Adi Hütter wird neuer Trainer der Borussia. Sportlich ist das eine gute Lösung. Sportdirektor Max Eberl hat es geschafft, nach dem Abgang von Marco Rose zum Saisonende einen echten Hochkaräter zu verpflichten. Hütter hat in Österreich und der Schweiz sowie mit Eintracht Frankfurt unter Beweis gestellt, dass er Mannschaften formen kann, die nachhaltig erfolgreich Fußball spielen. Es besteht kaum ein Zweifel, dass Borussia damit alles menschenmögliche getan hat, um ab der kommenden Saison wieder in der Bundesliga um die Plätze mitzuspielen, die zur Teilnahme am internationalen Geschäft berechtigen. So weit, so gut. Wem es beim Fußball nur darum geht, dass der Ball rollt und das möglichst oft ins gegnerische Tor, der möge das Lesen jetzt einstellen. Der Rest ist für diese Sorte Fan, die vermutlich nicht klein und deren Haltung völlig legitim ist, irrelevant.

Wie sich die Texte gleichen. Vor knapp zwei Monaten herrschte in Mönchengladbach Katzenjammer. Der Wechsel von Marco Rose zum Dortmunder Ballspielverein kam für die Anhänger der Borussia zwar nicht überraschend, tat aber trotzdem weh. Und die Sache hatte ja auch ein Geschmäckle. Wir erinnern: Rose hatte beim „geilen Verein“ aus Gladbach angekündigt, „etwas Großes“ aufbauen zu wollen. Nach wenig mehr als 18 Monaten mussten die Fans dieses geilen Vereins feststellen, dass der smarte Bartträger aus Leipzig das gar nicht so gemeint hatte. Entsprechend sauer war man, zumal der Wechsel zu einem seinerzeit noch vermeintlich direkten Konkurrenten um die Champions-League-Qualifikation erfolgen sollte und der Beginn der Trainerdiskussion auf wundersame Weise zeitlich mit dem Misserfolg der Gladbacher Mannschaft in der Bundesliga und kurz darauf auch im Pokal zusammenfiel.

Wirklich nachhaltig stabilisiert hat sich Borussia seitdem nicht mehr. Unsere Schreckensprognose am Tag des angekündigten Roseabschieds lautete: „Die Wahrscheinlichkeit, am Ende mit völlig leeren Händen dazustehen, ist größer als die, die Saison noch zu vergolden oder zumindest zu verblechern“. So etwa ist es gekommen. Die Trendwende, um wenigstens noch die Euro League zu erreichen, sehen nur Optimisten schon vollzogen. Ob man wirklich von „vergolden“ sprechen will, sollte man in der neu geschaffenen Unsinnsliga mit dem attraktiven Kürzel CL antreten dürfen, wird kontrovers diskutiert. Max Eberl sagt ja, das Umfeld folgt bestenfalls murrend.

Wie sich die Texte gleichen. Heute herrscht in Frankfurt Katzenjammer. Der Wechsel von Adi Hütter zu Borussia Mönchengladbach kommt für die Anhänger der Eintracht nicht mehr gänzlich überraschend, seit einigen Tagen geistert das Thema durch die Medien, tut aber trotzdem weh. Und die Sache hat ja auch ein Geschmäckle. Erst im Februar hatte Hütter – deutlicher als Marco Rose das bei Fragen zu seiner Zukunft je getan hat - gesagt „ich bleibe“. Nur wenige Wochen später müssen die Fans der gerade auf einer Erfolgswelle surfenden Hessen feststellen, dass der smarte Bartträger aus Hohenems das gar nicht so gemeint hatte. Entsprechend sauer ist man, zumal Hütter zu einem Verein wechselt, der im Gegensatz zur Eintracht im oberen Liga-Mittelfeld herumkrepelt und in der kommenden Saison vermutlich nur zwei Hochzeiten zum Drauftanzen haben wird – bestenfalls angereichert mit einem internationalen Schwoof zum Restef***en.

Wie schon bei Marco Rose bekommt Borussia mit Adi Hütter einen Trainer mit Red-Bull-Vergangenheit. Wie Rose unterschreibt auch Hütter für drei Jahre, ob es wie bei Rose eine Ausstiegsklausel gibt, bleibt bislang offen. Man darf davon ausgehen, dass Adi Hütter nicht aus sentimentalen Gründen zu Borussia wechselt. Im Gegensatz zu Rose, der direkt vom Salzburger Brausewerbeträger kam, war Hütter schon bei einem Traditionsclub mit einem Umfeld, das in Sachen Leidenschaft sicherlich nicht hinter dem Gladbacher zurückstehen muss. Um es mit den Worten von Marco Rose zu sagen: Er war schon bei einem geilen Verein. Und steht mit dem gerade kurz davor, in die Champions-League einzuziehen. Umso bemerkenswerter, dass Hütter nicht die Früchte seiner eigenen Arbeit ernten will, sondern zu einem Verein wechselt, der vor einem Jahr zwar wieder ein strahlender Stern am Deutschen Fußballhimmel zu werden versprach, für den Moment aber eher eine leicht ramponierte Leuchte ebendort darstellt. Warum also wechselt Adi Hütter von Frankfurt nach Gladbach? Bei Marco Rose ist die Intention klarer: So weh es tut, der BVB stellt in der allgemeinen Wahrnehmung eine größere Nummer dar, als die echte Borussia. Und inzwischen sind auch sportlich die Verhältnisse wieder klarer, als im Februar. Dortmund hat zumindest auf die Euro-League vernünftige Aussichten und ist im Pokal noch dabei. Außerdem zahlt Dortmund besser. Bei Adi Hütter… Vermutlich zahlt Borussia besser. Und lässt sich den Wechsel auch noch die für einen Bundesligatrainer bisher ungekannte Ablösesumme von gut sieben Millionen Euro kosten.

Wer an das Gute im Trainer glauben möchte, führt ins Feld, dass sich die Verhältnisse in Frankfurt seit Hütters Bekenntnis geändert haben. Der Abschied von Sportdirektor Fredi Bobic sei inzwischen klarer als damals, womöglich sei ein Nachfolger im Anmarsch, mit dem Hütter nicht zusammenarbeiten mag. Auch das Team drohe auseinanderzufallen – kurzum: Frankfurt stehe kurz vor dem Zerfall. Nun: Im Moment möchte man als Gladbacher gerne da sein, wo die Eintracht ist. Mit den zu erwartenden Einnahmen aus der Champions-League-Qualifikation dürfte sich ein Zerfall vermeiden bzw. in einen konstruktiven Umbau umwandeln lassen. Nein, jenseits von Fragen der persönlichen Inkompatibilität lässt sich nicht verleugnen, dass die Fälle Rose und Hütter deckungsgleich sind. Borussia wird dank der Erfolge von 2011 bis heute in der Fresskette Bundesligaetwas höher eingestuft als Eintracht Frankfurt und ist vermutlich bereit, Hütter besser zu bezahlen.

Wir lernen: Der Begriff der Kontinuität im Fußball schließt die Position Trainer nicht mehr zwingend ein. Dass die meisten Spieler Passanten sind, daran haben wir uns in den vergangenen Jahren gewöhnen müssen, auch wenn es gelegentlich weh tat. Inzwischen ist auch das Traineramt mehr denn je eines auf Zeit. Trainer planen ihre Karriere wie Spieler das tun, machen „den nächsten Schritt“ und sind nicht mehr daran interessiert, sich irgendwo in der niederrheinischen Provinz oder im Hessischen Denkmäler errichten zu lassen. Im Grunde ist das nicht verwerflich. Vor dem Rauswurf schützten Trainer bislang auch weder Adler noch Raute im Herzen (auch wenn die Trainertreue bei Eberls Borussia bis dato vergleichsweise hoch ist). Folglich tun Borussias Fans gut daran, den künftigen Übungsleiter Adi Hütter nicht als Architekten von etwas Großem zu begreifen, sondern als Dienstleister, der für eine Zeit hoffentlich hilft, etwas Ansehnliches und Erfolgreiches auf den Platz zu zaubern. Und wenn er in zwei Jahren nach Leipzig, Mailand oder Madrid geht – dann kommt halt der nächste Passant.


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