Das Zwischenfazit am Jünter-Tag zwischen Vorprogramm und Anpfiff des Frankfurt-Spiels konnte sich sehen lassen: Scharen gutgelaunter Besucher jeglichen Alters, Vorfreude nach zuletzt guten Leistungen und bestes Spätsommerwetter; alles war perfekt und versprach eine gelungene Fortsetzung in der Familienkurve, zu der die gesamte Südkurve umfunktioniert war. Mancher Knirps erlebte erstmals ein Fußballspiel im Stadion und befand sich gegen 15.30 h in einem Zustand, der nur durch ein allerdings unwahrscheinliches Zusammenfallen von Weihnachten und Ostern hätte übertroffen werden können. Dann freilich mutierte der Jünter-Tag zum Stümpertag, und mancher Erziehungsberechtigte eines Nachwuchs-Borussen mit noch formbarem Fußballgeist fragte sich, wie es zu verhindern sei, auf einmal einen Frankfurt-Fan mit nach Hause zu nehmen. 


Nun, krisengestählte Eltern verfügen nicht nur über Nerven wie Stahlseile, sondern auch ein ausgeklügeltes Instrumentarium, das eine Niederlage (um nicht zu sagen: Debakel) in einen moralischen Sieg verwandelt. Und so erhielten die Kleinen eine Lehrstunde nach dem Motto "Siehst Du schon keinen Fußball, kannst Du wenigstens etwas über das Leben lernen". Lektionen gab es ja so einige.

Zum ersten wäre da die eigene Mannschaft. Du kannst Ruhe im Karton haben nach zuletzt guten Leistungen, für die es zurecht höchstes Lob gab, einen keineswegs übermächtigen Gegner vorgesetzt bekommen und eine schwarz-weiß-grüne Mauer der Unterstützung hinter Dir wissen, wenn die Einstellung nicht stimmt, verlierst Du trotzdem. Einsatz, Phantasie, Selbstvertrauen und Wagemut blieben nicht einmal Spurenelemente, und so folgte die Strafe auf dem Fuß, weil die Hausaufgaben nicht gemacht waren. Das ist ebenso zwangsläufig wie verdient. Gleichzeitig muß man es nicht übermäßig dramatisieren, schließlich kann man solche Fehler abstellen. Außerdem ist es ja irgendwo tröstlich, daß sich Leistung gegen Nicht-Leistung durchsetzt, gerade wenn dieser Satz zu Hause täglich dutzendfach gepredigt wird.

Eine weitere, vielleicht noch wichtigere Lehre ergab sich aus dem Verhalten des keineswegs Unparteiischen: Nicht in jeder Uniform steckt auch eine aufrechte Gesinnung. Was im normalen Leben ohnehin für Polizisten, Pfaffen und weitere Miniatur-Potentaten gilt, exemplifizierte der Pfeifenmann für seinen Stand par excellence. Der Schiedsrichter überzeugte durch eine bemerkenswerte Mischung aus Kleingeist, Einseitigkeit und fahrigem Habitus, was wir pädagogisch gleich wunderbar nutzen konnten: Gut, daß bereits kleine Kinder lernen, daß Rückgratlosigkeit im Amt eine Sekundärtugend ist, die besonders in solchen Organisationen ausgeprägt ist, in denen der Fisch vom Kopfe her stinkt. Als positiver Nebeneffekt kam hinzu, daß der Familienblock sich als fruchtbarer Nährboden für Vokabular darstellte, das etwa im Straßenverkehr unweigerlich von praktischem Nutzen sein wird.

Die dritte Lektion steht uns hoffentlich noch bevor: daß man nur dann wirklich blöd ist, wenn man denselben Fehler zweimal macht. Und so vermittelten die Großen den Kleinen, die überraschenderweise nach dem Spiel immer noch darauf bestanden, den Borussia-Schal aus dem Autofenster wehen zu lassen, anstatt hessisches Volksliedgut zu trällern, daß die Mannschaft mit besserer Einstellung beim nächsten Mal viiiiiiiel besser spielen wird. Und so werden viele von den Kleinen, deren Samstag durch Jünter zunächst so schön begann, bevor die Stümper ihn besudelten, gegen St. Pauli vielleicht wieder erwartungsfroh im Stadion sein. Sollen sie auf Dauer Borussen werden, müssen dann aber die Tore auf der richtigen Seite fallen.