Der kürzeste Weg nach Europa - so wird der DFB-Pokal in jüngster Zeit gerne bezeichnet. Der Wert des Wettbewerbs bemisst sich für die Bundesligavereine und wohl auch viele ihrer Anhänger nur mehr danach, ob er den Weg zu den (vergleichsweise mager gefüllten) Fleischtöpfen der Europa-League ermöglicht. In der Tat ist für Borussia in dieser Saison wohl der Gewinn des Pokals die realistischste Möglichkeit, in der kommenden Spielzeit international dabei zu sein, wengleich die Chance in der Liga nach Lage der Dinge noch nicht ganz vergeben ist. Dennoch: Früher war mehr Pokalfieber. Dass der Gewinn des DFB-Pokals gefühlt ähnlich viel wert ist, wie der der Deutschen Meisterschaft ist lange her. Der Hype um den internationalen Fußball hat den Wettbewerb schleichend entwertet. Von daher steht beim heutigen Viertelfinalspiel der Borussia in Hamburg weniger der mögliche Weg nach Berlin sondern der nach Kopenhagen, Mailand oder Wladiwostok im Zentrum. Aber vor solche Gedanken hat der liebe Gott den HSV gesetzt. Und der ist in diesen Tagen extrem schwer auszurechnen.

Was ist das Gegenteil eines Kantersiegs? Eine Kanterniederlage? Wie auch immer, das 0:8 bei Bayern München dürfte dem Hamburger SV auch vier Tage danach noch in den Knochen sitzen. Völlig indisponiert präsentierte sich die Mannschaft von Markus Gisdol beim Rekordmeister. Der HSV steht mal wieder auf dem Relegationsplatz, das eigene Selbstverständnis als Dino der Bundesliga ist einmal mehr herausgefordert, wie so oft in den vergangenen Jahren. Allerdings haben die Hamburger in diesem Jahr durchaus schon bemerkenswerte Erfolge gefeiert: bei RB Leipzig muss man erst einmal gewinnen, andere schaffen das nicht einmal zuhause. Auch die Siege gegen Leverkusen und im Pokal gegen Köln sollten Borussia Warnung sein, dass der HSV auch zum jetzigen Zeitpunkt keine leichte Beute sein muss.

Im Vergleich zum Bayern-Debakel kann Markus Gisdol wieder auf Kyriakos Papadopoulos zurückgreifen. Der bullige Verteidiger dürfte der Hintermannschaft zu mehr Stabilität verhelfen. Der in München bemitleidenswert schlechte Djourou dürfte für ihn aus der Mannschaft rutschen. Offensiv hat der HSV ohnehin kein Qualitätsproblem. Nicolai Müller, Michael Gregoritsch und Filip Kostic oder auch Bobby Wood und Aaron Hunt können die Gladbacher Abwehr an einem guten Tag schon sehr stark beschäftigen, einige von ihnen haben - wenn auch nicht unbedingt im HSV-Trikot - die Gladbacher auch in der Vergangenheit schon mehrfach ziemlich geärgert. Dennoch: Eine 0:8-Niederlage dürfte eine Mannschaft nicht einfach so aus dem Gedächtnis tilgen können. Presseberichten zufolge suchten in den vergangenen Tagen mehrere HSV-Spieler den Teampsychologen auf, um die bösen Geister von München zu vertreiben. Und auch Markus Gisdol pfeift laut im Walde, wenn er den Pokal als Chance bezeichnet, ohne Tabellendruck und fernab von Alltagsstress zurück zu alter Stärke zu finden. Immerhin gab Borussia nach einem 0:8 des HSV in München schon einmal den Aufbaugegner. In der vorletzten Saison gab es die gleiche Konstellation - allerdings war es damals ein Bundesligaspiel, bei dem Borussia nur durch einen Hrgota-Treffer in letzter Sekunde eine Niederlage verhindern konnte.

Dieser Hrgota steht schon jetzt im DFB-Pokal-Halbfinale. Sein neuer Verein Eintracht Frankfurt hat das als erstes Team erreicht. Borussia will folgen, einen klassischen "Knipser", wie Hrgota es war, hat man zur Zeit aber nicht im Kader. Das Fehlen eines "echten" Stürmers wurde zuletzt mehrfach beklagt, vor allem in den Spielen, in denen Borussia an der eigenen Abschlussschwäche scheiterte - also in den Heimspielen gegen Florenz und Leipzig. Die Rolle des Torjägers übernimmt stattdessen Lars Stindl, der freilich kein Strafraumstürmer im eigentlichen Sinn ist. Auf dem Kapitän ruhen aber heute auch heute Abend große Hoffnungen, noch mehr gilt das für Raffael, der in Ingolstadt ein erfolgreiches Kurzcomeback feierte und den Assist zum entscheidenden 2:0 lieferte. Ob das Sturmduo in Hamburg Raffael/Stindl heißen wird, ist noch nicht sicher. In Sachen Aufstellung wollte Trainer Dieter Hecking Wechsel im Vergleich zum Ingolstadt-Spiel nicht ausschließen aber auch nicht zusichern. Viel spricht aber dafür, dass Raffael anstelle des unglücklich agierenden Josip Drmic beginnt. In der Zentrale könnte sich Hecking für Mo Dahoud und damit für mehr Kreativität anstelle des soliden aber wenig inspirierten Tobi Strobl entscheiden. Viel mehr Anlass zum Tauschen besteht nicht, Patrick Herrmann dürfte auf einen Einsatz brennen, aber Fabian Johnson machte auf der rechten Außenposition ein gutes Spiel.

Mögliche Aufstellung:

HSV: Adler - Sakai, Mavraj, Papadopoulos, Ostrzolek - Walace, Jung - Müller, Holtby, Kostic -Wood

Borussia: Sommer - Jantschke, Christensen, Vestergaard, Wendt - Kramer, Dahoud - Johnson, Hofmann - Stindl, Raffael

SEITENWAHL-Prognose

Claus-Dieter Mayer: “Das Spiel lebt von der Spannung” vermeldet der Kommentator mitte der zweiten Halbzeit, der bekannte Euphemismus für einen Grottenkick, den mit einer einzigen guten Aktion letztendlich die Borussia mit 1:0 für sich entscheidet. Egal, Hauptsache weiter!

Michael Heinen: Der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Daher spielt der HSV dort wieder deutlich besser als noch am vergangenen Samstag. Es wird für Borussia eine ganze Menge Arbeit, um sich in der Verlängerung mit 2:1 durchzusetzen und im Halbfinale auf die Bayern zu treffen.

Uwe Pirl: 8:0 wird's vermutlich nicht ausgehen. Dennoch: Borussia gewinnt 2:1 in Hamburg und kommt eine Runde weiter.

Thomas Häcki: Wenn die Redaktion (zu) positiv gestimmt ist, ist Mißtrauen angesagt. Zumal der HSV nach den traditionellen Klatschen bei den Bayern im Anschluss stets enge Heimspiele lieferte. Und so wird das Elfmeterschiessen entscheiden, welches die Borussia ja traditionell nicht kann. 3:4 n.E.

Christian Spoo: Was erlaube Häcki? Borussia braucht kein Elfmeterschießen, um gegen den HSV auszuscheiden. Eine zu laxe Herangehensweise und eine erneut lausige Chancenverwertung sorgen für ein 0:1 nach 90 Minuten. Europa muss man sich verdienen.


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