Borussia pendelt in der Rückrunde zwischen den Extremen: Starken Heimauftritten gegen Bremen, Stuttgart, Frankfurt, Hertha BSC und nun auch Hoffenheim stehen schwache oder mit Blackouts durchsetzte Auswärtsspiele in Mainz, Hamburg, Augsburg, Wolfsburg, Ingolstadt und Hannover gegenüber. Einzig der etwas mühsame Sieg gegen Köln und das überlegen geführte, aber unglücklich verlorene Spiel auf Schalke fallen aus diesem Rahmen. Es gibt also momentan kaum Grautöne, sondern viel Weiß und leider auch sehr viel Schwarz. Das spiegelt sich auch bei einem Blick auf die Tabelle wider – Borussia ist gemeinsam mit Bayern die Mannschaft, die die wenigsten Unentschieden erreicht. Hätte man also nur zwei oder drei der verlorenen Auswärtsspiele mit einem langweiligen 1:1 abgeschlossen, wäre die Ausgangssituation deutlich besser. Stattdessen hat sich das Temperament der Mannschaft in eine Richtung verändert, wo scheinbar nur noch „himmelhoch jauchzend“ oder „zu Tode betrübt“ funktionieren.

Ähnlich extrem ist die mediale Verarbeitung dieser Wechselhaftigkeit. Nach Siegen wird gern darüber fabuliert, dass sich „Gladbach auf dem Weg in die Champions League“ befinde und „sich durch nichts beirren“ lasse. In den sozialen Netzwerken wird Borussia dann zur „dritten Kraft der Bundesliga“ hochgeschrieben. Folgt jedoch am nächsten Spieltag die erneute Auswärtsniederlage, steht vermeintlich die Erfolgsgeschichte Borussias in Gänze auf dem Spiel. Es stellt sich die Frage nach der Zukunft des Trainers und einige Wenige machen sich verbal gar auf den Weg in die Garage, um Bettlaken mit der Forderung nach Max Eberls Entlassung zu bemalen.

Ein wenig mehr Nüchternheit in beide Richtungen täte gut. Und so macht sich leichtes Unbehagen breit, wenn man Zitate über das „grandiose Spiel“ gegen Hoffenheim liest, das Ganze verbunden mit der Ansage „nicht nach München zu fahren, um zur Meisterschaft zu gratulieren“. So schön und wichtig der Sieg gegen Hoffenheim ist – der Verlauf und Ausgang dieses Spiels sagt nichts über die Aussichten in München und erst recht nichts über die Aussichten für den Verlauf der restlichen Saison aus.

Man hat mit dem Sieg gegen Hoffenheim eine handfeste Krise verhindert und damit mutmaßlich eine Menge medialen Drucks vermieden – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Man hat zum wiederholten Mal einen Gegner aus der unteren Tabellenhälfte daheim deutlich beherrscht und deutlich besiegt – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Positiv hängen bleibt von diesem Spiel vor allem die geschlossene Mannschaftsleistung, bei der eigentlich nur Nico Elvedi abfiel.  Aus dieser Mannschaftsleistung ragten Granit Xhaka und Mahmoud Dahoud heraus, die im Mittelfeld über weite Strecken des Spiels defensiv alles im Griff hatten und zudem deutlich zeigten, warum sie auch offensiv eines der stärksten Sechserpaare der Bundesliga bilden. Stark auch die Leistung von André Hahn, der wieder voll da zu sein scheint, und von Ibrahima Traoré, der auch in der Defensivarbeit überzeugen konnte (das aber auch musste, weil er sich mehrfach als Rechtsverteidiger vorfand).

Es sind aber auch einige Punkte anzusprechen, die nachdenklich machen: Zuerst zu nennen ist da die Chancenverwertung. Trotz aller Überlegenheit und aller Schönheit des Spiels hat man bei kritischer Auslegung aller strittigen Szenen kein einziges reguläres Tor geschossen und eine Vielzahl von Chancen vergeben. Man hat aber auch dem Gegner eine ordentliche Anzahl von Chancen gestattet, die dieser ebenfalls nicht genutzt hat. Negativ fiel hier vor allem Nico Elvedi auf, nicht nur wegen des Fehlers vor dem Gegentor (bei dem er allerdings von zwei Gegenspielern angelaufen wurde und bei dem sich auch Christensen fragen lassen muss, warum er Elvedi mit dem kurzen Ball in Bedrängnis bringt, statt zu Sommer zurück zu spielen). Viel eher deshalb, weil mehrere dieser Nachlässigkeiten über das ganze Spiel verteilt passierten und weil Elvedi durch sein Stellungsspiel (z.B. seine starke Tendenz zum Einrücken auf eine Sechser-Position bei eigenem Ballbesitz) auf seiner Seite unglaublich viel Raum anbot, den der Gegner bei Kontern hätte nutzen können. Bringt man also das Ergebnis wieder auf Normalmaß, war es nur ein klarer Sieg gegen ein Team, das nicht zu Unrecht gegen den Abstieg kämpft - nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

So stellt sich der Erfolg über Hoffenheim als zweifellos schöne Momentaufnahme dar, jedoch nicht zwingend als Anlass für eine euphorische Herangehensweise an das Spiel gegen die Bayern und den Rest der Saison. Klar ist, dass das Team am kommenden Wochenende nicht erneut in dieser Anzahl Chancen bekommen wird. Klar ist auch, dass die gezeigte Defensivleistung gegen Spieler der Kategorie Ribery und Müller nicht reichen wird. Auch werden Xhaka und Dahoud nicht wieder eine solche Dominanz im Mittelfeld erreichen wie gegen Hoffenheim.   Gegen Bayern braucht es deshalb einen anderen Matchplan. Schließlich sollte man sich weder auf Neuers Gladbach-Trauma noch darauf verlassen, dass die Bayern wie in der Hinrunde nach dem ersten Gegentor auseinanderfallen.

Als Fazit vom Wochenende bleibt trotz der zuletzt angesprochenen kritischen Punkte in erster Linie Gelassenheit. Gelassenheit vor allem darüber, dass Borussia auch in einer Saison mit derart extremen Ausschlägen der Formkurve, wie wir sie dieses Jahr erlebt haben, recht sicher das internationale Geschäft erreichen wird. Das sind Perspektiven, die jeden, der die Möglichkeiten des Vereins realistisch einschätzt, nur erfreuen können.


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