Eins steht außer Frage: Borussia hat den Bundesliga-Auftakt gehörig verbockt. Dass Lucien Favre an diesem Sonntag anstatt des obligatorischen Auslaufens ein ordentliches Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit angesetzt hat, verdeutlicht den gehörigen Verbesserungsbedarf, den auch der Coach erkannt hat. 8 Tage hat er nunmehr Zeit, die erforderlichen Korrekturen einzuleiten. Ein Luxus, den er in den kommenden Monaten nicht mehr allzu häufig wird genießen dürfen.

So ärgerlich die Niederlage gewesen ist: In Dortmund zu verlieren war keine so große Sensation. 9 Niederlagen aus den letzten 10 Spielen sind kein Zufall. Selbst im vergangenen Jahr waren die Borussen viel zu passiv aufgetreten und letztlich chancenlos gegen einen übermächtig scheinenden Gegner, der damals in der Tabelle weit schlechter platziert war. Damals scheiterten die Westfalen an der mangelhaften Chancenverwertung und an einem überragenden Yann Sommer, der einige unhaltbare Bälle vor dem Netzeinschlag bewahrte. Dass ihm dies gestern nicht gelang, sollte ihm nicht wirklich vorgehalten werden. Selbst das strittige 0:1 ins kurze Torwarteck war dermaßen hart aus kurzer Entfernung geschossen worden, dass dem Schweizer Keeper noch die geringste Schuld an der Niederlage gegeben werden kann.

Die Feldspieler hingegen versagten im Kollektiv. Lucien Favre beschrieb es im Sommer noch so, dass schon eine einzige verdorbene Zutat den gesamten Kuchen ungenießbar machen kann. Am Samstag waren es diverse Zutaten, die nicht schmeckten und so die defensive Stabilität zum Einsturz brachten, die so elementar wichtig ist für das Spiel der Fohlenelf. Die Unsicherheit der Innenverteidigung war nur ein Faktor, der zu bemängeln ist. Schwerwiegender erscheint, dass selbst die defensiven Führungsspieler wie Jantschke und Xhaka desolat verteidigten. Jantschke wies leider nach, dass er eher kein Abwehrchef ist. Schon in der Vergangenheit spielte er regelmäßig besser an der Seite eines erfahrenen Abwehrstrategen. Xhaka wiederum konnte die defensivere Rolle der Doppel-6 überhaupt nicht ausfüllen. Seine Stärken liegen in der gestaltenden Rolle. Mit dem Arbeitstier Christoph Kramer passte die Abstimmung perfekt. Das Wechselspiel mit Stindl bedarf hingegen noch einiger Anpassungen. Zur Erinnerung: Auch mit Havard Nordtveit tat sich Xhaka lange Zeit schwer. Erst in der vergangenen Saison klappte es mit den beiden etwas besser, wenngleich sie immer noch weit von den Leistungen des Duos Kramer/Xhaka entfernt waren.

Borussia wäre gut beraten gewesen, auf dieser Position über eine echte Verstärkung nachzudenken, da die Doppelsechs der wichtigste Bereich im modernen Fußball ist. Stindl hatte in Hannover schon stets in offensiverer Rolle zu gefallen gewusst und passt somit nicht wirklich in die Rolle des Kramer-Nachfolgers. Ob Mo Dahoud dafür schon weit genug ist, wird sich zeigen. Wenn nicht jetzt, dann wird es ihm vermutlich nie mehr gelingen. Es verwundert, dass er im Vorjahr nicht einmal bei der U23 eine tragende Rolle einnehmen konnte und er im Sommer nicht zur U19-EM eingeladen wurde. Favre scheint trotzdem sehr viel von ihm zu halten. Dahoud wird dieses Vertrauen in den kommenden Wochen und Monaten rechfertigen müssen. Das Spiel gestern, das er zunächst von der Bank aus verfolgen musste, wird seine Einsatzchancen nicht vermindert haben.

Doch die Defensive lässt sich nicht nur an der Viererkette und Doppelsechs festmachen. Auch ein Traoré ist bei all seiner offensiven Brillanz nicht gerade für überragende Defensivarbeit bekannt, was er gestern einmal mehr unterstrich. Der defensiv sonst so solide Fabian Johnson war gleichfalls völlig neben der Spur. Und Drmic wirkte wie schon auf St. Pauli wie ein Fremdkörper, der auf völlig verlorenem Posten steht. Favre hat mehrfach betont, dass er Zeit braucht, um sich ins Borussen-System einzufinden. Vielleicht wäre es sinnvoller, wenn ihm diese Zeit geboten würde. Ein Startelfeinsatz in einer so undankbaren Begegnung wie in Dortmund war vielleicht nicht gerade der optimale Einstieg in seine Gladbacher Bundesligazeit.

Zwangsläufig aufkommende Vergleiche mit Luuk de Jong sollten aber nicht übertrieben werden. Im Gegensatz zum Holländer war Drmic ein Wunschtransfer des Trainers, der bewusst einen torgefährlichen Strafraumstürmer verlangte. Favre wird gewusst haben, dass dies einer Abkehr vom so erfolgreichen System der Vorsaison gleichkommt. Wie weit er bereit ist, für Drmic sein Konzept anzupassen und wie sich der Schweizer Stürmer in dieses wird einfügen können, wird nicht unwesentlichen Einfluss auf den Saisonerfolg von Borussia haben.

Im Gegensatz zur vergangenen Saison, als Borussia das altbewährte System nur marginal anpassen musste, bedarf es also in dieser Spielzeit mal wieder einer Neuausrichtung. Vergleichbar ist die Situation daher mit der Saison 2012/13 als mit Reus und Neustädter ebenfalls der beste Angreifer und der defensive 6er wegbrachen sowie mit Dante der Abwehrchef nicht länger zur Verfügung stand. Genauso steht Borussia aktuell ohne Kramer, Kruse und (hoffentlich nur temporär) Stranzl dar. 2012 führte dies ebenfalls zu einem holprigen Saisonstart, der den Verein um die Champions League Gruppenphase brachte und in der Liga 6 Punkte aus den ersten 6 Partien bescherte. Damals gab es unter Favre übrigens schon einmal eine Klatsche in Dortmund, die mit 0:5 sogar noch deftiger ausfiel.

Eine einzelne Niederlage, so deftig diese ausgefallen sein mag, ist somit noch lange nicht als Weltuntergang zu sehen. Ein Sieg gegen Mainz in der kommenden Woche wäre jetzt umso wichtiger, um nicht direkt den Anschluss nach oben zu verlieren. Aber im Vorjahr waren es nach 2 Spieltagen auch erst 2 Punkte, ehe im 3. Spiel mit dem 4:1 über Schalke der Bock umgestoßen wurde.

Lucien Favre hat also als Borussen-Trainer schon einige ähnlich schwierige Herausforderungen gemeistert und mehrfach nachgewiesen, dass er in allen Lagen ein tragfähiges Konzept auf die Beine stellen kann. Mag sein, dass es - so wie 2012 - noch ein paar Spiele dauert, ehe es steht. Und es mag sein, dass diese Saison deshalb nicht ganz so überragend ablaufen wird wie die vorherige. Für vorschnelle Urteile und Horrorszenarien ist es aber viel zu früh nach nur einer Partie bei einem Gegner, der über einen doppelt so hohen Gehaltsetat verfügt und in guter Form jeden Bundesligisten zu überrollen in der Lage ist.