Dortmund 09Man hofft, dass sie intern anders reden. Schonungslose Analyse untereinander, aber nach außen Ruhe demonstrieren - das wäre nicht die schlechteste Strategie. Sorgen müsste man sich machen, wenn Außen und Innen einander entsprächen. Wenn Max Eberl auch intern nur von individuellen Fehlern spräche, die zu drei Gegentreffern geführt hätten. Und davon, dass man nur das Spiel in Leverkusen hinaus rechnen und strikt zwischen Wettbewerben trennen müsse, dann sei die Statistik doch schon viel freundlicher.

Man hofft, dass er intern anders redet. Denn an dem, was er nach außen sagt, ist ein bisschen Wahrheit und viel Beschwichtigung. Der Hinweis auf die individuellen Fehler geht am Kern des Problems vorbei. Er ist letztlich auch eine Banalität: Fallen überhaupt jemals Gegentore, ohne dass ihnen mindestens ein individueller Fehler vorangegangen wäre? Fehler lassen sich verringern, mehr nicht, in einer derart jungen Mannschaft erst recht nicht. Entscheidend ist, mit welcher Wahrscheinlichkeit Fehler zu Gegentoren führen. Ist sie hoch, dann hat die Spielweise zu wenig von dem, was Techniker die Fehlertoleranz eines Systems nennen.

Diese wiederum kann in verschiedene Stufen unterteilt werden. Die Stufen „go“ und „fail operational“ sind jeden Technikers Traum: Das System läuft nach dem Fehler praktisch unverändert („go“) oder ohne nennenswerte Leistungsverminderung („fail operational“) weiter. Nicht ganz so schön, aber Dortmund Torjubelwenn es nicht gerade um Kernkraftwerke oder Herz-Lungen-Maschinen auf Intensivstationen geht, zu verschmerzen ist „fail soft“: spürbar verminderte Leistung, aber intakter Systembetrieb. „Fail-safe“ ist unschön: Hier ist gerade mal die Systemsicherheit gewährleistet, sonst geht nicht mehr viel. Bleibt „fail-unsafe“, definiert als Zustand unvorhersehbaren Systemverhaltens. Das ist Borussia.

Obwohl: unvorhersehbar? Unvorhersehbar war für den Gegner allenfalls, wann und wo sich welche Lücken auftun würden. Die Unordnung hatte wenig System. Dass sich Lücken bieten würden aber war vorhersehbar. Und dass eine Mannschaft mit einer Sturmreihe dieser Qualität die eine oder andere davon nutzen würde, war es auch. Aus eben diesem Umstand, der besonderen Stärke des Gegners versucht manch einer Hoffnung zu schöpfen: Gegen andere Teams würde es glimpflicher ausgehen. Möglich. Aber ist eine Spielanlage gut gewählt, die auf schlampige Chancenverwertung des Gegners als stabilisierendes Moment setzen muss?

Auch Eberls Argument, man solle bei der Bewertung doch bitte die Wettbewerbe nicht vermischen und allein bei der Bundesliga bleiben, überzeugt nicht. Testspiele sind Sonderfälle, Ort auch für wilde Experimente, das Ergebnis unwichtig. Jedes Pflichtspiel aber hat Bedeutung, jedes trägt zur Entwicklung einer Mannschaft bei, in jedem wächst ein System – oder verkümmert. Deshalb zieht man zur Beurteilung des Werdegangs eines Teams natürlich alle Pflichtspieleindrücke heran. Trainer und Manager tun dies dort, wo die Eindrücke positiv sind, auch gern mal wortgewaltig.

EhekriseBehält man diesen sinnvollen Grundsatz bei, dann ist der Trend Gladbacher Feind. Fünf Pflichtspiele hintereinander, keines davon mit weniger als zwei Gegentoren, ob der Gegner aus Dortmund oder Darmstadt kam, aus Bremen, Manchester oder Leverkusen. Die Kette solcher Erlebnisse war zuvor nur einmal unterbrochen (nach zwei Gegentoren gegen Sevilla und drei in Hoffenheim), skurrilerweise ausgerechnet vom Spiel gegen Bayern München, das die Borussia mit 3:1 gewann und vor allem in der zweiten Hälfte eine gerade defensiv überragende Leistung bot. Zur Pause dagegen hatte man es außer einem starken Yann Sommer vor allem bajuwarischer Schlampigkeit zu verdanken, dass man nicht schon in einer einzigen Spielhälfte auf jene drei Gegentore gekommen war, die seitdem Gladbacher Durchschnitt sind.

Immerhin: die zweite Hälfte gegen Bayern! Sie war Beleg, dass die Borussen es können: Gegen einen offensiv hoch veranlagten Gegner wenig zuzulassen und zugleich beherzt nach vorne zu spielen. Durch dieses zweite Moment war die Leistung noch höher zu veranschlagen, als das auch schon respektable 0:0 beim Champions League-Finalisten Juventus Turin, als die Gladbacher zwar hinten überzeugten, sich aber kaum mal nach vorne trauten. Die Bayern überrannte man in der zweiten Halbzeit förmlich.

Aber man tat das auf der Basis einer stabilen und fehlertoleranten defensiven Basis. Sie war Grundlage des fantastischen Gladbacher Aufschwungs der vergangenen Jahre. Wer sie opfert, dreht die Uhr mehrere Jahre zurück. Im vielleicht souveränsten Spiel dieser Saison, dem 4:1-Sieg bei Hertha BSC Berlin, schien es, als sei André Schubert die Großtat gelungen, diese von Lucien Favre angelegte Basis mit seiner Variante mutigen Offensivspiels zu verheiraten. Inzwischen ist die Ehe zumindest in der Krise. Ob dauerhaft zerrüttet, wird man sehen.


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