Betrachtet man die Ausgangssituation vor dem vermutlich zunächst einmal letzten Champions-League-Heimspiel, scheint diese klar: Der Tabellendreizehnte aus Deutschland – seit 6 Ligaspielen sieglos -  trifft auf den Tabellendritten aus England. Die Elf vom Niederrhein – nach dem Abgang von Xhaka, Stranzl, Brouwers und Nordtveit nur maßvoll ergänzt und durch Formschwankungen und Verletzungen einiger anderer Akteure geschwächt – trifft auf die mit unermesslichen finanziellen Mitteln aufgebaute Weltauswahl aus Manchester. Der auf diesem Niveau noch unerfahrene Trainer Schubert – zuvor in Paderborn, St. Pauli und bei der U15 des DFB tätig – trifft auf den Welttrainer Guardiola, der vermutlich beim Durchzählen seiner Titel selbst schon den Überblick verloren hat. Konkurrenzfähig ist auf Gladbacher Seite eigentlich nur die Stimmung im Stadion.

Die Ausgangslage eignet sich also hervorragend für eine David-gegen-Goliath-Erzählung und wenn nicht der eine von zehn Fällen eintritt, in denen David gewinnt, kann man bereits jetzt prognostizieren, wie die erwartbare Niederlage von Borussias Verantwortlichen kommentiert werden wird: „Wir sind ein kleiner Klub. Wir müssen sehen, wo wir herkommen. Gegen diesen übermächtigen Gegner war leider nicht mehr drin. Wir konnten nicht erwarten, ausgerechnet heute den Bock umzustoßen.“  

Auch im Umfeld des Vereins werden legen erste Stimmen nahe, das heutige Spiel eher nebenher mitzunehmen und sich auf die Bundesliga und die Bewältigung der dort entstandenen Krise zu konzentrieren.

So zutreffend diese Argumentation klingt, so gefährlich ist sie. Kein Sportler (sei er Profi oder nicht), der einen Funken Ehrgeiz hat, wird mit der Einstellung in einen Wettkampf gehen, nur den Schaden in Grenzen zu halten. Selbst wenn man also durch Rotation und entsprechende taktische Vorgaben heute versuchen sollte, Kräfte für die Bundesliga zu schonen: Die Chance  ist sehr groß, dass alle diese Vorsätze beim kickenden Personal mit Abspielen der Champions-League Hymne oder spätestens beim Anpfiff vergessen sind. Auch für die Fans wäre das ein verheerendes Signal. Zudem würde jedenfalls eine hohe Niederlage die bereits vorhandene Negativspirale noch verstärken. Und schließlich lässt die Tabellensituation in der Champions League einen Auftritt mit gebremstem Schaum einfach nicht zu: Gelingt heute ein Punktgewinn oder gar ein Sieg und verliert Celtic gegen Barcelona, ist das Überwintern in Europa sicher. Anderenfalls droht am letzten Spieltag ein Endspiel in Barcelona, während Celtic parallel gegen den in diesem Fall bereits sicher für das Achtelfinale qualifizierten Verein aus Manchester antreten muss. Ein solches Szenario braucht niemand.

Deshalb heißt es heute alles in die Waagschale zu werfen, um den Abend erfolgreich zu gestalten und dadurch etwas Euphorie mit in das nächste Bundesligaspiel gegen Hoffenheim nehmen zu können. Die Bedeutung eines Stimmungsumschwungs würde evtl. zusätzlich angegriffene Kraftreserven deutlich überwiegen.

Bei näherer Betrachtung der Formkurve von Manchester City wird klar, dass auch dieser Gegner nicht unverwundbar ist: Zwar hat man in den letzten 10 Spielen nur gegen Tottenham, Barcelona und Manchester United verloren, also nur gegen absolute Spitzenteams. Und natürlich zeigt der Heimsieg gegen Barcelona, welches Potential unser heutiger Gegner hat. Andererseits stehen den Pflichtsiegen gegen West Bromwich Albion und Crystal Palace auch Unentschieden gegen Celtic, Everton, Southampton und Middlesbrough gegenüber, also Punktverluste gegen Teams, gegenüber denen sich Borussia sicherlich mindestens auf Augenhöhe sieht.

Mit welchem Personal und mit welchem System Trainer Schubert und die Mannschaft diese Aufgabe angehen, ist wie immer ungewiss. Sicher ist, dass neben den bekannten Langzeitverletzten Kramer und Korb jeweils gesperrt fehlen. Sicher ist auch, dass das Anstreben von Dominanz und totale Offensive gegen diesen Gegner das vollkommen falsche Rezept sein wird. Spieler wie Sergio Aguero, aber vor allem Raheem Sterling oder auch Leroy Sané würden sich über die dadurch entstehenden Räume in der Gladbacher Abwehr sicher freuen und diese auch deutlich brutaler ausnutzen als dies den Vertretern des 1. FC Köln am vergangenen Wochenende gelungen ist. Insofern ist Borussia anzuraten – um auf eine andere bekannte Gladbacher Sprechblase zurückzukommen – kompakt zu stehen und zu versuchen, über schnelle Gegenstöße zum Erfolg zu kommen.

Auf der anderen Seite fallen mit Vincent Kompany und Pablo Zabaleta durchaus wichtige Defensivspieler aus. Darüber hinaus wurde Yaya Touré zwar zuletzt in der Premier League wieder eingesetzt, ist aber nicht für die Champions League gemeldet und damit nicht spielberechtigt. Trotzdem verfügt Manchester City natürlich immer noch über einen luxuriösen Kader und ist damit klarer Favorit für das heutige Spiel. Dass sich Gladbach in der Krise befindet und wo hier der Schuh drückt, hat sich auch bis nach Manchester herumgesprochen. Das zeigt ein auf der offiziellen Homepage veröffentlichtes Interview, in dem die Probleme von Borussia ganz gut auf den Punkt gebracht werden: „They’ve been attacking without much responsibility at the back, is the diplomatic way to phrase it." (Das komplette Interview findet sich hier: https://www.mancity.com/news/first-team/2016/11/22/borussia-monchengladbach-man-city-schubert-guardiola-stindl/1479821688937)

Bleibt zu hoffen, dass genau das heute Abend nicht passiert und dass die gegensätzliche Situation beider Vereine dem Gegner genau den Schuss Siegessicherheit zuviel verleiht, bei dem das üblicherweise nach hinten losgeht.

 

Denkbare Aufstellungen:

Borussia: Sommer – Wendt, Christensen, Vestergaard, Elvedi – Strobl, Dahoud – Hazard, Stindl, Raffael - Hahn

Trainer: Schubert

City: Bravo - Clichy, Stones, Otamendi, Kolarov - Fernando - Silva, De Bruyne, Gündogan, Sterling - Aguero

Trainer: Guardiola

 

Der Seitenwahl-Tipp:

Uwe Pirl: Realistisch betrachtet wird das Spiel ein Spiegelbild des Matches gegen Köln. Borussia beginnt stark, auch begünstigt dadurch, dass City zu siegessicher agiert. Ein kurzer Zwischenspurt der Gäste reicht jedoch, um alles in die gewohnten Bahnen zu lenken. 1:3 gegen Borussia.

Christian Spoo: Hört Euch diese Hymne gut an. Er wird das letzte Mal für lange Zeit sein, dass sie im Borussia-Park erklingt. Davon abgesehen wird es ein schwarzer Abend für Borussia. Manchester City setzt sich souverän mit 4:1 durch.

Volkhard Patten: Nach einer rauschenden Ballnacht und einem 3:1-Sieg wird Borussia als Gruppendritter in Europa überwintern. Und wer weiß: Vielleicht gibt es ja sogar Nachschlag in der Champions League?

Claus-Dieter Mayer: Während Pep Guardiolas Mannen den zweiten Gruppenplatz schon sicher wähnen und sich dementsprechend etwas zurückhalten, merkt man der Borussia den Willen an das heimische Publikum für die Derby-Blamage zu entschädigen. Mit dem letztendlichen 1:1 gelingt den Gladbachern zumindest ein Achtungserfolg, der auch den dritten Gruppenplatz endgültig sicherstellt.

Thomas Häcki: Die Niederlage ist wenig überraschend. Erschreckend ist aber, wie sich das Team beim 0:3 chancenlos zeigt und sich schließlich förmlich ergibt.

Michael Heinen: Schon in Topform wäre es für Borussia nicht leicht, gegen Manchester zu bestehen. In der aktuellen Situation wäre alles andere als eine Niederlage überraschend. Borussia schlägt sich zwar wacker, wird aber auch mit 0:2 geschlagen.


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