Mailand, Madrid, Donezk. Obwohl Corona die Freude auf diese hochwertigen Gegner in der Champions League beträchtlich trübt, dienen sie dennoch als eindrucksvoller Beleg dafür, was Borussia mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln in den letzten Jahren erreicht hat. Dass der Verein mit einem Etat von etwas mehr als 200 Mio. Euro ein verdientes Remis beim international weit erfahrenen Klub Internazionale Mailand mit fast doppelt so großem Umsatz einfahren konnte, darf nicht als Selbstverständlichkeit abgetan werden. Um den immensen Wettbewerbsnachteil zu kompensieren, muss Borussia kontinuierlich schneller und schlauer sein als die nationale und internationale Konkurrenz, was ihr zuletzt in hervorragender Manier gelungen ist.

Vor diesem Hintergrund darf man sich auch nicht wundern, dass die Elf von Marco Rose in der ersten halben Stunde in Mailand offensiv nicht stattfand. Entscheidend war in dieser Phase, dass die Defensive stand und das Spiel nicht frühzeitig durch einen (ggf. hohen) Rückstand vorentschieden wurde. Die letzten Wochen haben gezeigt, wie sehr Borussia gerade in der Offensive noch nach ihrer Form sucht. Der Kader weist zwar eine sehr ordentliche Breite auf, kann aber den Ausfall gleich mehrerer Leistungsträger naturgemäß nicht ohne Qualitätsverlust auffangen.

Das Spiel in Mailand könnte ein ganz wichtiger Baustein für den Weg zurück zur Topform gewesen sein. Wenn das Selbstbewusstsein und -verständnis fehlt, muss sich das Team dies zurück erarbeiten. Wie sich die Mannschaft nach holprigem Start in Mailand steigerte und selbst nach dem Rückstand ins Spiel zurückfand, war ein wichtiges Erfolgserlebnis, auf das sich aufbauen lässt. Dass es gegen die Schlussoffensive von Inter mit ihren Weltklasse-Angreifern nicht gelungen ist, den Vorsprung in den letzten 10 Minuten über die Zeit zu retten, sollte die Freude und den Stolz ob des trotzdem tollen Ergebnisses nicht allzu sehr trüben.

Am Samstag in Mainz wird es darum gehen, an diese Leistungssteigerung anzuknüpfen und das entstandene Selbstvertrauen zu nutzen. Sollte Borussia nur annähernd Normalform abrufen können, wird es einen Auswärtssieg geben. Die Mainzer stehen vor einer schwierigen Saison, denn für sie gilt im kleineren Rahmen dasselbe wie für Borussia. Im Vergleich zu ihrer (nationalen) Konkurrenz verfügen sie über deutlich geringere Mittel und müssen daher um diesen Faktor besser sein. Es ist beeindruckend, mit welcher Nachhaltigkeit ihnen dies in den vergangenen Jahrzehnten gelungen ist: seit 2009 ist der Verein durchgängig erstklassig. Schon in den letzten Spielzeiten war die Abstiegsgefahr aber ein permanenter Begleiter. Dieses Jahr könnten die Bundesliga-Lichte(r) in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt endgültig ausgehen, wenn die Mannschaft sich gegenüber ihrem desolaten Saisonstart nicht enorm zu steigern versteht. Die einst so starke Defensive präsentiert sich zunehmend als anfällig. 11 Gegentore gab es in den ersten drei Partien, davon je vier durch Vereine wie Stuttgart und Union, mit denen sich die Mainzer eigentlich auf Augenhöhe wähnten. Zuletzt konnte beim 0:1 gegen Leverkusen immerhin die beste Saisonleistung abgerufen werden, die verdeutlicht, dass es auch für Borussia kein Spaziergang werden wird.

Dies gilt insbesondere dann, falls es Borussia nicht gelingt, den Schalter umzulegen von der Feststimmung in der Königsklasse auf Bundesliga-Tristesse. Wer in Mailand gepunktet hat, könnte im Unterbewusstsein Probleme bekommen, den punktlosen Tabellenletzten der Bundesliga ausreichend ernst zu nehmen. Es wird die Hauptarbeit für das Trainerteam um Marco Rose sein, den Spielern die körperliche und geistige Frische zurückzugeben. Mit Blick auf das anstehende Programm mit fünf weiteren Partien in den nächsten zwei Wochen dürfte Rose ab sofort die Rotationsmaschine anwerfen. Eine seriöse Prognose der Aufstellung scheint daher nicht möglich, weshalb wir darauf verzichten. Wendt und Stindl könnten, z. B. für Bensebaini und Embolo, in die Startelf zurückkehren. Gut möglich, dass aber auch noch der eine oder andere weitere Leistungsträger für die bevorstehenden Aufgaben geschont wird. Egal mit welcher Aufstellung Borussia aber antritt: Ein Auswärtssieg ist Pflicht, damit das Tabellenmittelfeld verlassen und der Anschluss an die oberen Ränge gewahrt wird.

SEITENWAHL-TIPPS

Michael Heinen: Mehr Pflichtsieg geht nicht. Borussia schlägt Mainz mit 2:0.

Christian Spoo: Der Punkt in Mailand sollte helfen, -nz zu schlagen. Borussia gewinnt mit 2:1

Uwe Pirl: Borussia wird zwar müde sein, aber Qualität und Breite im Kader setzt sich am Ende durch. 1:0 für Borussia.

Mike Lukanz: Mailand oder Madrid, Hauptsache Mainz. Diesen Spagat zwischen der großen Bühne und dem grauen Alltag beherrscht Borussia noch nicht. Das 0:0 beschert den Mainzern den ersten Punkt

Claus-Dieter Mayer: Auch im vierten Bundesligaspiel in Folge bleibt der VfL ungeschlagen. Die Feierlichkeiten dazu halten sich nach einem mühseligen und eher glücklichen 1:1 in Mainz allerdings in Grenzen.


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