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Sieben echte Torchancen hat sich Borussia im Europa-League-Heimspiel gegen Fenerbahce Istanbul erarbeitet. Das sind mehr, als in allen Bundesligaspielen der laufenden Saison. Zwei der Chancen hat die Mannschaft gar genutzt. Das ist positiv und sollte erwähnt werden. Ansonsten gibt es leider nichts Positives zu sagen. Alle Probleme, die sich in den vergangenen Wochen angedeutet oder bereits manifestiert hatten, waren auch am Donnerstagabend zu bestaunen. Angesichts der kommenden Aufgaben  - beginnend mit dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt am Sonntag – kann einem als Anhänger von Borussia Mönchengladbach nur Angst und Bange werden. 


Die Mannschaft ist unsicher, sie ist wackelig. Jeder Gegner, mit dem Borussia es seit dem zweiten Bundesligaspieltag zu tun hatte, war aggressiver und selbstbewusster. Man sehe sich Haltung und Körpersprache der Akteure an. Fenerbahce brillierte keineswegs, spielerisch bot der Gegner Hausmannskost. Aber die Spieler  gingen früh auf den Mann, störten aggressiv, erkämpften sich Bälle im Mittelfeld, holten auch die „zweiten Bälle“, waren meist einen Tick schneller am Ball. So war es Borussia auch in Düsseldorf, über weite Strecken gegen Nürnberg, in Leverkusen und gegen den HSV ergangen. Die Gladbacher Spieler wirken ängstlich, ratlos, spielen haarsträubende Fehlpässe, setzen spät oder gar nicht nach. Nach wie vor bereitet es der Mannschaft größte Probleme, einen Ball in die gegnerische Hälfte und dann auch noch zum eigenen Mann zu bekommen.


Defensive weiter instabil

 

Wenn Trainer und Spieler bis zum Ausgleich ein gutes Spiel erlebt haben, möchte man sie doch daran erinnern, dass es bestenfalls ein Spiel ohne größere Pannen war, bei dem dem Gegner aber bereits zahlreiche Eckbälle ermöglicht wurden – also die Standardsituationen, die es nach Lucien Favre dringend zu vermeiden gilt, zumal sie die in dieser Spielzeit bisher alles andere als sichere Abwehr vor enorme Probleme stellen.


Dass Favre mit der Maxime „gegnerische Standards verhindern“ Recht hat, belegt das Spiel gegen Fenerbahce wie kein zweites: zwei ohne Not verursachte Freistöße brachten den Gegner in Führung. Vor dem Ausgleich leistete sich Alexander Ring völlig ohne Not ein dummes und ungeschicktes Foul. Beim anschlienden Freistoß durch Cristian sprang die Abwehrmauer bestenfalls halbherzig hoch, ter Stegen sah den Ball folglich spät, dennoch sieht ein Torwart nicht gut aus, wenn Freistoß mitten im Tor einschlägt. Den Freistoß, der noch vor der Pause zum 1:2 führte, muss man nicht geben, die Bräsigkeit, mit der die Mannschaft auf den schlichten Trick des Schützen reagiert, entschuldigt das aber keineswegs. Spät und halbherzig gingen Xhaka und Ring auf Meireles, dem der Ball quer zugeschoben wurde. Dessen Schuss geht durch viele Beine – wieder sieht ter Stegen den Ball spät, wieder fragt man sich, ob er ihn nicht dennoch hätte habe können.


Die Tore zum 1:3 und zum 2:4 trafen eine Abwehr in Auflösung – man fragt sich allerdings, warum. Keineswegs fielen sie während extremer Drangphasen oder gar Sturmläufe der Gladbacher. Zwar mühte sich Borussia in den jeweiligen Phasen tatsächlich, zum Ausgleich zu kommen. Das Bemühen endete aber wie gehabt meist in Höhe der Mittellinie. Dass dabei jede defensive Ordnung verloren geht, ist keine Zwangsläufigkeit. Wieder wurden Bälle im Mittelfeld leichtfertig hergeschenkt, anschließend hatte Fenerbahce leichtes Spiel. Zwei Chancen benötigten die Türken in der zweiten Hälfte, um die Partie zu entscheiden.

 

Keine Führung, keine Struktur

 

Der Zusammenhalt, die Einigkeit, die Borussia in den vergangenen anderthalb Jahren so stark gemacht haben, sie sind verschwunden. Die Mannschaft hat keine Struktur, keine Führung. Dass das Spiel konzeptlos angegangen wird, ist in den vergangenen Wochen oft und vielerorts angesprochen worden. Es ist aber derzeit nicht einmal ein gemeinsames Auflehnen gegen die Gegner zu sehen. Fast jeder kämpft, aber er tut das für sich allein.

 

Spieler, die wegen ihrer Fähigkeiten oder ihrer Erfahrung den Anspruch erfüllen müssten, die Mannschaft anzuleiten, sind offenbar mit sich selbst beschäftigt. Stranzl, Brouwers, Daems haben ihre liebe Not mit ihren Gegenspielern, zu mehr reicht es derzeit nicht – und wie die Tore zum 1:3 und zum 2:4 belegen, oft nicht einmal dafür. Dass Juan Arango nicht zur Führungsfigur taugt, wissen wir durch jahrelange Anschauung. Sein über weiter Strecken lustloses Auftreten rechtfertigt das nicht, aber dass er das Spiel nicht an sich reißt, ist ihm kaum vorzuwerfen, er ist einfach nicht der Typ.

 

Wer sonst kommt in Frage, das Spiel an sich zu ziehen? Thorben Marx nach Monaten zwischen Bank und Tribüne? Sicherlich nicht, wenngleich sein Saisondebüt solide war. Havardt Nordtveit war in der ersten Halbzeit noch am ehesten ein Spieler, der das Spiel anzutreiben verstand. Seine rechte Seite machte er 45 Minuten lang zu und tat einiges für das Spiel nach vorne. Aber Regie zu führen ist sicher nicht die Aufgabe eines Rechtsverteidigers und im zweiten Durchgang ließ sich der Norweger vom zappeligen Spiel der Kollegen anstecken und ließ seinen Gegner vor dem Tor zum 1:3 aus den Augen.

 

Bleiben die zentralen Spieler, an diesem Donnerstag Tolga Cigerci und Granit Xhaka. Cigerci hatte kurz vor dem Spiel angekündigt, in Zukunft für die Türkei spielen zu wollen. Um danach eine Leistung abzuliefern, die sicherstellt, dass es bei der Ankündigung bleiben wird.

Immerhin wird Granit Xhaka zunehmend der ihm zugedachten Rolle eines Führungsspieers gerecht – mit dem Mund. Auf dem Spielfeld bewegt sich der Schweizer pomadig, sagt seinen Mitspielern zwar gerne einmal Bescheid, um dann aber selbst den Ball zu verlieren, einen unerreichbaren weiten Pass zu spielen oder ein unnötiges Foul zu begehen. Der 20-Jährige scheint in einer Mannschaft, die sich ohnehin kaum mehr als Einheit präsentiert, noch einmal ein Stück außen vor zu stehen.


Bezeichnend für den entschwundenen Teamgeist ist das Gerangel zwischen Marc-Andé ter Stegen und Xhaka in der Halbzeit. Zwei Spieler, die den Anspruch erheben, zu den Führungsspielern zu gehören, gehen sich an die Gurgel – nach einer Halbzeit, in der beide vornehmlich durch Fehlpässe bzw. Patzer auffielen.

 

Mühsame Ursachenforschung


Die Frage, was genau die Ursache ist, dass einer funktionierenden Mannschaft innerhalb weniger Monate nahezu alles verloren geht, das sie stark gemacht hat, steht weiter im Raum – und ist mit dem Hinweis auf den vielbeweinten Abgang dreier Leistungsträger nicht hinreichend beantwortet. Lucien Favre hat offenbar keine Idee, was er mit dem vorhandenen Spielermaterial anstellen soll. Schlimmer noch – er räumt öffentlich ein, nicht zu wissen, ob ihm das überhaupt gelingen wird. Wohlgemerkt: Favre hat keine Schülermannschaft auf dem Platz, die Neuzugänge sind keine Amateurkicker. Die vorhandene Struktur ist zerstört: der Versuch, mit den neuen Spielern das alte Spiel aufzuziehen, war von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Eine neue Idee, die die alte ersetzen könnte, ist nicht ansatzweise zu erkennen. Das wilde Wechseln von Spielern und Positionen, die offenkundige Unfähigkeit oder der Unwille, prägende Akteure der erfolgreichen Vergangenheit (de Camargo, Hanke) einzubinden, ist der Stimmung im Team mit Sicherheit nicht zuträglich.

 

Die Mannschaft der Stunde kommt


Kaum ein Gegner ist in einer solchen Situation undankbarer, als die aktuelle „Mannschaft der Stunde“. Eintracht Frankfurt spielt in dieser Saison bislang die Rolle, die Borussia in der vergangenen spielte. Ein Underdog, von dem niemand besonders viel erwartet, spielt groß auf und ist neben Bayern München das erfolgreichste Team – mit fünf Siegen aus sechs Spielen – und einem Unentschieden gegen den amtierenden Deutschen Meister.

 

Ähnlich wie bei Borussia in der vergangenen Saison ragt bei den Frankfurtern in der Anfangsphase dieser Spielzeit ein Spieler heraus. Der 21-jährige Sebastian Rode brilliert mit Übersicht im defensiven Mittelfeld und hat – auch das eine Analogie zu Marco Reus – schon das Interesse des BVB geweckt.

 

Die Defensive der Hessen ist trotz Rode und trotz guter Leistungen des neuen Torwarts Kevin Trapp gelegentlich durchaus fehleranfällig. Trapp, vom 1.FC Kaiserslautern an den Main gewechselt, hat den „ewigen Oka“ Nikolov verdrängt. „Frankfurt holt jede Saison einen neuen Torwart und am Ende spielt doch wieder Nikolov“, hieß es jahrelang – das scheint vorbei zu sein. Wenn es Probleme gibt, liegen sie in der Innenverteidigung. Hier spielt der von Borussia endgültig an Frankfurt abgegebene Bamba Anderson noch nicht konstant auf Bundesliganiveau, das gleiche gilt für den aus St. Pauli geholten Carlos Zambrano. Anderson wird am Sonntag gegen seinen alten Arbeitgeber aller Voraussicht nach fehlen - der Brasilianer hat die Grippe. Anstelle seiner wird der norwegische Nationalspieler Vadim Demidov sein Bundesligadebut geben. Auf den Außenpositionen ist die Eintracht dagegen gut aufgestellt. Sebastian Jung und Bastian Oczipka fallen nicht nur durch durch das „Zumachen“ ihrer Seite auf, sie tun auch viel nach vorne. Vor allem Oczipka hat sich als guter Vorbereiter erwiesen. Der Ex-Leverkusener verbucht in dieser Saison schon fünf Assistpunkte. Auf er „Doppelsechs“ spielt neben Rode der routinierte Schweizer Pirmin Schwegler genau die Rolle, die bei Borussia bis dato niemand auszufüllen weiß.

 

Im rechten Mittelfeld ist der von 1860 verpflichtete – und zuvor von halb Deutschland gejagte – Stefan Aigner sofort eingeschlagen, genau wie auf der anderen Seite der aus Bochum geholte Japaner Takashi Inui. Der Sprung in die erste Liga scheint beiden problemlos gelungen zu sein, auch Torgefahr strahlen die Spieler auf den Halbpositionen aus: beide trafen schon drei Mal.

 

Als „Neuneinhalber“ fungiert bei Eintracht Frankfurt seit Jahren ligaunabhängig Alex Meier. Die Rolle hinter den Spitzen liegt dem langen Norddeutschen, der bereits im neunten Jahr bei den Hessen kickt. Ganz vorne hat sich Oliver Occean noch nicht als der Torjäger bewiesen, als den Frankfurt ihn geholt hat. Einen Treffer hat der Kanadier bisher erzielt, sich viele Chancen erarbeitet aber noch nicht die Treffsicherheit, die ihn in den vergangenen Zweitligajahren in Fürth und Offenbach ausgezeichnet hat. Alternativ könnte Trainer Armin Veh auch den Österreicher Erwin Hoffer bringen.

 

Die Parallelen zu Borussia in der vergangenen Saison sind offensichtlich, aber auch der große Unterschied zur Borussia der Jetztzeit liegt auf der Hand: Frankfurt hat es verstanden, sich wirklich zu verstärken. Armin Veh ist es gelungen, gleich fünf Neuzugänge so zu integrieren, dass sie auf Anhieb zu Leistungsträgern in der ersten Elf wurden. Natürlich ist das alles nur eine Momentaufnahme. Die Saison ist erst sechs Spieltage alt und dass einem Höhenflug ein schmerzhafter Absturz folgen kann, weiß niemand besser, als die Frankfurter. Die Chancen, dass der Absturz schon am Sonntag beginnen könnte, stehen allerdings ausgesprochen schlecht.

 

Aufstellungen

Borussia: ter Stegen – Nordtveit, Stranzl, Dominguez, Daems – Xhaka, Marx – Herrmann, Arango – de Camargo, de Jong

Frankfurt: Trapp – Jung, Zambrano, Demidov, Oczipka – Schwegler, Rode – Aigner, Inui – Meier, Occean

 

Seitenwahl-Prognose

 

Christoph Clausen: Noch ein Beleg für die Schnellebigkeit des Fußballgeschäfts: Dass die Borussia am siebten Spieltag als krasser Außenseiter in ein Heimspiel gegen einen Aufsteiger gehen würde, hätte man sich vor ein paar Monaten auch nicht träumen lassen. Nach vier Gegentoren gegen biedere Istanbuler aber gibt es kaum Lichtstreifen am Horizont. Die Frankfurter verlängern die Dunkelheit durch einen weitgehend ungefährdeten 3:1-Auswärtssieg.

 

Christian Grünewald: Mit einer überraschenden Heimklatsche gegen Frankfurt begann für Borussia vor gut zwei Jahren der Abstiegskampf. Nach der neuerlichen, weniger erstaunlichen 1:3- Niederlage kehrt nun die überwunden geglaubte Vergangenheit zurück.

 

Michael Heinen: Die nächste Klatsche wartet auf die verunsicherte Borussia. Nach dem erneut desolaten 0:4 gegen die Frankfurter Senkrechtstarter hat der Abstiegskampf endgültig begonnen.

 

Christian Heimanns: Schwer angeschlagen havariert die Borussia im Herbststurm und passt den Frankfurtern bestens in ihren Lauf, den die Hessen mit einem 2:1 Sieg noch ausbauen.

 

Christian Spoo: Immer tiefer wird Borussia in den Krisenstrudel gezogen. Nach der 1:3-Niederlage herrscht mehr Ratlosigkeit denn je. Borussia kämpft gegen den Abstieg? Ja, hoffentlich kämpft sie!


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