohne Not gar nicht mehr oder nur noch im absoluten Notfall einzusetzen, sie also für Vorgänge abzustrafen, die außerhalb des Platzes liegen, zeugt von wenig Souveränität im Trainerteam.

Am Ende steht eine Trennung, die folgerichtig und notwendig war.

Könnte man einen Wunsch an den Verein äußern, dann wäre es der, dass sich der Verein bei der Trainersuche wieder an der fußballerischen DNA orientiert, die Borussia Mönchengladbach seit 2011 stark gemacht hat. Dabei muss der neue Trainer nicht unbedingt Lucien Favre heißen. Es sollte aber jemand sein, der Wert auf eine gewisse Struktur legt, der Fußball als Spiel mit dem Ball begreift und der die Stärken und Schwächen des Teams erkennt und sich daran orientiert.


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