Der Rückrundenstart hat viele Borussenfans ernüchtert. Von vier Spielen hat das Team drei verloren, zumindest zwei der Niederlagen fallen in die Kategorie „völlig unnötig“. Der 5:1-Heimsieg gegen Bremen übertünchte die Probleme kurzzeitig, wenngleich auch dieses Spiel zwischenzeitlich aus heiterem Himmel zu kippen drohte. Man kommt angesichts der Ergebnisse und vor allem angesichts der Art, wie sie zustande gekommen sind, nicht umhin, zu konstatieren: Borussia hat ein Problem. Bezieht man die Entwicklung der Wochen vor der Winterpause mit ein, fragen sich inzwischen nicht wenige, ob dieses Problem wohl ein Trainerproblem sein könnte. Ist der „Schubert-Fußball“, der zunächst als der Weg aus der Krise galt, womöglich langfristig der Weg in dieselbe?

 

Das Derby gegen den 1.FC Köln war das letzte Spiel der Ära Favre, die 0:1-Niederlage in Müngersdorf löste bei Borussia ein Erdbeben aus. Der Erfolgstrainer, der aus einer grauen Maus einen Champions-League-Teilnehmer gemacht hatte, schmiss hin. Nun steht wieder ein Derby an, ähnliche Erschütterungen sind danach nicht zu erwarten und auch nicht zu wünschen, ganz egal, wie das Spiel ausgeht. Dass der Trainer in dieser Saison nicht mehr gewechselt wird, ist richtig und gut. Dass der Markt keine 1a-Lösungen hergibt, zeigte sich schon nach Favres Demission – was letzten Endes Grund für die Inthronisierung von André Schubert war.

Die klassische Trainerdiskussion sollte also nicht geführt werden, Unruhe dieser Art schadet Borussia nur. Vielmehr sollte und wird man sich im Verein Gedanken machen, ob „Schubert-Fußball“ tatsächlich das ist, was Borussia über die Saison hinaus auszeichnen sollte und ob man auf diese Weise mehr erreichen kann, als gelegentliche Kantersiege.

Rekapitulieren wir: der Absturz zu Beginn der Saison, das Ende der Ära Favre, ist weiterhin schwer erklärbar. Ohne Einblicke in das Innerste der Mannschaft ist kaum zu sagen, welche Maßnahmen zu welchen Effekten geführt haben. Hatte Favre sich mit dem Plan, sein System zu modifizieren, übernommen? Verlangte er zu viel von seinen Spielern? Darüber werden heute junge Borussenfans vermutlich noch in 30 Jahren beim Bier diskutieren, ohne eine befriedigende Antwort zu finden.

Tatsache ist: die Spiele danach waren nicht nur Balsam für die Seele, sie legten auch die Grundlage dafür, dass Borussia in dieser Saison zumindest keinen Abstiegskampf wird führen müssen. Hier spielte eine Mannschaft, die gelernt hatte, dass Kompaktheit und Disziplin im Defensivverhalten die Grundlage allen Erfolgs sind, aber plötzlich und auch für den Gegner überraschend mit neuen Freiheiten nach vorne ausgestattet war. Dieser Spagat gelang ein paar Wochen lang erstaunlich gut, wenngleich früh zu sehen war, dass die Stabilität hinten nicht mehr dieselbe war, wie zu Zeiten des Favreschen Planfußballs.

Der für alle sichtbare Bruch kam in Manchester – und zwar mitten im Spiel, irgendwann kurz nach der Halbzeit. Borussia gab das Spiel und damit die weitere Teilnahme am internationalen Geschäft noch aus der Hand. Seitdem ist das große „Schubi-Du“ vorbei. Kritische Geister wenden nicht ganz zu Unrecht ein, dass die Anzeichen schon vorher da waren, dass die Probleme schon früher zu sehen waren und z.B. das Unentschieden in Hoffenheim oder der Dusel-Sieg gegen Hannover zeigten, wo es hingehen würde. Dass aber nach Manchester die Kurve nach unten zeigt, werden nur beinharte Schubertisten dementieren. Die Niederlage in Leverkusen war ein Offenbarungseid, das Pokalaus gegen das vermeintliche Freilos Bremen vor allem für das Gesamtbefinden ein Tiefschlag, der Sieg gegen Darmstadt war so unverdient wie glücklich – und dann kam die Winterpause.

Hier nun würde André Schubert die Chance bekommen, der Mannschaft tatsächlich zu zeigen, wie er sich Fußball vorstellt. Die defensiven Defizite waren bis dahin auch dem letzten aufgefallen, die Erkenntnis, dass das von Schubert wortreich beworbene Spektakel nicht gleichbedeutend mit Erfolg ist, sickerte immer tiefer ins Bewusstsein. Auch der Trainer räumte ein, die Balance sei das, woran es nun zu arbeiten gelte, nachdem man ja wegen der Dreifachbelastung zuvor kaum je überhaupt mal eine normale Trainingseinheit hätte einschieben können. Nach einer Woche Belek dann monierte Schubert, dass diese Woche nur sieben Tage gehabt hätte. Viel zu kurz, um den Spielern beizubiegen, was er denn nun genau von ihnen erwartet.

Nun, hoffentlich hatte der Mann Recht. Denn wenn das, was die Mannschaft seither auf den Platz zaubert, der wirkliche „Schubert-Fußball“ ist, dann dürften sich internationale Auftritte für Borussia fortan wieder auf Freundschaftsspiele beschränken. Borussia weist konstant eine enorme Anfälligkeit in der Defensive auf. Dem Abwehrspiel ist jede Struktur genommen, die vielgerühmte „Kompaktheit“, Grundlage des Erfolgs der vergangenen Jahre, ist nicht mehr im Programm. Erwischt die Mannschaft offensiv einen guten Tag, kann sie das wettmachen. Dass das offenbar genau das ist, was ihm vorschwebt, machte Schubert einst mit seiner Aussage, er gewänne lieber 3:2 als 1:0 deutlich. Dass die Mannschaft aber nicht jeden Tag und schon gar nicht gegen jeden Gegner in der Lage ist, ein Offensivfeuerwerk abzubrennen, ist inzwischen klar. Das wiederum ist nicht Schubert anzulasten. Die individuelle Qualität der Spieler ist zwar hoch, aber eben nicht hoch genug, um jeden Gegner an die Wand zu wirbeln. Das können in der Liga bestenfalls Bayern und Dortmund, wo unter völlig anderen Voraussetzungen gewirtschaftet wird.

Begeben wir uns kurz in die Details: das Favre-System beruhte unter anderem auf einer sehr klaren Aufgabenverteilung, in der jeder Spieler wusste, was zu tun war und auch, was zu lassen war. In einem gewissen Maß machte das die Mannschaft bestenfalls sogar unabhängig davon, welche Spieler gerade zur Verfügung standen. Die Frage ist, ob es, von Kurzzeiteffekten abgesehen, zielführend ist, die Spieler tatsächlich mit mehr Freiheiten auszustatten. Dass dem Offensivdrang der Außenverteidiger kein Einhalt mehr geboten ist, hat zweifelsohne zu einigen auch spielentscheidenden Toren beigetragen. Es hat der Mannschaft aber auch eine Achillesferse beschert, die die gegnerischen Mannschaften zunehmend erkannt haben und ausnutzen. Mindestens genauso entscheidend ist, dass das defensive Mittelfeld zur Stabilität der Abwehr nicht mehr so viel beiträgt, wie früher. Die „Sechser“ setzen mehr offensive Akzente als vorher, die klassische Kärrnerarbeit des Lückenstopfens und Laufwegezustellens fällt dabei hinten über. Natürlich ist es maximal erfreulich, mit Granit Xhaka und Mo Dahoud zwei ausgesprochene Kreativspieler mit enormem fußballerischem Potenzial zu haben. Eine klassische Doppelsechs mit zumindest zu 50% stabilisierender Wirkung stellt dieses Duo aber nicht dar. Gerade Dahoud gefällt fast ausschließlich durch offensive Aktionen. Die Lobeshymnen, die nicht zu Unrecht nach dem Bremen-Spiel über den Jungstar gesungen wurde, bezogen sich allein auf seine Torvorbereitungen, sein Auge, seinen Tordrang. Was fehlt, ist ein Spieler, der die Rolle im defensiven Mittelfeld so interpretiert, wie vormals Roman Neustädter oder Christoph Kramer. Ein solches „Laufwunder mit Auge“ ist auch der immer solide Havard Nordtveit nicht. Der ist eigentlich Innenverteidiger, was er weiß, was sonst aber schon seit Jahren niemanden zu interessieren scheint.

Selbst Mannschaften vom Format des Hamburger SV haben gemerkt, wie einfach es ist, bei Borussia hinter die Abwehr zu kommen. Ein langer Ball, ein schneller Angriff und man steht allein oder umgeben von orientierungslos zurückgeeilten Abwehrspielern vor dem Tor.

Was nun also ist genau „Schubert-Fußball“? Wir wissen: Er will Spektakel, er will Tore, vorne mehr als hinten. Wir wissen: Er übersieht die defensiven Defizite nicht, will allerdings nicht die Abwehr zulasten der Offensive stärken, sondern die „Balance“ verbessern. Offen bleibt: Geht das? Die Möglichkeit, in Spieler zu investieren, die ein perfekt ausbalanciertes Spiel hinbekommen, die es der Mannschaft ermöglichen, sicher zu stehen und dennoch offensiv zu wirbeln, hat Borussia nicht und wird Borussia nie haben. Selbst in Dortmund ist die Defensive bisweilen löchrig. Bleibt Bayern München, mit denen sich zu messen allerdings vermessen wäre.

Es ist kein Zufall, dass an der Basis des Erfolgs, den Borussia seit 2011 hat, die Stabilität der Defensive stand. Die Defizite hatte Lucien Favre seinerzeit erkannt, sie hätte womöglich auch jeder andere gute Trainer erkannt und zu beheben versucht. Die Weisheit, von der Defensive, mit der man Meisterschaften gewinnt und der Offensive, die nur zum Gewinnen einzelner Spiele taugt, sie ist nicht ohne Grundlage – das ist selten so gut zu sehen gewesen, wie jetzt. Die Abkehr von der alten Spielidee, sie bedeutet Spektakel im positiven wie im negativen Sinn. Borussenspiele wären, setzt man den Weg des „Schubert-Fußballs“ fort, Quotenbringer beim neutralen Publikum. Auf der Sollseite stünde allerdings, dass Borussia den Weg, sich in der Spitze des deutschen Fußballs zu etablieren, wieder verlassen würde. Diese Entscheidung gilt es für diejenigen zu treffen, die das Schicksal des Vereins mittelfristig in ihren Händen haben – und die über die Besetzung des Trainerpostens entscheiden.

Es ist sinnlos, die Favre-Ära und den Namensgeber zu glorifizieren. Das ist vorbei. Stattdessen sollte man sich fragen, ob das System Favre womöglich gar nicht das war, was man auf Neufußballdeutsch „Philosophie“ nennt, sondern vielmehr Resultat einer pragmatischen – und mithin kopierbaren – Analyse des Vermögens der Mannschaft und des Vereins. André Schubert hat selbst durch Worte und Taten dafür gesorgt, dass sein Name mit einer völlig anderen Spielweise in Verbindung steht. Angesichts der jüngeren Entwicklung müssen sich die Entscheider fragen, ob diese Philosophie über die Saison hinaus zu Borussia passt, ob sie sich innerhalb der von Max Eberl einst beschriebenen „Leitplanken“ realisieren lässt.

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