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Ein Sieg über Bayern München. Was bei 16 anderen Bundesligisten wochenlange Feierstimmung auslösen würde, gehört für den gemeinen Gladbach-Fan mittlerweile ein Stück weit zur Normalität. In den letzten sechs Jahren konnte Borussia fünfmal gegen den Rekordmeister gewinnen und ist damit dessen legitimer Angstgegner. Zur Wahrheit gehört auch, dass es in diesem Zeitraum zwei deftige 1:5-Niederlagen gab, in denen die Bayern ihre finanzielle wie sportliche Überlegenheit untermauerten. Nach einer halben Stunde sah es vergangenen Freitag aus als könne sich dies wiederholen: Nicht einmal die für ihren unerschütterlichen Optimismus berüchtigte Seitenwahl-Redaktion hätte beim Stand von 0:2 an einen weiteren Sieg der Fohlenelf geglaubt. Dass es dennoch dazu kam hatte u. a. folgende Gründe.

Die taktische Meisterleistung von Marco Rose

Es ist bekannt, dass Seitenwahl nicht zu den allergrößten Freunden von Dieter Hecking gehörte. Der Nürnberger Sportdirektor kann mit Stolz auf eine sehr ordentliche Karriere als guter Bundesliga-Trainer zurückblicken. Auch bei seinem Borussen-Intermezzo wies er nach, ein absoluter Fachmann zu sein, der aus einer Mannschaft viel herausholen kann. Mit fortlaufender Zeit wurden aber auch seine Grenzen sichtbar, was Max Eberl veranlasste, mit Marco Rose ein Upgrade vorzunehmen. Dies macht sich insbesondere in der Taktik bemerkbar, mit der Borussia unter ihm in die Partie geht und wie sie auf unglückliche Spielverläufe reagiert. Am Freitag z. B. hatte Rose erkannt, dass die Bayern über die Zentrale anfällig sind. Mit einem starken zentralen Mittelfeld fand er genau das richtige Mittel, um selbst einen 0:2-Rückstand noch aufzuholen.

  

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Die Klasse im zentralen Mittelfeld

Jonas Hofmann, Lars Stindl, Florian Neuhaus, Denis Zakaria, Christoph Kramer. Man muss sehr lange in die glorreiche Vereinsgeschichte der Borussia zurückblicken, um ein derart hochkarätiges Mittelfeld zu finden. Während Stindl und Kramer von ihrer Erfahrung zehren, könnten die drei anderen sogar in den kommenden Jahren noch besser werden – sofern sie schlau genug sind, noch ein paar Jahre im Borussia-Park zu verweilen. Spieler des Spiels war selbstverständlich Doppeltorschütze Hofmann, der mittlerweile vor dem Tor so kaltschnäuzig ist, als hätte er nie etwas anderes getan als Tore zu schießen. Es kommt selten vor, dass ein Fußballer das Attribut Torgefährlichkeit derart stark erlernt wie es beim einstigen „Chancentod" der Fall ist. In dieser Form ist Hofmann derzeit vermutlich sogar Borussias wertvollster Spieler überhaupt.

Die wiedererlangte Defensivstärke

Mit der Viererkette Lainer, Ginter, Elvedi, Wendt ist Borussia in den vergangenen Jahren sehr häufig aufgelaufen. Zumeist tat sie dies erfolgreich und vor dieser Saison wäre niemand auf die Idee gekommen, an dieser Abwehrreihe ernsthaft zu zweifeln. In den ersten Partien dieser Spielzeit fing sich Borussia aber unerfreulich viele Gegentore und stand deutlich wackliger als im vergangenen Jahr. Am Defensivpersonal wird es nur zum Teil gelegen haben, wenngleich die vier ebenso wie Torhüter Sommer derzeit ein paar Prozentpunkte von ihrem persönlichen Optimum entfernt sind. Eine gute oder schlechte Defensive beginnt aber in der Offensive, wo der Ausfall diverser Leistungsträger auch für Borussias Defensivbemühungen schädlich gewesen zu sein scheint. Trotz der zwei Gegentore haben es die Gladbacher an diesem Freitag deutlich besser gemacht. Die Bayern-Tore fielen praktisch aus dem Nichts – durch einen Blackout von Neuhaus und einen Sonntagsschuss von Goretzka. Ansonsten ließ die Mannschaft gegen Deutschlands stärkste Offensive sehr wenig zu. In Halbzeit 2 nahm zwar der Druck der Bajuwaren zu, ohne dass dies aber allzu viele zwingende Torchancen herbeigeführt hätte. So war es insgesamt ein hochverdienter Sieg einer an diesem Abend besser eingestellten und auftretenden Mannschaft, die zudem mit viel Leidenschaft um den Sieg kämpfte. Exemplarisch sei hier Rami Bensebaini genannt, der nach seiner Corona-Erkrankung erstaunliche 89 Minuten lang durchhielt.

  

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Tabellarisch war der Sieg gegen die Bayern nach den unzähligen unnötigen Punktverlusten der bisherigen Saison Gold wert. Borussia spielt weiter voll mit im Kampf um die europäischen Plätze und hat zumindest nicht ganz den Anschluss an die oberen vier Plätze verloren, wo zuletzt Leverkusen etwas schwächelt. Die Saison ist noch lang und es wird noch viel passieren. Im Vorjahr folgte – nicht zum ersten Mal – auf einen umjubelten Sieg über die Bayern eine schwächere Phase. Nur wenige Tage später gab es das bittere Aus in der Europa-League sowie eine Niederlage in Wolfsburg. Es gibt also keinen Grund um sich nach dem Sieg über den Rekordmeister zufrieden zurückzulehnen. Marco Rose und sein Team tun vielmehr gut daran, ihn als das zu sehen was er ist – ein erfreuliches, beinahe jährlich wiederkehrendes Ritual, das man zufrieden zur Kenntnis nimmt, um an die konzentrierte Top-Leistung in der verbleibenden Saison möglichst oft anzuknüpfen.

Mike Lukanz: Wer hätte nach diesen vergangenen Spieltagen mit einer solchen Leistung gerechnet? Und das ohne Plea und Thuram? Hofmann ist zurück, Bensebaini ebenso, Zakaria nähert sich seiner alten Topform. Nun gilt es, diese Leistung zu bestätigen und nicht dem alten Fluch zu erliegen, nach dem Bayern-Besieger mit einer wochenlangen Negativserie bestraft werden.

Christian Spoo: Im Gegensatz zum 2:1 der Vorsaison war dieser Sieg hochverdient. Borussia hat Moral bewiesen, die Taktik passte und erstmals in dieser Saison hat das Team konsequent und sicher verteidigt.

Uwe Pirl: DöpDöpDöp!

Claus-Dieter Mayer: Als einziger echter Experte in dieser Redaktion hatte ich nicht auf eine Borussia-Niederlage getippt und war daher auch nicht sonderlich überrascht über den Spielverlauf. Bemerkenswert nur, dass die Bayern in dieser Saison ein noch größeres Kackteam als der FC Augsburg, der VFL Wolfsburg oder Real Madrid zu sein scheinen und noch nicht mal den obligatorischen späten Ausgleichstreffer im Borussia-Park hinbekamen.

  

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