Selbst vom Trainer des kommenden Gegners wurde Borussia für die Breite des Kaders gelobt. Da war es fast schon tragisch, dass Lucien Favre zu Saisonbeginn 5x in Folge mit derselben Startformation spielen „musste“. Erst die Verletzung von Filip Daems zwang vor dem letzten Heimspiel zur Umstellung. Gegen Braunschweig wiederum sah Granit Xhaka bereits am 6. Spieltag seine 5. Gelbe Karte. Die dürftige Leistung aus dem Augsburg-Spiel stellt Favre vor der schwierigen Heimpartie am kommenden Samstag jetzt auf einigen Positionen vor die nicht minder schwierige Frage, welches Personal am ehesten geeignet sein könnte, einen Sturmlauf des BVB zu verhindern.

Daems oder Wendt?

Oscar Wendt brauchte gegen Braunschweig ganze 22 Minuten, um seine Chance eindrucksvoll zu nutzen. Während Filip Daems seine Tore ausnahmslos vom Elfmeterpunkt aus erzielt, ließ der Schwede seinen Gegenspieler im Strafraum gekonnt aussteigen und schlenzte den Ball ins lange Eck zur 1:0-Türöffnung. Offensiv ist nicht erst seit dieser Szene unstrittig, dass Wendt für mehr Torgefahr steht als sein Kontrahent. Dafür sind aber nicht erst gegen Augsburg die defensiven Schwächen des Schweden deutlich geworden, die der BVB mit höherer Wahrscheinlichkeit wird ausnutzen können als die beiden letzten Gegner. Andererseits könnte der relativ langsame Daems für das rasend schnelle BVB-Spiel ebenso ein gewisses Sicherheitsrisiko darstellen. Die spannende Diskussion um den geeigneteren Linksverteidiger wird aber voraussichtlich ohnehin um mindestens zwei Wochen vertagt, da der Kapitän weiterhin verletzt auszufallen droht. Eine Änderung in der Startformation wird es hier also an diesem Wochenende aller Voraussicht nach nicht geben.

Nordtveit oder Xhaka?

Anders sieht dies im defensiven Mittelfeld aus, wo Havard Nordtveit in Augsburg seine erste Chance von Beginn an erhielt in dieser Spielzeit. Der Norweger, der seit seinem Wechsel an den Niederrhein im Januar 2011 als unumstrittener Stammspieler galt, musste in dieser Saison der gestiegenen Konkurrenz Tribut zollen. Das Zusammenspiel mit Granit Xhaka ging im Vorjahr deutlich zu Lasten der defensiven Stabilität. Früher oder später wird hier ein weiterer Versuch sinnvoll sein. Vorläufig erscheint aber die Variante schlüssiger, den blendend eingeschlagenen Dauerläufer Christoph Kramer neben einen der beiden etablierten 6er aufzustellen. Da sich Xhaka in den ersten Partien der Saison deutlich verbessert gezeigt und Nordtveit seine Chance in Augsburg nur sehr bedingt genutzt hat, deutet vieles darauf hin, dass der Schweizer erneut in die Startelf zurückkehren wird. Seine defensiven Aussetzer, die er selbst gegen Braunschweig einige Male zur Schau stellte, sollte er gegen den Tabellenführer aber dringend vermeiden, damit er seinen mühsam aufgebauten Vorsprung nicht gleich wieder verliert.

Herrmann oder Hrgota?

Die schwierigste aller Personalfragen wird Lucien Favre im rechten offensiven Mittelfeld drücken. Im Grunde spricht fast alles für einen Wechsel des sich aufdrängenden Branimir Hrgota, auf den der Trainer ohnehin sehr große Stücke hält. Während Patrick Herrmann in den vergangenen Wochen meist durchschnittlich agierte und in Augsburg gar einen richtig schlechten Tag erwischte, war der Schwede in den vergangenen beiden Auswärtspartien ein höchst belebendes Element und mit je einem Tor zudem erfolgreich. Gegen einen Wechsel auf dieser Position spricht allerdings, dass die „fantastischen 4“ in der Borussen-Offensive bislang bei allen 3 Heimspielen für Furore gesorgt haben. Wird Favre dieses Erfolgskonzept im vierten Heimspiel wirklich auseinander reißen? Mit Hrgota würden sich automatisch auch kleinere Änderungen im System ergeben, denn der Schwede ist mehr Stürmer als es beim klassischen Außenläufer Herrmann der Fall ist. Raffael und Kruse, die in den letzten Heimspielen so stark auftrumpften, würden automatisch in ihrer Spielweise beeinflusst werden. Zudem würde man sich einer Möglichkeit berauben, bei suboptimalem Spielverlauf in Halbzeit 2 noch einen bereits bewährten Joker ins Spiel zu werfen. Unter Abwägung aller Vor- und Nachteile könnte Favre somit doch zum Ergebnis kommen, Patrick Herrmann noch eine letzte Bewährungschance in der Startelf zu bieten.

Jantschke oder Korb?

Während die ersten 3 Wechseloptionen sehr umkämpft sind, sollten die Erkenntnisse der ersten Saisonspiele auch auf anderen Positionen zum Nachdenken anregen, ohne dass hier direkt eine Veränderung zu erwarten ist. Die gerade auswärts höchst wacklige Defensive gibt einigen Grund zur Sorge. Tony Jantschke spielt rechts in der Viererkette seit Jahren sein bewährtes Spiel. Er hält die Seite meistens ganz gut dicht, ohne nach vorne allzu viele Impulse zu setzen. Trotz des schönen Weitschusses gegen Bremen, der Raffael zur Torvorlage diente, ist dies insgesamt noch immer reichlich wenig. Und auch defensiv ist Jantschke leider nicht immer fehlerlos. Nun sind gute Außenverteidiger im deutschen Fußball äußerst rar gesät und es fällt selbst den Topklubs schwer, hier geeignetes Spielermaterial zu finden. Trotzdem wird sich der Verein Gedanken machen müssen, ob auf dieser Position nicht zumindest etwas mehr Konkurrenz für den bislang allzu unumstrittenen Jantschke sinnvoll wäre. Mit den steigenden Ansprüchen des Vereins werden auch die Leistungen des Ur-Borussen wachsen müssen. Kurzfristig befindet sich mit Julian Korb nur ein Spieler im Kader, der auf dieser Position zuhause ist. Favre hat aber bereits deutlich klargestellt, dass Korb nur für den Fall eines Ausfalls von Jantschke eine Ersatzlösung darstellt. Auch die Überlegungen mit Havard Nordtveit oder Martin Stranzl dürften vorläufig keine Rolle in den Gedankenspielen des Schweizer Übungsleiters spielen. Bei aller berechtigter Kritik an Jantschkes allzu durchschnittlichen Leistungen sei aber auch gesagt, dass keine dieser Lösungen deutlich mehr Stabilität versprechen würde.

Dominguez oder Brouwers?

Last but not least darf auch die Rolle von Alvaro Dominguez kritisch hinterfragt werden. Favre hat bei de Jong und im Vorjahr bei Xhaka nachgewiesen, dass die Höhen der Ablösen für ihn keine Rolle spielen bei der Mannschaftsaufstellung. Dominguez macht zwar nicht so viel falsch, dass seine Ablösung dringend eingefordert werden müsste. Er lässt aber auch nicht wirklich das Steigerungspotential erkennen, das man sich von ihm erhoffen würde. Von den Leistungen eines Dante ist der Spanier meilenweit entfernt – insbesondere was den Spielaufbau angeht. Was die defensive Absicherung angeht, so braucht sich Roel Brouwers keinesfalls hinter Dominguez zu verstecken. Martin Stranzl sollte als Abwehrchef gesetzt sein. Dahinter sollte der Konkurrenzkampf zwischen den beiden anderen Innenverteidigern aber deutlich enger zugehen als es bei den bisherigen Startelfnominierungen den Anschein hatte.

Prognose

Gegen den BVB wird Granit Xhaka in die Startelf zurückkehren, so dass Borussia genauso spielen dürfte wie beim erfolgreichen letzten Heimspiel. Oscar Wendt wird sich dann der Herausforderung Marco Reus stellen und Patrick Herrmann seine vermutlich letzte Chance erhalten, den Stammplatz der letzten Jahre weiter zu verteidigen.


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