Weihnachten! Ein Mann will eigentlich nur seine Frau abholen, aber die sitzt im Gebäude fest, welches wiederum von Terroristen gekapert wurde. Eigentlich sind das auch keine Terroristen, sondern nur besonders beschlagene Diebe. Die Bösen sind perfekt ausgerüstet, der Held hingegen unbewaffnet und hat eigentlich keine Chance. Die nutzt er aber und gewinnt am Schluss. Das Publikum ist begeistert und Hollywood macht eine Fortsetzung. Alles muss nun natürlich ein bisschen größer sein, der Schauplatz ist nun ein Flughafen und die Schurken sind noch ein wenig professioneller. Aber ansonsten das gleiche Drehbuch, die gleiche Dramaturgie (wenn auch weitaus weniger dramatisch) und ein Happy End zum Schluss. Kommen wir nun zum Fußball.

Ein Mann kommt zu einer Mannschaft, die akut vom Abstieg bedroht ist. Er übernimmt ein völlig verunsichertes Team und führt es auf die Erfolgsspur zurück. Zwischenzeitlich gibt es unerwartete Rückschläge aber in einem furiosen Finale rettet sich das Team praktisch in der letzten Sekunde. Doch damit nicht genug. Eine Saison später drehen die Helden nun erst richtig auf, begeistern die Liga mit modernem Fußball und schaffen letztendlich sogar die Champions League Qualifikation. Ein Fußballmärchen wird wahr. Natürlich reden wir hier von Borussia Mönchengladbach und wer es nicht erlebt hat, wird es schon mehrfach von diversen Kommentatoren gehört haben, die auch heute nicht müde werden, daran zu erinnern. Verständlich, denn eine solche Wiederauferstehung ist auch in der an Anekdoten reichen Bundesliga eher die Seltenheit und vielleicht am ehesten mit der zweiten Meisterschaft der heute zweitklassigen Kaiserslauterer zu vergleichen.

Was wäre eine solche Geschichte nun ohne eine Fortsetzung? Natürlich muss wieder alles ein wenig größer sein. Statt des beschaulichen Mönchengladbach befinden wir uns nun in Berlin. Dort kann man zwar keinen Flughafen, aber man hat eine Fahrstuhlmannschaft die irgendwo an der Existenzberechtigung zur Bundesliga vegetiert. Das Team ist abstiegsbedroht, also holt man einen neuen Trainer. Lucien Favre stand für die Rolle nicht zur Verfügung, aber mit Pal Dardai findet man einen passenden Ersatz. Und wie passend! Die Hertha schafft mit Glück den Klassenerhalt und steht fast ein Jahr später auf einem Champions League Platz. Gleiches Drehbuch, ähnliche Dramaturgie, wenn auch weniger dramatisch im Ablauf. Und so viel sei verraten – ein Happy End zeichnet sich bereits ab. Was erstaunt ist, dass die Fortsetzung weitaus weniger Beachtung findet und auch das Umfeld nüchtern reagiert. Noch immer scheint niemand wirklich zu glauben, was die Überraschungsmannschaft bislang erreicht hat. Dabei reicht ein Blick auf die Tabelle, um zu sehen, welches Polster man sich bei der alten Dame Woche für Woche erarbeitet hat.

Vielleicht sind es die fehlenden dramatischen Momente, die diesen Erfolg so unscheinbar erscheinen lassen. Hier wurden nicht die Bayern zerlegt, keine Kantersiege erreicht und kein Traumfußball wird geboten. In Berlin faselt man nicht sinnfrei von Spektakel, sondern bleibt auf dem Boden und punktet einfach. Das ist neu. Das ist die Handschrift des einstigen Favre-Schützlings Pal Dardai. Der Ungar ist sich durchaus des begrenzten Potentials bewusst, welches er besitzt und er weiß es zu nutzen. Eine solide Defensive ist der Grundstein für den Berliner Erfolg. Nur dreimal mussten sie mehr als zwei Tore hinnehmen, am Niederrhein war es doppelt so oft. Bezeichnenderweise gab es auch nur eine Niederlage mit vier Gegentoren – glücklicherweise stammt diese aus dem Hinspiel. Die drittbeste Defensive trifft auf die viertschlechteste. Doch natürlich ist das nur eine Seite der Medaille. Die solide Ausrichtung erfordert natürlich Einschränkungen in der Offensive. Hier ist man lediglich Mittelmaß, während der Gastgeber eine der starke und unberechenbare Offensive sein eigen nennen darf. Trotzdem würde das Fehlen des Ex-Herthaners Raffael schmerzen. Der Brasilianer spielt bislang wohl seine beste Saison. Hinter seinem Einsatz steht aber immer noch ein dickes Fragezeichen.

Vermutlich würde Traoré von einem Ausfall profitieren, da Hazard der erste Kandidat für eine Position neben Stindl sein würde. Die Gladbacher Bank ist 4 Jahre nach dem erscheinen des ersten Teils mittlerweile gut besetzt und langsam kommen auch wieder die Verletzten zurück. Wendt könnte vermutlich wieder spielen. Herrmann und Hahn kämpfen sich stetig heran. Stranzl und Jantschke sind zumindest kurz einsatzfähig. Besonders zum Saisonfinale ist es wichtig Alternativen zu besitzen in einer Verteidigung, die zuletzt verhinderte, dass man sich auch auswärts für das gute Spiel belohnt. Doch noch ist es hier zu früh für Veränderungen, vermutlich wird man sich weiterhin auf den noch fehleranfälligen Elvedi oder Nordtveit in der Innenverteidigung verlassen müssen. Zu Hause hat sich die Mannschaft hingegen belohnt. Allerdings hatte keiner der vergangenen Gegner das Selbstvertrauen des Tabellendritten, der bescheiden, aber mit breiter Brust anreist. Der Druck liegt schließlich bei Gastgeber. Verliert man, ist die Champions League bereits fast abgeschrieben und der Europapokal in akuter Gefahr. Gewinnt man, bleibt die Hertha realistisch in Reichweite. Bei jedem guten Film kommt das Happy End kurz vor Schluss noch einmal in Gefahr. Es wäre gut, wenn Herthas Drehbuch dies für diesen Sonntag vorsieht.


Borussia:
Sommer – Elvedi, Nordtveit, Christiansen, Wendt – Xhaka, Dahoud – Traoré, Johnson – Stindl, Hazard

Hertha: Jarstein – Weiser, Langkamp, Stark, Plattenhardt – Skjelbred, Cigerci – Haraguchi, Darida, Kalou - Ibisevic


TIPPS:

Thomas Häcki: Ich glaube an den Heimvorteil. Die Borussia siegt glücklich, aber nicht unverdient mit 3:1.

Christoph Clausen: Leider reißt die Heimserie zuerst. Ohne Impulsgeber Raffael kommt Borussia im nächsten Big-Point-Spiel nicht über ein 1:1 aus und muss sich auf dem Wartegleis Richtung Europa erst mal hinten anstellen.

Christian Spoo: Das Spitzenspiel wird keines - zumindest keines, bei dem der neutrale Beobachter mit der Zunge schnalzen könnte. Intensiv wird es, und hart umkämpft. Am Ende gibts gelbe Bälle, denn Borussia ringt Hertha mit 2:1 nieder.

Michael Heinen: Auch ohne Raffael gelingt gegen die Hertha ein Heimsieg. Nach dem 2:1-Erfolg darf wieder von der Champions League geträumt werden.


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